27.06.2020 07:39

Verhütung und Corona

«Ich kann mir wegen Corona die Pille nicht mehr leisten»

Durch Corona sind Alessia*, Anna und Farah* in finanzielle Not geraten – so sehr, dass nicht mal mehr genug Geld für Verhütungsmittel übrig bleibt. Dank der Glückskette gibt es für sie Hoffnung.

von
Meret Steiger
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Frauen in finanziellen Notlagen haben ein zusätzliches Problem: Die Kosten für Verhütung.

Frauen in finanziellen Notlagen haben ein zusätzliches Problem: Die Kosten für Verhütung.

Gettyimages / iStockphotos
Sexuelle Gesundheit Schweiz (SGCH) wird von der Glückskette mit 100’000 Franken für Verhütungsmittel oder für ungedeckte Kosten bei Schwangerschaftsabbrüchen unterstützt.

Sexuelle Gesundheit Schweiz (SGCH) wird von der Glückskette mit 100’000 Franken für Verhütungsmittel oder für ungedeckte Kosten bei Schwangerschaftsabbrüchen unterstützt.

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«Uns ist es wichtig, dass wir mit den Spendeneinnahmen Menschen in der Schweiz zur Seite stehen können, die durch die Pandemie in eine Notlage geraten sind. Wer seine Familienplanung aus finanzieller Not nicht regeln kann, hat wirklich ein Problem», sagt Priska Spörri von der Glückskette.

«Uns ist es wichtig, dass wir mit den Spendeneinnahmen Menschen in der Schweiz zur Seite stehen können, die durch die Pandemie in eine Notlage geraten sind. Wer seine Familienplanung aus finanzieller Not nicht regeln kann, hat wirklich ein Problem», sagt Priska Spörri von der Glückskette.

Glückskette

Darum gehts

  • Sexuelle Gesundheit Schweiz (SGCH) wird von der Glückskette mit 100’000 Franken für Verhütungsmittel oder für ungedeckte Kosten bei Schwangerschaftsabbrüchen unterstützt.
  • SGCH spricht von einer deutlichen Zunahme von Finanzierungsgesuchen für Schwangerschaftsabbrüche und Verhütungsmittel infolge Corona.
  • Drei betroffene Frauen erzählen.

Wegen Corona haben viele Angestellte ihre Stelle und ihr Einkommen verloren. Frauen in prekären finanziellen Verhältnissen stellt sich häufig ein zusätzliches Problem: Ihnen fehlen die Mittel für Pille, Nuva-Ring, Spirale oder Kondome oder für den Abbruch einer ungewollten Schwangerschaft.

«Seit das Coronavirus die Schweiz erreicht hat, melden sich bei den Beratungsstellen deutlich mehr Frauen oder Paare, die Verhütungsmittel oder einen Schwangerschaftsabbruch nicht aus eigener Kraft finanzieren können», so Daniela Enzler von Sexuelle Gesundheit Schweiz (SGCH) gegenüber 20 Minuten. Die Mediensprecherin der Dachorganisation der Fachstellen in diesem Bereich freut sich, dass die Glückskette das Problem erkannt und 100’000 Franken aus ihrem Corona-Spendentopf an SGCH überwiesen hat. Damit werden Frauen unterstützt, die sich bei einer Beratungsstelle gemeldet haben, weil sie mit ihrer Familienplanung in Not geraten sind. So wie Alessia*, Anna und Farah*:

«Wenn ich schwanger werde, finde ich nie eine Lehrstelle»

«Im vergangenen Jahr habe ich meine Lehre in einem Pflegebetrieb abgebrochen, weil mich das Geschäft nur ausgebeutet und als billige Arbeitskraft missbraucht hat. Seither suche ich eine neue Lehrstelle, doch es ist nicht einfach und zurzeit wegen der Corona-Krise noch schwieriger als sonst. Ich habe inzwischen schon über 100 Bewerbungen geschrieben und nur eine einzige Einladung zu einem Vorstellungsgespräch bekommen. Langsam, aber sicher geht mir das Geld aus.

Ich habe vor einigen Jahren angefangen, die Pille zu nehmen. Inzwischen bin ich in einer festen Beziehung, und es macht mir grosse Sorgen, dass mir das Geld für die Verhütung fehlt. Ich habe nur noch 30 Franken auf dem Konto! In der Vergangenheit hat mich meine Mutter unterstützt und mir die Pille gekauft, aber sie hat auch nicht viel Geld, und ich möchte ihr wirklich nicht auf der Tasche liegen. Und sind wir ehrlich, wenn ich auch noch schwanger werde, finde ich nie eine Lehrstelle! »

Farah*, 19 Jahre alt

«Ohne Pille habe ich extreme Schmerzen»

«Ich habe kurz vor Corona eine neue Stelle als Barkeeperin in einem Zürcher Lokal angefangen. Nach zwei Wochen kam der Lockdown, und ich wurde noch in der Probezeit entlassen. Das Geld ist megaknapp, und ich mache mir echt Sorgen wegen der Pille – nicht nur, weil ich im Moment auf gar keinen Fall schwanger werden möchte, sondern auch weil ich Endometriose habe und die Pille durchgehend nehme, damit ich mich nicht einmal pro Monat eine Woche lang vor Schmerzen auf dem Badezimmerboden krümme.

Es macht mich so wütend, dass die Pille nicht sowieso von der Grundversicherung bezahlt wird, gerade in einem Fall wie meinem, bei dem es nicht nur um ‹Sex ohne Gummi› geht, sondern auch um meine Gesundheit. Und überhaupt, ungewollte Kinder kosten die Gesellschaft doch viel mehr als ein paar präventive Pillen, oder? Ich werde das Angebot der Glückskette wohl nicht nutzen, da mein Freund sich bereit erklärt hat, meine Pille zu bezahlen – er hat ja auch was davon.»

Anna, 18 Jahre alt

«Wegen Corona kann ich mir die Pille nicht mehr leisten»

«Vor Corona war ich zu 80 Prozent angestellt. Ich bin alleinerziehend, und schon da war das Geld knapp für meinen 21 Monate alten Sohn und mich. Nun hat mein Betrieb Kurzarbeit, und ich erhalte noch 80 Prozent meines regulären Lohns – das heisst, ich schlage mich mit knapp 2000 Franken im Monat durch. Das ist echt hart. Viele Dinge, die ich zum Leben brauche, kann ich nicht mehr bezahlen, darunter auch meine Verhütung: die Pille.

Dabei ist mir Verhütung besonders wichtig, weil auch mein erstes kleines Wunder nicht geplant war. Natürlich ist der Kleine das Beste, was mir je passiert ist, aber ich möchte aktuell trotzdem auf keinen Fall ein zweites Kind, das geht einfach nicht. Mein Freund unterstützt mich zwar, wo er kann, aber auch bei ihm ist das Geld knapp. Ich habe bei der Krankenkasse angefragt, aber Virus hin oder her: Die zahlen leider nichts an die Verhütung.»Alessia*, 20 Jahre alt

* Namen geändert

Finanzielle Hilfe

Hier findest du Unterstützung

Bist du wegen der Corona-Krise in finanzieller Not oder war deine Situation schon vor der Pandemie schwierig? Falls du Verhütungsmittel brauchst oder dir einen Schwangerschaftsabbruch nicht leisten kannst, melde dich bei einer der Beratungsstellen von Sexuelle Gesundheit Schweiz (SGCH). Die Beratungsstellen gibt es in jedem Kanton.

Die Adresse der Beratungsstelle in deiner Region findest du hier.

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