Thailand-Experte: «Ich kann mir jetzt einen Bürgerkrieg vorstellen»

Aktualisiert

Thailand-Experte«Ich kann mir jetzt einen Bürgerkrieg vorstellen»

Der Anschlag in Thailand war nur die Spitze eines gefährlichen Konflikts. Experte Wolfram Schaffar erklärt.

von
nsa
1 / 30
Grosse Anteilnahme: Menschen zünden am 18. August 2015 Kerzen für die 22 Todesopfer an.

Grosse Anteilnahme: Menschen zünden am 18. August 2015 Kerzen für die 22 Todesopfer an.

AFP/Pornchai Kittiwongsakul
In der Nähe des Erawan-Schreins gedenken Menschen der Opfer des Attentats.

In der Nähe des Erawan-Schreins gedenken Menschen der Opfer des Attentats.

AFP/Pornchai Kittiwongsakul
Unter den Todesopfern befindet sich laut dem britischen Aussenministerium auch eine Britin: Die Polizei riegelt den Tatort beim Erawan-Schrein ab.

Unter den Todesopfern befindet sich laut dem britischen Aussenministerium auch eine Britin: Die Polizei riegelt den Tatort beim Erawan-Schrein ab.

Keystone/Sakchai Lalilt

Herr Schaffar, muss man sich nach dem Attentat beim Erawan-Schrein Sorgen um Thailand machen?

Das müsste man eigentlich schon seit langer Zeit. Das Regime konnte die Ruhe schon seit es im Mai 2014 an die Macht gekommen ist nur durch massive Repression aufrechterhalten. Es gab im ganzen Land Ausgangssperren und ein Verbot von politischen Versammlungen. Die Opposition wird bis heute systematisch unterdrückt. Das, was bisher an Thailand gelobt wurde, also dass es so sicher und so ruhig war, ist nur das Ergebnis dieser repressiven Politik.

Hat sich der Terror der letzten Tage schon vorher abgezeichnet?

Ja, ganz klar. Es gibt ja im Süden von Thailand schon einen offenen Bürgerkrieg, der seit zehn Jahren mit unterschiedlicher Intensität tobt. Die muslimischen Malaien, die dort leben, verlangen Autonomie oder wollen sich vom Rest des Landes abspalten. In Thailand ist zwar noch nie wahrnehmbare Gewalt von dort aus in die Hauptstadt geschwappt. In anderen südostasiatischen Staaten mit ähnlichen Problemen war das aber so.

Auch gibt es den Konflikt zwischen der Partei der Rothemden, die mehr Demokratie für das Land fordert, und den Gelbhemden, die gerade an der Macht sind. Die Gelbhemden behaupten schon lange, die Rothemden seien bewaffnet und planten einen Aufstand – auch wenn das bisher eher lächerlich klang. Kurz gesagt: Es war eigentlich immer erklärungsbedürftig, wieso es in Bangkok nicht zu Gewalt kam.

Bisher hat sich niemand zum Anschlag in Bangkok bekannt. Was glauben Sie, wer hat die Bombe gezündet?

Ich versuche gerade zu verfolgen, welche Theorien im Raum stehen. Keine scheint mir im Moment sinnvoll. Die Anschläge der Malaien haben sich meist gegen Vertreter des Staates und vor allem des Schulsystems gerichtet. Die sind beispielsweise mit Motorrädern vor einer Schule vorgefahren und haben Lehrer vor den Augen ihrer Schüler erschossen. Ein Anschlag auf ein hinduistisches Monument passt nicht zur Handschrift der muslimischen Rebellen.

Also waren es die Rothemden?

Auch zu ihnen passt dieser Anschlag nicht. Die Rothemden sind nie durch terroristische Anschläge hervorgetreten – und schon gar nicht gegenüber Ausländern. Fast alle Gruppen im Land haben bisher ihren Feind in anderen Thais gesehen. Angriffe gegen Aussenstehende gab es bisher noch nicht. Man war sowohl beim Regime als auch bei den Rothemden sehr darauf bedacht, die Fassade zu wahren.

Welche Rolle spielt die Regierung?

Man muss sich das so vorstellen: Bei einem normalen Putsch sagen die Putschisten: «Wir übernehmen die Macht für kurze Zeit, um das kaputte System im Land wiederherzustellen. Dann veranstalten wir Wahlen und alles wird gut.» In diesem Fall haben die Generäle aber von Anfang an gesagt, dass sie keine Lust darauf haben, die Macht wieder abzugeben, als sie 2014 die Präsidentin absetzten. Das hat Thailand in eine Situation gebracht, die das Land bisher noch nicht kannte. Zudem setzen die Generäle ihre Pläne ohne Rücksicht auf die Bevölkerung durch. Das führt zu unglaublichen Spannungen im ganzen Land.

Ziel des Anschlags war der Erawan-Schrein. Gibt es dafür einen Grund?

Die Strasse beim Schrein ist symbolträchtig. Dort trafen sich 2010 die Rothemden zu den Demonstrationen gegen die erste Militär-Junta. Dort walzten die Panzer der Generäle die Proteste aber auch blutig nieder. Zu den neunzig bis hundert Menschen, die damals starben, gab es bis heute keine Aufklärung. Dieser Boden ist also mit Blut eines ungelösten Konflikts befleckt.

Zum ersten Mal wurden in Thailand Touristen angegriffen. Was bedeutet das?

Ich denke, in diesem Fall wurden die Touristen nicht angegriffen, weil man den Westen mit seinen Liberalen Werten ablehnt – so wie das im Moment beispielsweise in Ägypten geschieht. Eher scheint es so zu sein, dass damit ein Schwachpunkt des Regimes getroffen werden soll. Also, dass der Tourismus attackiert wird um die jetzige Regierung unter massiven Druck zu setzen. Der Tourismus ist eine enorm wichtige wirtschaftliche Lebensader Thailands. Dass die Angreifer so weit gehen, ihn anzugreifen, sagt viel aus.

Würden Sie zum jetzigen Zeitpunkt von einer Thailandreise abraten?

Ich würde es davon abhängig machen, was in den nächsten Tagen passiert. Wenn sich der Anschlag als der Auftakt zu einem generellen Gewaltausbruch im Land herausstellt, muss man sich eine Thailand-Reise schon gut überlegen. Dass die Situation in Thailand eskaliert, könnte ich mir gut vorstellen.

Heisst das, sie können sich einen Bürgerkrieg vorstellen?

Ja, das Konfliktpotenzial ist riesig. In den letzten zehn Jahren wurden wir von Thailand immer wieder negativ überrascht. Es ist unglaublich, wie unlösbar die Konflikte erscheinen und wie ungeschickt sich die Eliten bei deren Lösung anstellen. Wenn dieser Konflikt jetzt tatsächlich eskaliert, darf man sich nicht wundern.

Sind Sie zurzeit in Bangkok? Melden Sie sich auf feedback@20minuten.ch

Wolfram Schaffar ist Professor für für politikwissenschaftliche Entwicklungsforschung an der Universität Wien und Thailand-Experte.

Deine Meinung