28.08.2020 17:24

3 mit Sex«Ich kenne seinen Penis, aber nicht seinen Namen»

Lars bricht ein Tabu und spricht über anonymen Sex unter Männern – und die Leere, die er dabei empfindet.

von
Lars, Meret Steiger
1 / 4
Lars erzählt über anonymen, aber schnellen Sex und die Gefühle danach.

Lars erzählt über anonymen, aber schnellen Sex und die Gefühle danach.

Anna Deér
Er ist ein schwuler Designer aus dem Aargau. WG-Mami und wilder Single, der gut mit Hammer und Nägeln umgehen kann. Insgeheim hat Lars aber genug davon, im und ausserhalb des Betts immer den aktiven Part zu übernehmen.
Lars

Er ist ein schwuler Designer aus dem Aargau. WG-Mami und wilder Single, der gut mit Hammer und Nägeln umgehen kann. Insgeheim hat Lars aber genug davon, im und ausserhalb des Betts immer den aktiven Part zu übernehmen.

Anna Deér
Sie ist single mit wechselnden Liebschaften. Verliebt sich wahllos. Sucht Mr. Right und vertreibt sich die Zeit mit amourösen Fettnäpfchen und seltsamen Begegnungen zwischen feuchten Laken.
Ella

Sie ist single mit wechselnden Liebschaften. Verliebt sich wahllos. Sucht Mr. Right und vertreibt sich die Zeit mit amourösen Fettnäpfchen und seltsamen Begegnungen zwischen feuchten Laken.

Anna Deér

Darum geht’s

  • Lars fragt sich, wie verbreitet anonymer Sex unter Heterosexuellen ist.
  • Er geniesst anonymen Sex, während er passiert – fühlt sich danach aber schlecht.
  • Er versucht eine Liste seiner Sex-Partner zu machen.

Für mich ist es wie eine schlechte Angewohnheit: Schneller, anonymer Sex fühlt sich aufregend an in dem Moment, in dem ich ihn habe. Aber das Gefühl danach ist unbefriedigend. Diese Leere, die anstelle einer wärmenden Umarmung spürbar wird. Wie stark das Thema unter Heterosexuellen verbreitet ist, weiss ich nicht. In meinem schwulen Freundeskreis jedenfalls gehört es zum Alltag wie das Kantinenessen am Mittag. Schlaumeier, die jetzt fragen, wann Anonymität anfängt oder aufhört: Für mich dort, wo ich Sex mit jemandem habe, der mir komplett egal ist, weil ich ihn nicht kenne – oft weiss ich nicht mal seinen Namen.

Ich entscheide mich, darüber zu schreiben, nachdem meine (vermeintlich promiskuitive) Hetero-Freundin und Sexbomb-in-Crime Michelle eine Liste der Männer gemacht hat, mit denen sie bereits Sex hatte. An 73 konnte sie sich noch erinnern. Die meisten davon hat sie im Club oder mithilfe einer App abgeschleppt. Daraufhin wollte ich auch eine Liste machen. Ich hab bei 148 aufgehört zu zählen. Und noch heute fallen mir plötzlich während der Arbeit oder beim Einkaufen weitere namenlose Männer ein, die ich eigentlich auf meiner Liste ergänzen müsste. Also: Don’t worry, Michelle! Neben mir wirst du immer ein unbeflecktes Lämmlein bleiben.

«Der Familienvater ist heimlich schwul»

Bei mir hat es vor über zehn Jahren in meinem frühen Zwanzigern angefangen. Auf einer Online-Plattform habe ich Hannes kennengelernt. Mitte dreissig, gross, blond, trainiert, ehemaliger Schönheitskönig eines deutschen Bundeslandes. Und: Der Familienvater ist heimlich schwul. Als hormongesteuerter Post-Teen war mir das natürlich egal. Hannes und ich schrieben uns ein paar Nachrichten. Hannes wurde nach kurzer Zeit ziemlich explizit und schickte mir Bilder seines Körpers. Als er mich an einem Wochenende vom Bahnhof irgendeines Kaffs in sein menschenleeres Büro eskortierte, war offensichtlich, dass es um Sex ging.

