Aktualisiert 20.01.2016 19:30

Umstrittene Röhre

«Ich kann mir Zürich ohne Polybahn nicht vorstellen»

Eine Röhre anstelle der Polybahn? Nicht alle finden Gefallen an der Vision. Im Gegenteil: Nostalgische Werte und finanzielle Bedenken stehen im Vordergrund.

von
rad

Mittagszeit am Central. An der Talstation der Polybahn im Zürcher Niederdorf herrscht reges Treiben. Leute steigen ein. Leute steigen aus. Tagtäglich befördert die Polybahn tausende Fahrgäste – vor allem Studenten der ETH und der Uni.

Doch geht es nach FDP-Stadtrat Filippo Leutenegger, dürfte die rote Standseilbahn, die das Central mit der Polyterrasse verbindet, bald Geschichte sein. An der Jahresmedienkonferenz des Tiefbauamts der Stadt Zürich stellte er, laut Medienberichten, am Dienstag seine visionäre Idee vor: die Polybahn abschaffen und stattdessen eine Röhre mit Förderband bauen. So sollen mehr Personen als bisher zum wachsenden Hochschulquartier gebracht werden.

«Umsetzung wird an Finanzen scheitern»

Doch Leuteneggers Visionen stossen nicht bei allen Polybahn-Nutzern auf Zustimmung: «Die Polybahn abzuschaffen, würde dem Charme der Stadt Abbruch tun. Sie ist eine Institution, die einfach zu Zürich gehört», sagt Anna Bücheler (35), Dozentin für Kunstgeschichte an der Uni Zürich. Auch die langen Wartezeiten seien kein Argument, findet Sandro Brühlmann (23), Wirtschaftsstudent an der Uni Zürich: «Länger als fünf Minuten muss man hier nicht warten.» Ansonsten könne man auch Bus und Tram nehmen oder zu Fuss gehen.

Selbst Sympathisanten von Leuteneggers Idee sind skeptisch: «Die Röhre mit Rolltreppe hört sich nach einem coolen Projekt an, aber ich befürchte, dass es in der Umsetzung schliesslich zu teuer sein wird», meint etwa Roman Ehrler (20), Maschinenbau-Student an der ETH Zürich.

Seilbahn statt Röhre?

Gespalten sind auch die Politiker. In der eigenen Partei des Tiefbauvorstehers findet man die Röhre zwar einen grossen Wurf. «Leutenegger und ich sind uns aber einig, dass es noch andere Möglichkeiten gibt», sagt FDP-Fraktionschef Michael Schmid: «Etwa eine Seilbahn direkt vom HB Zürich zur ETH.»

Für Karin Rykart Sutter, Zürcher Fraktionschefin der Grünen, ist die Röhre hingegen eine Option: «Auch wenn ich die Polybahn persönlich super finde – die Menschenmassen im Zuge der Hochschulerweiterung nur mit der Polybahn zu stemmen, dürfte jedoch nicht möglich sein», sagt Rykart Sutter.

«Es sollte ein Kompromiss gefunden werden»

Dieser Meinung schliesst sich auch Davy Graf, Zürcher Fraktionschef der SP, an. Da er an der ETH studiert hat und die Polybahn somit oft nutzte, würde für ihn aber ein Stück Zürcher Nostalgie verloren gehen: «Es sollte deshalb ein Kompromiss gefunden werden, bei dem die Polybahn erhalten bleibt, aber trotzdem die Menschenmassen verkehrstechnisch gestemmt werden können.»

Roger Liebi, Präsident der Stadt-Zürcher SVP, geht gar weiter: So müsse man sich, aufgrund der Zuwanderung, sowohl Gedanken über eine effizientere Art des Transportsystems rund um das Hochschulgebiet als auch in der gesamten Stadt machen. «Langfristig sollte das Verkehrskonzept der Stadt Zürich überdacht werden und revolutionäre Wege gegangen werden.» Für ihn wäre etwa ein U-Bahn-Netz bis in die Zürcher Agglomeration denkbar.

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