31.07.2020 02:53

Pöbelei im Bus

«Ich lasse keine Emotionen zu, sonst macht mich das kaputt»

Eine junge Rollstuhlfahrerin wurde im Bus in Kreuzlingen von einem älteren Ehepaar angepöbelt. Solche Situationen erlebt die 26-Jährige immer wieder. Nun ruft sie zu mehr Solidarität auf.

von
Michel Eggimann
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Die 26-jährige Laura W. wurde in Kreuzlingen im Bus von einem älteren Ehepaar angeschnauzt.

Die 26-jährige Laura W. wurde in Kreuzlingen im Bus von einem älteren Ehepaar angeschnauzt.

privat
Ein Vorwurf lautete, sie brauche zu viel Platz mit ihrem Rollstuhl und der Zughilfe.

Ein Vorwurf lautete, sie brauche zu viel Platz mit ihrem Rollstuhl und der Zughilfe.

Facebook
Die Thurgauerin versuchte zuerst noch mit dem Ehepaar zu reden, resignierte aber dann.

Die Thurgauerin versuchte zuerst noch mit dem Ehepaar zu reden, resignierte aber dann.

Wikipedia/Pingelig

Darum gehts

  • Ein älteres Ehepaar hat eine Rollstuhlfahrerin diskriminiert.
  • Die Frau wurde angeschnauzt, sie brauche zu viel Platz im Bus.
  • Das betroffene Busunternehmen bedauert den Vorfall.
  • Die 26-jährige Rollstuhlfahrerin fordert mehr Solidarität mit beeinträchtigten Personen.
  • Bei Behindertenorganisationen hat man grosses Verständnis für den Ärger der Frau.

«Heute ist etwas vorgefallen, was ich so nicht stehen lassen kann», schreibt die Thurgauerin Laura W.* in einem öffentlichen Post auf Facebook. Die 26-Jährige sitzt seit November 2018 im Rollstuhl. Wenn sie unterwegs ist, hat sie teilweise eine Zughilfe am Rollstuhl angebracht. So kommt die angehende Lehrerin auch steilere Hügel hinauf und ist mehr oder weniger selbstständig mobil. Was sie am Montag im Bus in Kreuzlingen erlebt hat, hat die 26-Jährige aufgewühlt. Sie wurde von einem älteren Ehepaar angepöbelt, das ihr vorwarf, im Bus zu viel Platz zu brauchen.

Begonnen hatte der Ärger bereits, als der Chauffeur für die gehbehinderte Frau die Rampe zum Einsteigen ausgerollt hatte. «Die ältere Frau hat etwas gesagt, das ich zum Glück nicht hörte, doch der Chauffeur schüttelte nur verständnislos den Kopf», so die Thurgauerin. Dann sei die Diskussion losgegangen. Unter anderem habe das Ehepaar gesagt, sie müsste doch mindestens 100 Franken mehr bezahlen für ein Ticket, so viel Platz wie sie brauche. «Ich versuchte, ruhig zu bleiben und rationale Argumente zu erwidern. Doch irgendwann merkte ich, dass es keinen Sinn macht», sagt W. Sie habe das ältere Ehepaar nur noch ungläubig angestarrt.

Vergleichbare Situationen erlebt

Die Diskussion im Kreuzlinger Bus ist für die Thurgauerin kein Einzelfall. Es komme immer wieder zu solchen Wortwechseln mit anderen Passagieren. «Ich lasse die Emotionen im Normalfall nicht hochkommen, sonst macht mich das kaputt. Am Montag hatte ich aber das Gefühl, dass ich jetzt mal publik machen muss, was wir Menschen mit einer Beeinträchtigung, etwa Rollstuhlfahrer, uns gefallen lassen müssen.»

Sie würde sich wünschen, dass andere Personen sich bei solchen Diskussionen einmischen. Ginge es nach ihr, reichen auch schon wenige Worte oder ein aufmunternder Blick. Am Montag sei das nicht der Fall gewesen. Weder der Chauffeur, der beim Ein- und Aussteigen sehr zuvorkommend gewesen sei, noch der andere Passagier im Bus hätten irgendwie interveniert, als sie diskriminiert worden sei.

«Verhalten absolut inakzeptabel»

Marc Moser von Inclusion Handicap, dem Dachverband der Behindertenorganisationen Schweiz, findet deutliche Worte: «Das Verhalten der erwähnten Passagieren ist absolut inakzeptabel.» Der Vorfall zeige aber auch, wie wichtig es sei, dass Menschen mit Behinderungen den ÖV selbstständig nutzen können. «Es ist für die betroffenen Personen unangenehm und unter Umständen auch für den Chauffeur in gewissen Situationen umständlich, wenn er ohnehin schon unter Zeitdruck ist und die Rampe anbringen muss», so Moser.

Die Kreuzlinger Stadtbusverwaltung hat Kenntnis von dem Fall. In der «Thurgauer Zeitung» heisst es: «Wir bedauern den Vorfall, und es ist bedenklich, dass es in der heutigen Zeit noch zu solchen Diskriminierungen kommt.» Der Buschauffeur habe aber richtig gehandelt, da er sich während der Fahrt auf den Verkehr konzentrieren müsse.

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