Sozialhilfebezüger: «Ich kann nichts für meine Arbeitslosigkeit»
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Sozialhilfebezüger«Ich kann nichts für meine Arbeitslosigkeit»

Die zuständige Nationalratskommission möchte, dass die Öffentlichkeit einsehen kann, ob jemand Sozialhilfe bezieht. Die Meinungen der Betroffenen gehen auseinander.

von
juu
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Die staatspolitische Kommission des Nationalrats findet: Es könne im Interesse von Vertragspartnern, Anbietern oder auch der Öffentlichkeit sein, zu wissen, ob eine bestimmte Person Sozialhilfegelder beziehe.

Die staatspolitische Kommission des Nationalrats findet: Es könne im Interesse von Vertragspartnern, Anbietern oder auch der Öffentlichkeit sein, zu wissen, ob eine bestimmte Person Sozialhilfegelder beziehe.

Keystone/Christian Beutler
Im Rahmen der Revision des Datenschutzgesetzes hat sie Sozialhilfemassnahmen von der Liste besonders schützenswerter Daten gestrichen.

Im Rahmen der Revision des Datenschutzgesetzes hat sie Sozialhilfemassnahmen von der Liste besonders schützenswerter Daten gestrichen.

Keystone/Christian Beutler
Leserin E. H. ist Sozialhilfebezügerin. Sie findet keinen Gefallen am neuen Bechluss. Sie versucht, ihre Situation geheim zu halten: «In meinem Umfeld weiss es fast niemand. Das soll auch so bleiben.»

Leserin E. H. ist Sozialhilfebezügerin. Sie findet keinen Gefallen am neuen Bechluss. Sie versucht, ihre Situation geheim zu halten: «In meinem Umfeld weiss es fast niemand. Das soll auch so bleiben.»

Keystone/Christian Beutler

Wenn es nach der staatspolitischen Kommission des Nationalrats geht, könnten bald alle Namen von Sozialhilfebezügern öffentlich einsehbar werden. Im Rahmen der Revision des Datenschutzgesetzes hat sie Sozialhilfemassnahmen von der Liste besonders schützenswerter Daten gestrichen. So könne es im Interesse von Vertragspartnern, Anbietern oder auch der Öffentlichkeit sein, zu wissen, ob eine bestimmte Person Sozialhilfegelder bezieht. Die Meinungen der Betroffenen sind gespalten.

Durch Unfall in Sozialhilfe geraten

«Mir wäre es egal, ob man die Namen öffentlich macht», sagt M.S.* Die 23-Jährige geht offen mit ihrem Sozialhilfebezug um. Kurz nach der Lehre als Detailhandelsfachfrau sei sie aus Tollpatschigkeit unglücklich gestürzt und habe sich dabei das Handgelenk gebrochen. Der Heilungsprozess dauerte allerdings länger als gedacht: «Der Unfall machte mich mehr als ein halbes Jahr arbeitsunfähig», sagt S.

Für die frisch Ausgelernte folgte auf ihre Genesung die Arbeitslosigkeit. Seit rund anderthalb Jahren versuche sie nun, wieder ins Berufsleben zurückzufinden. «Ich mache Programme vom Sozialamt und verschicke regelmässig Bewerbungen. Leider hatte ich bisher kein Glück», erzählt die 23-Jährige. Sie wisse, dass sich viele wegen des Zustupfs vom Sozialamt schämten oder ihn gar verschweigen würden. Nicht so S.: «Ich stehe dazu. Schliesslich kann ich nichts dafür, und ich arbeite hart daran, etwas an meiner Situation zu ändern.»

«Man stellt uns an den Pranger»

Anders sieht es Leserin E. H.* Sie ist ebenfalls Sozialhilfebezügerin und versucht, ihre Situation geheim zu halten: «In meinem Umfeld weiss es fast niemand. Das soll auch so bleiben.» H. fühlt sich schuldig und lebt ungern vom staatlichen Zuschuss. Laut ihr ist das Öffentlichmachen der Sozialhilfeempfänger menschenunwürdig. «Man stellt uns an den Pranger und das alles nur wegen ein paar Schmarotzern. Das macht mich traurig», sagt H.

Sie glaubt, dass sie danach keinen Job mehr findet und durch den Bezug beim potentiellen Arbeitgeber zur Schau gestellt wird. Zudem gibt sie zu bedenken, dass jeder Mensch schnell in eine solche Notlage geraten kann: «So etwas kann von heute auf morgen passieren», sagt die Sozialhilfeempfängerin.

*Namen der Redaktion bekannt

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