Erste Psychotherapie – Aunty B. spricht über ihre Bindungsangst
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AUNTY B. – ALL-IN«Ich kann unverbindlich Sex haben, aber keine Beziehung führen – warum?»

Unsere Aunty B. stellt sich ihren Bindungsängsten und nimmt uns mit in ihre erste Therapiestunde. «Bin ich bescheuert?», fragt sie den Psychologen.

von
Aunty B.
Zora Schaad
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Aunty B. hat in der ersten Therapiestunde ihres Lebens über Bindungsängste gesprochen.

Aunty B. hat in der ersten Therapiestunde ihres Lebens über Bindungsängste gesprochen.

Privat
«Ich habe Angst, mit einer Beziehung meine Freiheit zu verlieren. Trotzdem wünsche ich mir eine Beziehung. Ich bin doch bescheuert?!», erzählt sie dem Psychologen.

«Ich habe Angst, mit einer Beziehung meine Freiheit zu verlieren. Trotzdem wünsche ich mir eine Beziehung. Ich bin doch bescheuert?!», erzählt sie dem Psychologen.

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«Wie die Beziehung der Eltern in jungen Jahren erlebt wird, prägt die eigene Beziehungsgestaltung im Erwachsenenalter», sagt Psychologe Ben Kneubühler. «F***!», denkt sich Aunty.

«Wie die Beziehung der Eltern in jungen Jahren erlebt wird, prägt die eigene Beziehungsgestaltung im Erwachsenenalter», sagt Psychologe Ben Kneubühler. «F***!», denkt sich Aunty.

Privat

Darum gehts

  • Wenn «es ernst wird», rennt Aunty B. weg: «Warum machen mir Beziehungen Angst?», fragt sie sich.

  • Mit dem Psychologen Ben Kneubühler will sie sich ihrer Beziehungsangst stellen.

  • Und plötzlich reden die beiden über die Scheidung ihrer Eltern. «Die Wendung nervt mich», schreibt Aunty.

Ich sitze in einem Therapiezimmer am Grossmünsterplatz in Zürich, ganz in der Nähe des Standesamtes. Mit angezogenen Beinen und einen Stift umklammernd, starre ich den Psychologen Ben Kneubühler an. Wo sich wenige Meter entfernt Paare das Ja-Wort geben, will ich in der ersten Therapiestunde meines Lebens über meine Bindungsangst sprechen. Warum renne ich immer weg, sobald es ernst wird? Warum gelingt es mir nie, mich emotional tief auf einen Mann einzulassen? Und warum machen mir Beziehungen Angst?

Der 35-Jährige blickt mich verständnisvoll an. Klassischer Psychologenblick, würde ich sagen. Ich sitze währenddessen auf der Couch und erzähle, was mich beschäftigt. Zum Beispiel, dass ich unverbindlich Sex haben kann, aber es nicht schaffe, mich zu binden. Oder dass ich immer sofort das Gefühl habe, eine Beziehung sei der Anfang vom Ende.

«Enttäuschungen sind so vorprogrammiert»

Ben Kneubühler fragt mich zurück: «Wie ist es für dich zu beobachten, dass heutzutage Sex ohne Commitment einfacher geworden ist?» Hmm. Solange ich mir keine Beziehung wünsche, ist es super. Danach aber ätzend, weil ich nie weiss, woran ich bin. «Enttäuschungen sind so vorprogrammiert», kommentiert Ben Kneubühler. «Und zeitgleich habe ich Schiss», fahre ich im Gespräch fort, «Schiss, mit einer Beziehung meine Freiheit zu verlieren und mich in einem goldenen Käfig wiederzufinden. Trotzdem wünsche ich mir eine Beziehung. Ich bin doch bescheuert?!»

«Bleibe ich besser forever alone?»

Ben Kneubühler macht sich auf seinem iPad Notizen. Was er wohl schreibt? «Mühsame Tante weiss nicht, was sie will»? Doch es stört mich nicht. Vielmehr ist es ungewohnt, mit einem Fremden über mein Dilemma zu sprechen. Doch meine Offenheit macht sich in einem ersten Aha-Moment bezahlt. «Du hast in vergangenen Beziehungen für dein ‹Gefallen-Wollen› immer ein Stück von dir selbst aufgegeben. Um dich davor zu schützen, gehst du keine neuen mehr ein», meint er. Etwas beschämt lache ich ab seiner Zusammenfassung. Doch er hat recht. Ich kann schlecht Nein sagen und passte mich meinen Partnern oft an. Es war meine Art, bei Uneinigkeiten negativen Konsequenzen wie Streit oder Liebesentzug aus dem Weg zu gehen. Bis ich am Ende total unglücklich war. Innerlich frage ich mich: «Und jetzt? Bleibe ich besser forever alone? Oder kann ich es lernen, mir selbst in Beziehungen treuer zu sein?»

