Aktualisiert 15.12.2010 10:40

Berlusconi-Parodie«Ich kaufe Gott, also mich selbst»

Der Fernsehsender RAI 3 ist die letzte Bastion der Berlusconi-Kritiker. Millionen schauten zu, als der Komiker Roberto Benigni den Regierungschef hochnahm.

von
Kian Ramezani

Die Medienmacht des italienischen Premierministers ist sprichwörtlich. Nicht nur kontrolliert er mit seinem Konzern «Mediaset» weite Teile des privaten Fernsehmarkts. Als Regierungschef bestimmt er auch, wer im Führungsgremium der staatlichen Radio- und Fernsehgesellschaft (RAI) Einsitz nimmt. Wirklich gegen diese Gleichschaltung aufgelehnt hat sich bisher nur deren drittes Programm. In einer Vielzahl kritisch-satirischer Formate nimmt RAI Tre bevorzugt den «Cavalliere» aufs Korn.

Dass der rebellische Sender bisher weitgehend unbehelligt blieb, mag daran liegen, dass er Berlusconi als Beweis für die nach wie vor intakte Medienfreiheit in Italien gefiel. Doch vor zwei Wochen ist RAI Tre offenbar zu weit gegangen. In der ersten Episode der neuen Talkshow «Vieni via con me» (Komm mit mir fort) sollten der Komiker Roberto Benigni und der Anti-Mafia-Autor Roberto Saviano auftreten.

Berlusconis Verbündete ahnten nichts Gutes und versuchten, die Ausstrahlung zu verhindern. Ihr Argument: Die staatliche RAI könne sich die fürstlichen Gagen dieser beiden Medienstars nicht leisten. Benigni reagierte prompt und erklärte, er und Saviano würden kostenlos auftreten. Die Sendung wurde wie geplant ausgestrahlt. Wie sich herausstellte, war Berlusconis Sorge mehr als berechtigt.

Alles Fakten

«Alle Frauen Berlusconis aufzuzählen bräuchte zu viel Zeit. Stattdessen singe ich euch ein schönes Lied, das alle seine Besitztümer auflistet», sagte Benigni zur Einleitung. Dann zog Italiens erfolgreichster Komiker alle Register. In seinem bitterbösen Lied (unten vollständige deutsche Übersetzung) besang er den Grössenwahn, die Unersättlichkeit, die Prahlsucht, den Reichtum, die politischen Verflechtungen, die Sexkomplexe und viele andere Verfehlungen Berlusconis. Er schloss mit der Strophe:

Aber ich kaufe alles, von A bis Z

Verdammt, dieser Scheiss-Planet ist teuer!

Ich will ihn, jetzt kaufe ich ihn

Dann kaufe ich Gott, also mich selbst!

Benignis Namensvetter Roberto Saviano setzte noch einen drauf: Er beschrieb, wie sich die kriminelle 'Ndrangheta in Norditalien ausgebreitet hat und Beziehungen zur Lega Nord, einem Bündnispartner Berlusconis, unterhält. Die Partei zeigte sich empört und verlangte in der nächsten Sendung Raum zur Gegendarstellung. «Das alles beruht auf Fakten», erwiderte Saviano lapidar.

Eine andere Art des Fernsehens

Die eigentliche Sensation war trotz dieses Feuerwerks nicht so sehr die beissende Kritik, sondern der durchschlagende Erfolg der Sendung. Obwohl zur gleichen Zeit auf einem der Kanäle Berlusconis «Big Brother» lief, schossen die Zuschauerquoten von «Vieni via con me» in die Höhe. Die zweite Sendung erreichte rekordverdächtige neun Millionen Zuschauer, was einem Marktanteil von 30 Prozent entspricht. «Das beweist, dass man auch eine andere Art Fernsehen machen kann», stellte Paolo Ruffini, der Chef von Rai Tre, zufrieden fest.

Der schlechte Ruf der italienischen Fernsehlandschaft ist ebenso sprichwörtlich wie die Medienmacht des «Cavaliere». Dass ein anspruchsvolles Format mehr Anklang findet als seichte Spielshows und leicht bekleidete Mädchen, überraschte nicht nur Rai Tre. Ezio Mauro, Chefredaktor von «La Repubblica», ging noch weiter: «Der atemberaubende Erfolg der Sendung bezeichnet das Ende einer gewissen Art des Fernsehens.»

Die Macher selbst beschreiben das Phänomen so: «Es ist Fernsehen und auch Theater, Musik, Erzählung und Show. Wir sprechen über unser Land, von den unerträglichen und wunderbaren Dingen, die es hervorbringt, über tragische und lustige Situationen, die oft miteinander verwoben sind. Wir zählen die guten Gründe auf, in Italien zu bleiben und jene, es zu verlassen.» Am Montag geht «Vieni via con me» zum dritten Mal auf Sendung. Die vorerst letzte Episode ist für den 29. November geplant.

Benignis Lied «Auflistung der Besitztümer Berlusconis»:

Ich bin der Boss, der Unternehmer

Der Besitzer der Partei der Liebe

Ich bin Cäsar, Anführer der Welt

Ich bin der Papi, der finale Anwender

Das Parlament gehört mir, der Senat auch

Ich bin der Patron von Ibrahimovic und Pato

Mir gehören Banken, Bankiers und Verlage

Mir gehören Confalonieri, RAI, Mediaset, Schauspieler(innen)

Mir gehören «Il Giornale» und der Viminale

Und natürlich in drei Jahren auch der Quirinale (Sitz des Staatspräsidenten)

Am Schluss gehören mir tatsächlich

Gerichte und das Verfassungsgericht

Alles gehört mir, im Ernst

Palazzo Chigi, Palazzo Grazioli, Palazzo Macherio

Palazzo Madama, die Villa Certosa mit tausend Zimmern

Schlösser auf Antigua mit dreitausend Nebengebäuden

Alles gehört mir, liebe Italiener

Auch das Haus Tullianis in Montecarlo

Ich habe Denis Verdini, Maria Stella Gelmini

Frattini, Ghedini und Roberto Formighini

Mir gehören Augusto Minzolini und die Tagesschau

Und die Tagesschau (5. Kanal) von Mimun

Die Frauen gehören mir, ich bin potent und deshalb

Will ich sie alle vor allem Rosy Bindi

Die Lega gehört mir schon, Maroni, Bossi und Cota

Ich habe sie alle gekauft und sie haben mir die «Forelle» (Sohn Bossis) geschenkt

Und die Rechte von Storace und die Democrazia Cristiana von Rotondi

Mir gehören die Gedichte von Sandro Biondi

Ah, Cicchitto, Dell'Utri, ich weiss nicht, wer noch alles

Eh Scajola und die feinste Santanchè (oh yes)

Die Partei bläht sich auf, inzwischen gibt es Gedränge

Brambilla die rote, Ignazio La Russa, Zahltag!

Ich habe, ich habe die Witze, die ich erzähle

Ich erfinde sie und sie bringen Poeten zum Lachen

Aus Firmen und Banken habe ich mich vollgetankt

Gut so, morgen kaufe ich das Tyrrhenische Meer!

Aber ich kaufe alles, von A bis Z

Verdammt, dieser Scheiss-Planet ist teuer!

Ich will ihn, jetzt kaufe ich ihn

Dann kaufe ich Gott, also mich selbst!

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