Weinfelden TG: «Ich lag auf dem Boden, nahm die Tritte wahr, sonst habe ich nichts realisiert»
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Weinfelden TG«Ich lag auf dem Boden, nahm die Tritte wahr, sonst habe ich nichts realisiert»

Beim Bahnhof Weinfelden wurden am Freitag zwei Jugendliche bedroht, einer davon verprügelt. Der Bahnhof ist in der Stadt als Problemort bekannt. Lösungen werden verlangt.

von
Michel Eggimann
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Ein 14-Jähriger wurde beim Bahnhof Weinfelden von Unbekannten verprügelt.

Ein 14-Jähriger wurde beim Bahnhof Weinfelden von Unbekannten verprügelt.

Wikipedia/Cityboy91
Der Jugendliche erlitt verschiedene Verletzungen, darunter eine Gehirnerschütterung.

Der Jugendliche erlitt verschiedene Verletzungen, darunter eine Gehirnerschütterung.

Google Street View
Ein Autofahrer eilte ihm zu Hilfe.

Ein Autofahrer eilte ihm zu Hilfe.

Wikipedia/Pingelig

Darum gehts

  • Unbekannte haben zwei Jugendliche beim Bahnhof Weinfelden bedroht.

  • Ein 14-Jähriger wurde in der Folge verprügelt.

  • Es ist nicht der erste Vorfall beim Bahnhof Weinfelden.

  • Die Politik und die Stadt beschäftigen sich mit der Situation.

Der 14-jährige Manuel Schenk wurde am Freitagabend von mehreren jungen Erwachsenen beim Bahnhof Weinfelden verprügelt. Er war gegen 19.40 Uhr zusammen mit einem Kollegen unterwegs, als er von Unbekannten angesprochen und bedroht wurde. Diese forderten Bargeld von den Jugendlichen. Der 14-Jährige und sein Kollege ergriffen die Flucht, als sich dafür die Möglichkeit bot. Doch Manuel wurde eingeholt und mit Faustschlägen und Fusstritten gegen den Kopf und den Oberkörper traktiert, wie die Kantonspolizei Thurgau in einer Mitteilung bestätigt.

Der 14-Jährige sagt: «Ich lag auf dem Boden und nahm die Tritte wahr. Sonst habe ich gar nichts mehr realisiert und mein Kopf fühlte sich komplett leer an.» Seine Rettung sei ein Autofahrer gewesen, der angehalten habe und zu ihm geeilt sei. Der Mann habe ihn zu sich ins Auto geholt und dort hätten sie die Polizei gerufen. Später sei auch sein Kollege zurückgekehrt, um nach ihm zu schauen.

Manuel erlitt durch die Schläge und Tritte eine Gehirnerschütterung, Verletzungen am Kopf sowie Prellungen und Schürfungen. Am Montag sagt er: «Jetzt geht es mir schon wieder besser. Ich habe gelegentlich noch Kopf- und Bauchschmerzen. Doch der Anfangsschock ist vorbei.» Er sei froh, dass so viele Menschen in den letzten Tagen für ihn da gewesen sind.

Vater geschockt

Kurt Schenk, der Vater von Manuel, erzählt: «Mein Sohn hat mich am Freitagabend vom Polizeiposten aus angerufen. Er wirkte völlig fertig und durcheinander.» Im ersten Moment hat der 51-Jährige nicht gewusst, was los ist. Sein Sohn habe ihm dann alles erklärt. Schenk ist darauf umgehend zum Polizeiposten gefahren und hat seinem Sohn frische Kleider gebracht, dann seien sie ins Spital gefahren. Noch Tage später ist der 51-Jährige geschockt, was passiert ist.

Der Kollege von Manuel ist mit dem Schrecken davon gekommen, erzählt sein Vater. «Meinem Sohn geht es soweit gut, er verkraftet die Geschehnisse von Freitagabend.» Nahe gehe ihm vor allem, dass ein Kollege von ihm derart zusammengeschlagen wurde. Am Sonntag sei sein Sohn für die Einvernahme bei der Polizei gewesen, da seien die Erinnerungen noch einmal hochgekommen, schildert der Vater. Der Mann aus Amlikon-Bissegg ärgert sich, dass es beim Bahnhof Weinfelden in letzter Zeit vermehrt zu Vorfällen kam und offensichtlich nichts unternommen werde. Er sagt: «Meine Frau geht nur noch ungern in Weinfelden auf den Zug. Es kann doch nicht sein, dass man an diesem Bahnhof jedes Mal ein mulmiges Gefühl hat.» Er fordert Lösungen.

Anzahl Einsätze

Bei der Kantonspolizei sind für den Bahnhof Weinfelden in den letzten 24 Monaten insgesamt 286 Einsätze registriert. Sie betreffen unter anderem 208 präventive oder repressive Kontrolltätigkeiten, 25 Festnahmen von ausgeschriebenen Personen, vier Widerhandlungen gegen das Betäubungsmittelgesetz, acht Corona-Kontrolltätigkeiten, drei Anzeigen betreffend Missachtung eines Arealverbots und einer Wegweisung, eine sexuelle Belästigung und acht Anzeigen betreffend Tätlichkeiten, leichten Körperverlet-zungen und Drohungen.

Was die genannte Aufzählung anbetrifft, ist allerdings zu erwähnen, dass die Regionalpolizei nur Kontrolltätigkeiten erfasst, die 15 Minuten oder länger dauern. Kurze Fusspatrouillen, Personenkontrollen oder andere präventive oder repressive Tätigkeiten, die diese zeitliche Vorgabe nicht erfüllen, werden nicht erfasst. Die effektive Kontrolltätigkeit der Kantonspolizei beim Bahnhof Weinfelden dürfte somit deutlich höher liegen.

Quelle: Regierungsrat des Kantons Thurgau (12. Januar 2021)

Politik mischt mit

Der Bahnhof beschäftigt auch die Politik. Nach einem Vorfall vom letzten Oktober bei dem Unbekannte einen 9-Jährigen festhielten und ihm eine Flüssigkeit in den Mund drücken wollten, reichten SVP-Politiker einen Vorstoss im Thurgauer Kantonsrat ein. Sie sorgten sich um die Sicherheit der Bürger beim Bahnhof in Weinfelden. Zudem machten die Politiker darauf aufmerksam, dass dort oft Randständige anzutreffen sind.

In der Antwort der Thurgauer Regierung heisst es: «Obwohl das subjektive Sicherheitsempfinden der Bevölkerung gestört ist, finden beim Bahnhof Weinfelden im Vergleich zu anderen städtischen Bahnhöfen im Kanton Thurgau nicht mehr Straftaten statt.» Das bestätigt auch die Kantonspolizei. Die Polizei sei beim Bahnhof Weinfelden regelmässig mit uniformierten und zivilen Kräften präsent, führe Kontrollen durch und bringe festgestellte Straftatbestände konsequent zur Anzeige. Polizeisprecher Daniel Meili meint, wenn man keine Polizisten sehe, heisse das nicht, dass die Polizei nicht präsent sei.

«Wir wollen solche Delikte nicht»

Auch die Stadt Weinfelden beschäftigt sich mit der Situation. Silvan Frischknecht, Leiter des Amtes für Sicherheit, sagt: «Wir als Stadt wollen solche Delikte nicht.» Es sei bekannt, dass es am Bahnhof oft Gruppen von Randständigen gebe und sich einige Personen dadurch nicht sicher fühlen. Doch Frischknecht sagt: «Es ist eine Gratwanderung. Solche Personen brauchen auch ihren Platz in der Öffentlichkeit.» Wer die beiden Jugendlichen bedroht und Manuel verletzt hat, ist noch nicht bekannt. Dazu laufen Ermittlungen bei der Polizei.

Nach dem Vorfall vom Freitagabend prüft die Stadt Weinfelden Massnahmen zur allgemeinen Sicherheit am Bahnhof. Frischknecht sagt, schon aktuell seien dort private Sicherheitskräfte im Einsatz. Es laufen Abklärungen für eine erhöhte Präsenz. Das wäre ganz im Interesse des verletzten Jugendlichen. Er sagt: «Ich hoffe, dass jetzt etwas unternommen wird, es ist genug passiert.»

Bist du oder jemand, den du kennst, von sexualisierter, häuslicher, psychischer oder anderer Gewalt betroffen?

Hier findest du Hilfe:

Polizei nach Kanton

Beratungsstellen der Opferhilfe Schweiz

Fachstelle Frauenberatung

Onlineberatung für Frauen (BIF)

Onlineberatung für Männer

Onlineberatung für Jugendliche

Frauenhäuser in der Schweiz und Liechtenstein

Zwüschehalt, Schutzhäuser für Männer

LGBT+ Helpline, Tel. 0800 133 133

Pro Juventute, Tel. 147

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