Die Beziehung der Eltern prägt

Die Unterhaltung bekommt einen Twist, als mich Ben Kneubühler nach meinen Eltern fragt. Die Wendung nervt mich. Ich will eine Lösung für meine Beziehungsunfähigkeit und nicht über die Scheidung meiner Eltern sprechen. Ich war zwölf damals, das Kapitel ist abgeschlossen. Doch der Psychologe betont: «Wie die Beziehung der Eltern in jungen Jahren erlebt wird, prägt die eigene Beziehungsgestaltung im Erwachsenenalter.» In einem Gedankenexperiment will er wissen, wie sich mein zwölfjähriges Ich fühlte. Meine Augen füllen sich mit Tränen. F***! Ben Kneubühler trifft einen wunden Punkt. «Traurig», ist meine Antwort. Ich wollte immer Liebkind sein, eine Tochter, die nie Nein sagt oder sich abgrenzt.

«Mit einem Psychologen zu sprechen, hat was»

Doublef***. Genauso habe ich mich in meinen Beziehungen verhalten?! So viel zum Thema abgeschlossen. Mit einem Psychologen zu sprechen, hat was. Immer wieder hält er mir mit seinen Aussagen einen Spiegel vors Gesicht. «Durch den Bruch in der Familie hast du dich entschieden, dich mehrheitlich auf dich selbst zu verlassen», erläutert er. «Der Typ ist gut», denke ich mir. Wahrscheinlich bin ich deshalb schneller weg als der Roadrunner, wenn es ernst wird. Mit durchdringendem Blick ergänzt er: «Es gibt die Möglichkeit, als erwachsener Mensch alles alleine zu bewältigen. Aber gemeinsam ist es leichter, Situationen zu tragen. Mit jemandem, der dir sagt, «ich bin da für dich und ich bleibe.» Das gebe es. Und das Gute sei, selbst wenn wir schmerzlich jemanden verlieren, sei der Mensch so gemacht, dass er das aushalten kann.» Auf diese Aussage muss ich tief ausatmen, als würde sich etwas lösen.

«Vielleicht muss es nicht der Anfang vom Ende sein»

«Hast du viele Menschen wie mich bei dir in der Praxis?», will ich noch wissen, bevor ich meine Jacke wieder anziehe und gehe. «Vor allem junge Paare kommen zu mir. Sie wollen ihr Verhalten verstehen, um nicht immer die gleichen Fehler zu machen.» Emotional ausgelaugt und dennoch heiter laufe ich zurück zum Auto. Das war intensiv. Tatsächlich sehe ich noch, wie ein Hochzeitspaar aus dem Standesamt läuft. Vielleicht müssen meine neuen Erkenntnisse nicht der Anfang vom Ende sein. Vielleicht bedeuten sie auch nur das Ende von Mustern, die mich lange genug unglücklich gemacht haben.

Wer ist eigentlich Aunty B. ?

Aunty B. teilt einmal pro Monat Erfahrungen aus ihrem Leben.

Aunty B. teilt einmal pro Monat Erfahrungen aus ihrem Leben.

Privat

Aunty B. ist 29 Jahre alt und stürzt sich immer wieder in spannende Abenteuer rund ums Thema Liebe, Dating und Sex. Tabus zu knacken, ist ihre grösste Leidenschaft! Dein Lieblings-Tantchen nimmt dich mit auf ihre Reise und lässt dich an Geschichten und Erfahrungen teilhaben, die du sonst nicht zu Ohren bekommst. Einmal pro Monat kannst du hier die neuesten Erfahrungen der Single-Frau nachlesen. Hast du eine Idee, was Aunty B. als Nächstes ausprobieren oder testen soll? Dann schreib es an: onelove@20minuten.ch

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Pro Juventute, Beratung für Kinder und Jugendliche, Tel. 147

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