Ich war eingeschüchtert, aber auch aufgeregt. Nach wenigen Minuten Smalltalk bei einem Glas Hahnenwasser trieben wir es auf der Couch in der Chillout-Ecke. Danach redeten wir nochmals ein paar Minuten, schliesslich setzte er mich am Bahnhof ab. Insgesamt dauerte die An- und Rückreise fast doppelt so lange wie das Treffen mit Hannes. Nachdem die Aufregung verflogen und die Lust befriedigt war, war ich mir nicht mehr sicher, ob sich das Date wirklich gelohnt hatte.

«In Bars und Clubs sehe ich die Männer manchmal wieder, von denen ich nicht weiss, wie sie heissen, obwohl ich Sex mit ihnen hatte»

Seit der Premiere mit Hannes ist der Ablauf immer etwa gleich. Nach ein paar lockeren Textnachrichten tauschen wir Bilder von uns aus: Körper, Gesicht und bald auch mehr. Danach verabreden wir uns zu einem Treffen, bei dem wir Sex haben. Name, Hobbys, Beruf – all das kommt nicht zur Sprache. Meinen Freunden – inklusive Michelle – erzähle ich nie von diesen heimlichen Treffen. Seit fast einem Jahrzehnt geht das jetzt so, unterbrochen wird das wilde Daten nur, wenn ich in einer geschlossenen Beziehung bin. In Bars und Clubs sehe ich die Männer manchmal wieder, von denen ich nicht weiss, wie sie heissen, obwohl ich Sex mit ihnen hatte. Manchmal nicken wir uns zu, meistens ignorieren wir uns.

Die Erinnerung an meine anonymen Treffen, die direkt nach dem Orgasmus in die Bedeutungslosigkeit geraten, wird mit zunehmender Zeit schwieriger zu tragen. Ein Anlauf, mit einem befreundeten Arzt darüber zu reden, geht schief: «Warum triffst du diese Typen überhaupt, wenn es dir danach scheisse geht? Hast du keine Impulskontrolle?» Der Arzt ist seit über zwölf Jahren in einer stabilen Beziehung und hat gut reden.

«Vielleicht schäme ich mich»

Die Reaktion eines schwulen Bekannten mit viel Lebens- und Datingerfahrung verletzt mich noch mehr: «Die Vorstellung, dass Sex mit vielen unterschiedlichen Partnern schlecht für mich und mein Image sein soll, lasse ich mir nicht aufzwingen. Und schon gar nicht lasse ich mich dafür verurteilen, dass ich meine Sexualität offen auslebe. Und da gehört anonymer Sex dazu.» Okay – dass Sex mit vielen Sexualpartnern etwas Schlechtes ist, ist tief in mir verankert. Aber das bedeutet doch nicht, dass ich Menschen verurteile, für die das stimmt. Im Gegenteil: Ich habe reichlich anonymen Sex. Nur bin ich gegen die gesellschaftliche Normvorstellung, dass das schlecht ist, weniger gut gefeit.

Als ich Michelle meine Männer-Liste zeige, fällt ihr Gesicht in sich zusammen. «Wieso hast du mir nie etwas von all diesen Typen erzählt?» Ich weiss es nicht. Vielleicht, weil ich mich schäme. Michelle nimmt mich in den Arm. Ich verspreche ihr, die Liste fortzusetzen. «Steh zu dir. Du hast ein Recht darauf, dich selbst zu sein. Und du bist gut so, wie du bist.» Danke, dass du für mich da bist, Michelle.

Sex-WG

3 mit Sex

Ella, Lars und Bruce heissen in Wirklichkeit gar nicht so, und auch einige Angaben sind geändert. Wahr ist aber, dass sie leidenschaftlich gern durch die Keller und Clubs der besten Stadt dieses Landes tanzen. Die drei Singles lieben Techno, Rührei und die stabilen Betten ihrer WG. Und sie wissen: Falls sie sich je zu dritt darin vergnügen, ist das das Ende von allem – oder der Beginn von etwas noch Grösserem. 20 Minuten erzählen sie exklusiv von ihren Abenteuern.

Deine Meinung

Fehler gefunden?Jetzt melden.