MH17-Absturz - «Ich konnte nicht aufhören zu weinen, bis ich schreiend aufwachte»
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MH17-Absturz«Ich konnte nicht aufhören zu weinen, bis ich schreiend aufwachte»

90 Angehörige der 298 Opfer des Abschusses des malaysischen Passagierflugzeugs vor sieben Jahren wollen in den nächsten drei Wochen aussagen. Die Staatsanwaltschaft hat drei Russen und einen Ukrainer des Mordes beschuldigt – sie sind nicht im Gerichtssaal.

Wer holte Flug MH17 vom Himmel? Die Beweislage scheint eindeutig.

(Video: Tamedia)

In dem Prozess um den Absturz eines malaysischen Passagierflugzeugs in der Ukraine 2014 haben nun Hinterbliebene der 298 Insassen das Wort. Nach niederländischem Recht können Verwandte eines Opfers eine Aussage vor Gericht machen, ohne Fragen gestellt zu bekommen. Am Montag schilderten die ersten tiefe traumatische Erfahrungen, in den nächsten drei Wochen wollen insgesamt 90 Personen aussagen – einige per Videoschaltung und aus anderen Ländern. Laut Staatsanwaltschaft wurde der Flug MH17 über der Ukraine mit einer Luftabwehrrakete abgeschossen.

Eine Tochter, ein Bruder und ein Vater gehörten zu den ersten Hinterbliebenen, die versuchten, über ihre Trauer und Traumen zu sprechen. Ria van der Steen schilderte Alpträume und Gefühlsausbrüche von Hass, Rache, Wut und Angst über den Verlust ihres Vaters und ihrer Stiefmutter. Nachts wache sie schreiend aus Alpträumen auf und leide darunter, dass es für sie unmöglich sei, von ihren Eltern Abschied zu nehmen.

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Ria van der Steen, eine Angehörige, schilderte Alpträume und Gefühlsausbrüche von Hass, Rache, Wut und Angst über den Verlust ihres Vaters und ihrer Stiefmutter.

Ria van der Steen, eine Angehörige, schilderte Alpträume und Gefühlsausbrüche von Hass, Rache, Wut und Angst über den Verlust ihres Vaters und ihrer Stiefmutter.

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Der Prozess um den Absturz von MH17 am 17. Juli 2014 begann im März 2020. Es wird erwartet, dass er bis ins nächste Jahr gehen wird.

Der Prozess um den Absturz von MH17 am 17. Juli 2014 begann im März 2020. Es wird erwartet, dass er bis ins nächste Jahr gehen wird.

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90 Angehörige der 298 Opfer des Abschusses des malaysischen Passagierflugzeugs MH17 vor sieben Jahren wollen in den nächsten drei Wochen aussagen. 

90 Angehörige der 298 Opfer des Abschusses des malaysischen Passagierflugzeugs MH17 vor sieben Jahren wollen in den nächsten drei Wochen aussagen.

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Heftige Alpträume

Kurz nachdem sie von deren Tod erfahren habe, hätten die Alpträume eingesetzt, in denen sie über Felder in der Ukraine auf der Suche nach ihrem Vater gehe. «Ich sah das Wrack, Leichen, persönliche Sachen», sagte sie. «Ich konnte nicht aufhören zu weinen, bis ich schreiend aufwachte.» Vater und Stiefmutter seien schliesslich anhand kleiner Knochenfragmente identifiziert worden. «Ich wusste, dass sie das waren, aber emotional wollte ich es nicht akzeptieren», sagte van der Steen.

Sander Essers sagte dem Gericht, er fühle sich bis heute mitschuldig am Tod seines Bruders Peter. 20 Minuten vor dem Start habe der Bruder ihn angerufen und gesagt: «Sander, ich fürchte, ich werde nicht lebend zurückkommen.» Später sagte er: «Wir fliegen über ein Kriegsgebiet.» Er hatte Todesangst und fragte mich händeringend, ob er an Bord des Flugzeugs gehen solle.» Essers sagte, er habe damals das Gefühl gehabt, er sollte seinen Bruder ermutigen. «Ich habe oft blitzartig das Gefühl, dass ich Mitschuld an seinem Tod habe.»

Peter van der Meer sagte, dass der Vatertag einer der furchtbarsten Tage des Jahres für ihn geworden sei, seit er damals seine zwölf, zehn und sieben Jahre alten Töchter verloren habe. «Ich bin ein Vater ohne Kinder, ein kinderloser Vater. Das ist so seit sieben Jahren und für alle Jahre, die kommen werden.»

Prozess dauert bis nächstes Jahr

Der Prozess um den Absturz von MH17 am 17. Juli 2014 begann im März 2020. Es wird erwartet, dass er bis ins nächste Jahr gehen wird. Die Staatsanwaltschaft hat vier Verdächtige benannt – drei Russen und einen Ukrainer – und beschuldigt sie des mehrfachen Mordes. Nach ihrer Darstellung wurde das Passagierflugzeug von einer Rakete des Typs Buk getroffen, die von einem russischen Militärstützpunkt mit einem Lastwagen in die Ukraine transportiert wurde. Russland hat bestritten, etwas mit der Katastrophe zu tun zu haben.

Die Beschuldigten sind nicht vor Gericht erschienen, nur einer von ihnen lässt sich von einem Anwalt vertreten. Sie haben die Vorwürfe zurückgewiesen.

Van der Steen hielt ihnen, wie sie sagte, ein Zitat des sowjetischen Schriftstellers Alexander Solschenizyn entgegen: «Sie lügen, wir wissen, dass sie lügen und sie wissen, dass sie lügen.»

Ein Anwalt der Hinterbliebenen, Peter Langstraat, erklärte, wie wichtig diese Gelegenheit für Angehörige sei, vor Gericht ihre Betroffenheit ausdrücken zu können. «Ich denke, es ist wahrscheinlich nach dem Urteil einer der wichtigsten Tage für Familienmitglieder, weil sie zu dem Gericht sprechen können, und sie sprechen auch zu den verantwortlichen Personen, wo immer sie sich verstecken. Es ist also eine Art Kommunikation mit den Leuten, die für diese Katastrophe verantwortlich sind.»

Hast du oder hat jemand, den du kennst, ein Trauma erlitten?

Hier findest du Hilfe:

Pro Mente Sana, Tel. 0848 800 858

Angehörige.ch, Beratung und Anlaufstellen

Pro Juventute, Beratung für Kinder und Jugendliche, Tel. 147

Dargebotene Hand, Sorgen-Hotline, Tel. 143

Absturz der Malaysia Airlines

Im Jahr 2014 kamen 298 Passagiere einer Maschine der Malaysia Airlines ums Leben. Flug MH17 startete vom Amsterdamer Flughafen Schiphol aus in Richtung Kuala Lumpur. Laut Staatsanwaltschaft war die Boeing 777 am 17. Juli über der umkämpften Ostukraine von prorussischen Rebellen mit einer russischen Rakete von dem Luftabwehrsystem Buk abgeschossen worden. Russlands Präsident Wladimir Putin hatte schon kurz nach dem Abschuss gesagt, dass alleine die Ukraine verantwortlich sei für das Verbrechen. Der Kremlchef argumentierte, das Nachbarland hätte aus Sicherheitsgründen den Luftraum sperren müssen – wegen der Kampfhandlungen in dem Kriegsgebiet. Kurz vorher war bereits ein ukrainisches Militärflugzeug abgeschossen worden. Gleichwohl sieht sich Russland international in der Kritik, durch seine Unterstützung der Separatisten – auch mit Waffen – den Krieg angeheizt zu haben.

(DPA, taw)

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