Aktualisiert 26.06.2019 08:37

«Switzerländers»«Ich kenne jeden Weg, jeden Bach, jedes Blatt»

Peter Mangold liebt das Binntal, besonders am Herzen liegt ihm die vom Aussterben bedrohte Sprache Pomatter-Titsch.

von
Noah Zygmont

Das ist Peters «Switzerländers»-Beitrag – und wo ist deiner? (Video: Manuel Täuber / Tarek El Sayed)

Fahrverbot steht auf dem Strassenschild oberhalb von Binn VS. Wir lassen uns nicht beirren und fahren weiter zu Peter Mangold (62). Angekommen, schaut uns Hund Bo mit schrägem Blick von der Seite an. Ein See erstreckt sich am Horizont. Rechts davon steht die kleine Hütte von Peter, daneben seine Beiz. Peter sitzt im Gartenstuhl. Er trägt eine blaue Brille im Haar und ein hellblaues Hemd, der oberste Knopf ist offen. Er nimmt ein Buch hervor und liest ein Gedicht daraus vor. «Nichts verstanden?», fragt er. Wir nicken lachend.

Im Twingi-Stubji, der Beiz von Peter Mangold mit Blick auf den See, das Breithorn und die Felswände vom Santigläis, finden sich Gedichte auf der Speisekarte. «Geschrieben wurden sie von Anna Maria Bacher. Die Sprache ist Pomatter-Titsch, eine 600 Jahre alte Dialektform, die von den ausgewanderten Wallisern stammt.» Die Sprache sei alles andere als einfach und werde nur noch von etwa 100 Leuten gesprochen. Peter ist der Bezug zur Heimat enorm wichtig, weshalb er sich leidenschaftlich gern mit der Sprache auseinandersetzt. Wenn der Walliser doch einmal eine Passage eines Gedichts nicht verstehe, rufe er Anna Maria Bacher an und frage nach.

«Bei mir gibt es keine Tour ohne Gedicht»

«Mir macht es Spass, den Gästen Gedichte vorzulesen und sie beim Speisen mit geistiger Nahrung zu verwöhnen.» Es sei sehr interessant, weil man immer wieder neuen Leuten begegne, die dann auch Gedichtanlässe bei ihm buchen würden. «Aus einem Bier im Twingi-Stubji wird in einem von drei Fällen ein grosser Anlass am Abend, bei dem ich zu Speis und Trank viele Gedichte vorlese.»

Als diplomierter Wanderleiter bietet Peter Rundtouren durch sein Tal an. «Bei mir gibt es keine Tour ohne Gedicht.» Vor acht Jahren habe er damit begonnen, Gedichte in seine Touren durchs Binnental zu integrieren. Meistens seien diese alle ausgebucht und würden bis zu fünf Tagen dauern. Er kenne jeden Weg, jeden Bach, jeden Stein und jedes Blatt im Binntal. Sein Grosseltern haben bereits hier gelebt: «Mein Grossvater kam hier bei der Twingi-Schlucht durch eine Lawine ums Leben. Es hängt also eine sehr tiefe Familiengeschichte in diesem Tal.»

Peters Vater hat ihm das Haus vererbt. Früher hatte der Vater hier eine Schnitzerei betrieben. Dort fabrizierte er zum Beispiel kleine Figuren, die man ausstellen konnte. Einige Kleinigkeiten hat Peter erhalten: «Der Stubentisch war einmal die Werkbank meines Vaters. Ich habe eine Glasplatte aufmontiert, so dient mir das Erbstück als Stubentisch.» Ihm liege die Tradition sehr am Herzen, und deswegen habe er nur wenig in seinem Haus und seiner Beiz renoviert.

Pomatter-Titsch stirbt langsam aus, dagegen will Peter ankämpfen. Aus seinen Vorlesungen würden oft auch tolle Begegnungen entstehen, auch die eine oder andere Freundschaft. «Du bist hier kein Blatt im Wind, sondern gehörst einfach dazu. Das gilt auch in der ganzen Schweiz.» Peter hat 30 Jahre lang in Zürich gelebt. Dort studierte er Psychologie und arbeitete danach jahrelang in seinem Beruf.

«Mit 50 habe ich mich gefragt, ob es sich überhaupt noch lohnt, bis zur Pensionierung so intensiv zu arbeiten»

«Mit 50 habe ich mich gefragt, ob es sich überhaupt noch lohnt, bis zur Pensionierung so intensiv zu arbeiten.» Es sei ein Riesenkrampf gewesen. Jetzt könne er seine Arbeit viel selbstbestimmter machen. «Mein Baby besteht jetzt aus dem Mix von Wandern, Kultur, gutem Essen und Trinken und gehobenem Blödsinn», sagt Peter. Solange er noch gesund sei, möchte er seiner Passion so lange wie möglich nachgehen. «In Zukunft plane ich, dass ich noch mehr Gedichte von verschiedenen Autoren anbieten und vorlesen kann.» Am liebsten natürlich weiterhin in seiner kleinen Beiz.

Als Peter Mangold von «Switzerländers» hörte, überlegte er nicht lange. Er wollte seine Sicht auf sein Land unbedingt einbringen. Jetzt hast du «seine Schweiz» kennen gelernt – und wie sieht deine aus?

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«Switzerländers» ist ein Kulturprojekt der Tamedia.

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