Widerstand gegen Zertifikatspflicht - «Ich lasse wohl alle rein, komme, was wolle»
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Widerstand gegen Zertifikatspflicht«Ich lasse wohl alle rein, komme, was wolle»

Hunderte Betriebe haben angekündigt, sich der Zertifikatspflicht zu widersetzen und auch künftig allen Leuten Zutritt zu gewähren. Einige reden darüber.

von
Fabian Pöschl
Claudia Blumer
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Ab Montag, 13. September, müssen die Betreiber von Restaurants, Fitnesszentren, Museen, Hallenbädern und so weiter alle Gäste auf das Covid-Zertifikat überprüfen. