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Magersucht bei Männern«Ich hungerte mich extrem herunter und verlor meine Libido»

Um körperlichen Idealen zu entsprechen, hungerte sich Charles (27) herunter. Heute hat er seine Magersucht überwunden und berät Menschen in ähnlichen Situationen.

von
Vincent Vogler
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Charles fühlte sich mich 13 Jahren unwohl in seinem Körper und fing an, sich auf 41 Kilogramm runter zu hungern. 

Charles fühlte sich mich 13 Jahren unwohl in seinem Körper und fing an, sich auf 41 Kilogramm runter zu hungern.

© Caters News Agency
Schon seit seiner Geburt kämpft Charles mit seinem Körper: Er wurde mit einem Klumpfuss geboren.

Schon seit seiner Geburt kämpft Charles mit seinem Körper: Er wurde mit einem Klumpfuss geboren.

Darum gehts

  • Charles trieb als Kind aufgrund körperlicher Beschwerden wenig Sport.

  • Mit 13 stürzte er in die Magersucht.

  • An seinem Tiefpunkt wog er nur noch so viel wie ein normalgewichtiger 11-Jähriger.

  • Eine Fitnesstrainerin führte ihn zurück auf die richtige Spur.

  • Heute ist er gesund und berät Menschen, die dasselbe durchmachen.

Charles, wie verlief deine Kindheit?

Ich wurde mit einem Klumpfuss am linken Bein geboren. Die Ärzte sagten meiner Mutter, dass ich nie laufen würde, doch sie wollte das nicht wahrhaben. Im Alter von zwei Monaten hatte ich meine erste Operation, mit zehn Monaten die zweite. Und tatsächlich konnten die Ärzte meinen Fuss geradebiegen und mir so das Laufen ermöglichen. Als ich 12 Jahre alt war, kam der Rückschlag: Mein linkes Bein war nicht richtig mitgewachsen. Erneut musste ich mich unters Messer legen. Mir wurde das Schienbein gebrochen und dann ein äusserlich sowie innerlich angebrachtes Gestell zur Beinverlängerung eingesetzt. Sechs Monate lief ich mit Krücken herum.

Wie ging es danach weiter?

Das Gestell wurde mir, bis auf zwei Metallplatten, die vorerst im Bein bleiben mussten, entfernt. Durch meinen körperlichen Nachteil war ich nie besonders motiviert, Sport zu treiben. Ich war zwar nicht dick, aber ich hatte auch nicht wirklich Muskeln. Das hat an meinem Selbstvertrauen gekratzt, da ich durch Social Media den Eindruck bekam, dass Männer durchtrainiert sein müssen. Mit 13 Jahren nahm ich mir einen meiner Freunde zum Vorbild, der ein Sixpack hatte. Ich fragte ihn, wie er das gemacht habe und er antwortete: «Iss weniger und treibe Sport.» Das habe ich getan – und dabei krass übertrieben: Ich habe teilweise nur noch 800 Kalorien zu mir genommen und dazu Kraftsport gemacht. Zwei Jahre zog ich dieses Programm durch und machte dabei alles falsch, was man falsch machen kann.

Wie hat sich dein Körper dadurch verändert?

An meinem Tiefpunkt wog ich nur noch so viel wie ein normalgewichtiger 11-Jähriger. Mein Ruhepuls lag bei 42. Körperlich hatte ich zwar das Gefühl, dass es mir einigermassen gut ging, aber psychisch habe ich mich in dieser Zeit komplett verändert: Ich zog mich sozial zurück, verlor meine Libido und auch die Freude am Leben. Ich war stark magersüchtig, doch ich merkte es nicht. Eine Stimme in mir sagte immer, ich müsse noch mehr abnehmen.

Wie hat dein Umfeld auf die Magersucht reagiert?

Meine Eltern haben sehr darunter gelitten. Sie sprachen mich oft darauf an, doch ich habe nicht auf sie gehört. Sie sahen, wie ich mich zu Tode hungerte und konnten nichts dagegen unternehmen. Um mir die Ernsthaftigkeit der Situation klarzumachen, sagte mein Vater einmal zu mir: «Du siehst aus wie ein ausgehungerter Häftling!» Er wollte mir damit nur helfen, aber ich habe alles ignoriert.

Wodurch wurde dir dann klar, wie ernst es um dich stand?

