Tötungsdelikt Wasterkingen: «Ich kann mich nicht mehr erinnern»
Aktualisiert

Tötungsdelikt Wasterkingen«Ich kann mich nicht mehr erinnern»

Ein 53-jähriger Montenegriner stand wegen vorsätzlicher Tötung seiner Ehefrau vor Obergericht. Das Urteil wird erst später gefällt.

von
Stefan Hohler
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In diesem Haus in Wasterkingen ZH kam es am 17. Oktober 2017 zu einem Tötungsdelikt.

In diesem Haus in Wasterkingen ZH kam es am 17. Oktober 2017 zu einem Tötungsdelikt.

Screenshot Tele Züri
Die 45-jährige Mutter R. T. wurde mit einem Messer getötet.

Die 45-jährige Mutter R. T. wurde mit einem Messer getötet.

Ihr Ehemann steht nun wegen des Tötungsdelikts vor Gericht. Er ist geständig, will aber einen Freispruch.

Ihr Ehemann steht nun wegen des Tötungsdelikts vor Gericht. Er ist geständig, will aber einen Freispruch.

Darum gehts

  • Ein Montenegriner, der seine Frau erstochen hat, stand am Dienstag vor dem Obergericht Zürich.
  • Ein Urteil gibt es erst später, weil das Gericht noch einen medizinischen Kontrollbericht über seine Krebserkrankung abwartet.
  • Das Bezirksgericht Bülach hatte den Mann 2019 zu elf Jahren Gefängnis und zehn Jahren Landesverweis verurteilt.
  • Die Tat geschah im Oktober 2017 in Wasterkingen.

Das in den Medien als Fall Wasterkingen bekannt gewordene Tötungsdelikt schockierte die Öffentlichkeit, da ein Ehemann seine Frau vor den Augen des zwölfjährigen Sohnes mit einem Küchenmesser tötete. Auch am Prozess vor dem Zürcher Obergericht konnte der Beschuldigte nicht sagen, warum er das Messer der Frau mitten ins Herz gestochen hatte: «Ich kann mich nicht mehr erinnern», sagte er wortkarg.

Die Tat vom 17. Oktober 2017 in der Zürcher Unterländer Gemeinde Wasterkingen war der traurige Schlusspunkt eines jahrelangen Beziehungsstreits zwischen einem Ehepaar aus Montenegro. Das Paar war 1999 in die Schweiz eingereist und hatte einen Asylantrag eingereicht. Dieser wurde zwar abgelehnt, trotzdem konnte es als vorläufig Aufgenommene in der Schweiz bleiben.

Polizei musste einschreiten

Der Mann war als Hilfsarbeiter tätig, bis im Jahr 2005 ein Hirntumor den Alltag des inzwischen vierfachen Familienvaters radikal veränderte. Er musste sich Hirnoperationen unterziehen, die zu Komplikationen und in der Folge zu Epilepsie führten. Der ehemalige Hauptmann der serbischen Armee wurde ein IV-Bezüger und Sozialhilfeempfänger. Es gab finanzielle und familiäre Probleme und die Polizei musste mehrfach einschreiten.

An jenem Oktoberabend war die Stimmung einmal mehr auf dem Tiefpunkt. Das Ehepaar stritt in der Wohnung und es kam zu gegenseitigen Tätlichkeiten, als der Mann aus einer Schublade in der Küche ein Messer mit einer Klingenlänge von 20 Zentimeter packte und viermal auf die 45-jährige Ehefrau einstach, wovon der letzte Stiche ins Herz zum sofortigen Tod führte.

Staatsanwältin fordert 15 Jahre Gefängnis

Das Bezirksgericht Bülach hatte den Beschuldigten im Februar 2019 wegen vorsätzlicher Tötung zu einer Freiheitsstrafe von elf Jahren verurteilt. Zudem soll der Montenegriner für zehn Jahre des Landes verwiesen werden. Dagegen legten sowohl die Staatsanwältin als auch der Verteidiger Berufung ein. Erstere hatte eine Freiheitsstrafe von 15 Jahren und einen ebenso langen Landesverweis verlangt, letzterer einen Freispruch wegen Schuldunfähigkeit.

Am Prozess verlangte die Staatsanwältin, dass das Urteil «nach oben zu korrigieren sei». Der Mann habe kaltblütig und mit hoher krimineller Energie die Tat verübt. So wischte er danach das Messer ab und sagte – statt der Schwerverletzten zu helfen – zu den Kindern, dass die Mutter sowieso sterben werde. «Die komplette Amnesie genau zum Tatzeitpunkt ist eine Schutzbehauptung», sagte die Staatsanwältin zum angeblichen Gedächtnisverlust. Für die Tat wäre eine Strafe von 19 oder 20 Jahren zu beantragen. Weil das psychiatrischen Gutachten von einer mittelgradigen Verminderung der Schuldfähigkeit ausgeht und der Mann ein Geständnis ablegte und Reue zeigte, sei eine Freiheitsstrafe von 15 Jahren auszusprechen.

«Er hat Kontrolle über sich verloren»

Der Verteidiger dagegen forderte wegen vollständiger Schuldunfähigkeit einen Freispruch. Sein Mandant habe nicht vorsätzlich getötet. «Es war eine Affekthandlung, er hat die Kontrolle über sich verloren», sagte der Anwalt. Der Beschuldigte habe sich wegen dem Streit und der Persönlichkeitsveränderung durch die Krankheit in einem «seelischen Ausnahmezustand» befunden. Es sei ein Affektsturm aus Wut, Angst, Kränkung und seelischer Belastung gewesen, in dem er es schlichtweg nicht mehr ausgehalten habe.

Er verwies auch auf das psychiatrische Gutachten, das von einer schweren Schuldverminderung ausgeht, falls es damals zu gegenseitigen Tätlichkeiten gekommen sein sollte. Der von Gericht angeordnete Landesverweis sei abzulehnen, sei Mandant sei ein persönlicher Härtefall.

Medizinische Untersuchung abwarten

Das Obergericht fällte am Dienstag noch kein Urteil. Es will zuerst den Bericht über die Kontrolluntersuchung des Beschuldigten im Universitätsspital von diesem Januar abwarten. Dabei soll die Frage geklärt werden, ob sich die Krebserkrankung verschlechtert hat oder ob der Gesundheitszustand wie in den letzten Jahren stabil geblieben ist. Diese Frage ist wohl entscheidend, ob das Gericht bei einem Schuldspruch eine Landesverweisung ausspricht oder ob ein persönlicher Härtefall vorliegt und es darauf verzichtet. Das Urteil wird den Parteien schriftlich zugestellt.

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