Syrer in der Schweiz: «Ich kann meine Familie nicht erreichen»
Aktualisiert

Syrer in der Schweiz«Ich kann meine Familie nicht erreichen»

Der Westen steht kurz vor einem Militärschlag gegen Syrien. Der in der Schweiz lebende syrische Flüchtling Ashti Amir fürchtet um seine Familie in der Heimat.

von
Hannes von Wyl

Herr Amir, der Westen steht kurz davor, in Syrien militärisch einzugreifen. Befürworten Sie einen Militärschlag?

Ashti Amir: Die Rebellen brauchen jede Unterstützung aus dem Ausland. Alleine haben sie keine Chance gegen die Soldaten Assads. Ein massiver Angriff mit Raketen könnte zudem die Moral der Regierungstruppen weiter schwächen.

Kommt der Militärschlag noch rechtzeitig?

Nein, viel zu spät, das hätte vor zwei Jahren passieren müssen. Obama hat gesagt, dass ein Chemiewaffeneinsatz eine rote Linie überschreite. Das Assad-Regime hat mit ballistischen Waffen Tausende Menschen getötet, und Hunderttausende zur Flucht gezwungen. Und da soll keine rote Linie überschritten worden sein?

Haben Sie Verwandte, um deren Leben Sie fürchten?

Meine ganze Familie lebt in Syrien an verschiedenen Orten, teilweise weiss ich gar nicht, wo sie sind. Eine Schwester ist in die Türkei geflohen, ein Bruder hält sich im Libanon auf, seine Familie sitzt aber in Damaskus fest. Zu einem anderen Bruder hatte ich seit zwei Jahren keinen Kontakt mehr, von meinen Eltern habe ich seit fünf Monaten nichts mehr gehört. Ich habe gestern lange versucht, mit meinen Geschwistern Kontakt aufzunehmen, konnte sie aber nicht erreichen. Ich habe grosse Angst um meine Familie.

Wird Assad sich am Volk rächen, wenn der Westen ihn in die Enge treibt?

Die Drohung der Regierung, sich mit allen Mitteln zu wehren, beunruhigt mich sehr. Eine Regierung, die bis jetzt tausende Menschen getötet hat, ist zu allem fähig. Es kann sein, dass Assad wieder auf die eigene Bevölkerung losgeht. Ich hoffe, dass die Generäle sich weigern, wenn sie einsehen, dass das Regime am Ende ist.

Was können syrische Flüchtlinge in der Schweiz für ihre Angehörigen tun? Sind sie alle gegen Assad?

Die meisten versuchen, ihre Familie und Freunde finanziell zu unterstützen. Sie bemühen sich auch, ihnen Kleider oder Medikamente zukommen zu lassen. Die Mehrheit stellt sich gegen das Assad-Regime. Die in der Schweiz lebenden Syrer wollen ein liberales, demokratisches System für Syrien.

Werden Sie zurückkehren, wenn Assad gestürzt ist?

Diese Frage stelle ich mir immer wieder. Das muss ich zusammen mit meiner Familie entscheiden. Meine drei Kinder sind in der Schweiz geboren und gehen hier zur Schule. Ich würde mich aber gerne beim Aufbau einer freien syrischen Gesellschaft beteiligen und meine Erfahrungen aus der Schweiz miteinfliessen lassen.

Ashti Amir (48) lebt seit 14 Jahren als anerkannter Flüchtling in der Schweiz. Mit seiner syrischen Frau und drei Kindern wohnt er in Bern. Wegen seiner Kritik am Regime des damaligen Staatspräsidenten Hafiz al-Assad (Vater des jetzigen Präsidenten Baschar al-Assad) wurde Amir bedroht und inhaftiert. Aus Angst um sein Leben floh er 1999 in die Schweiz. Seither betreut er in seiner Freizeit syrische Flüchtlinge im Kanton Bern. Im März 2013 besuchte Amir mit Journalisten zwei Flüchtlingslager in Syrien und der Türkei.

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