Durch ein einschneidendes Erlebnis, als ich 15 war. Ich wurde erneut operiert, um die zwei Metallplatten aus meinem Bein zu entfernen. Nach der OP suchte ein Arzt das Gespräch mit mir. Er war eine absolute Autoritäts- und Vertrauensperson für mich. Er schaute mir tief in die Augen und sagte: «Charles, wenn du jetzt nichts unternimmst, wirst du in zwei bis drei Monaten sterben.» Das hat mich kurzfristig wachgerüttelt. In den darauffolgenden Wochen nahm ich ein paar Kilo zu, aber dann hielt mich meine innere Stimme wieder davon ab, mehr zuzunehmen. Meine Eltern schickten mich zu einer Psychiaterin, die mich jede Woche wog. Doch ich schummelte beim Wiegen, trank kurz davor immer zwei Liter Wasser. Ich wollte meine Eltern dadurch glücklich machen. Als mein Vorgehen aufflog, wechselte ich die Psychiaterin.

Konnte sie dir helfen?

Ja, sie riet mir, neben Fett auch Muskelmasse zuzunehmen, sodass ich mich in meinem Körper wohlfühle. Das fand ich richtig cool und ich fing an, in einem Fitnesscenter zu trainieren. Dort kam es zu einer entscheidenden Begegnung: Eine Trainerin sah, wie schmal ich war und nahm mich unter ihre Fittiche. Sie wollte mich aufrichten. Dafür trainierte sie mich sogar gratis. Fitness und Ernährung wurden zu meiner Leidenschaft und haben mir das Leben gerettet. Ich verspürte das erste Mal wieder einen Sinn in meinem Dasein.

Wie geht es dir heute?

Heute geht es mir sehr gut. Durch meine Vergangenheit fühle ich mich verpflichtet, Menschen mit einer ähnlichen Geschichte zu helfen. Darum habe ich einen Youtube-Kanal lanciert, in dem ich über Ernährung und Psychologie rede. Zudem habe ich mich selbstständig gemacht und berate heute Menschen, wie sie nachhaltig und gesund abnehmen, ohne zu leiden oder stundenlang Sport treiben zu müssen. Den Leuten muss gezeigt werden, dass diese «Friss-die-Hälfte-Mentalität», der ich verfallen war, Schwachsinn ist.

«Bei Männern sind Essstörungen häufiger geworden»

Dagmar Pauli ist Chefärztin und stellvertretende Klinikdirektorin der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich. 

Dagmar Pauli ist Chefärztin und stellvertretende Klinikdirektorin der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich.

Privat

Frau Pauli, wann sollte man sich Hilfe suchen?

Wenn man selbst merkt, dass man die Kontrolle verliert. Aber zu Beginn der Essstörung hat man oft eine Wahrnehmungsstörung und erkennt nicht, dass man immer dünner wird. Darum ist es sehr wichtig, dass man auf Warnungen aus dem Umfeld hört. Wenn Familienmitglieder oder Freunde sagen, dass man ungesund mager aussehe und dabei sei, die Kontrolle zu verlieren, dann sollte man das ernst nehmen.

Wie bewältigt man die Krankheit am besten?

Man kann sich nur schwer an den eigenen Haaren aus dem Sumpf ziehen. Oftmals ist fachliche Hilfe nötig, um die Ernährung zu stabilisieren und die Angst vor den Kalorien zu überwinden. Parallel dazu muss man auch die Themen besprechen, die zur Magersucht geführt haben.

Laut dem deutschen Ärzteblatt gibts bei keiner anderen Erkrankung so deutliche Geschlechtsunterschiede (80 Prozent versus 20 Prozent). Wieso sind Männer viel seltener von einer Magersucht betroffen?

Zum einen hat das gesellschaftliche Gründe: Frauen stehen unter einem grösseren Schlankheitsdruck. Zum anderen nehmen Männer in der Pubertät vermehrt Muskeln zu, während bei Frauen eine hohe Fettzunahme natürlich ist. Das verwechseln viele in der Pubertät mit dick werden. Doch auch bei Männern sind Essstörungen häufiger geworden. Immer mehr müssen sie einem unrealistischen Ideal vom fettfreien muskelbepackten Mann entsprechen. (Die Zahl der 12- bis 17-jährigen Männer, die an einer Essstörung leiden, stieg in den vergangenen 12 Jahren um circa 60 Prozent.)

Hast du oder hat jemand, den du kennst, eine Essstörung?

Hier findest du Hilfe:

Pro Juventute, Tel. 147

Elternberatung, Tel. 058 261 61 61

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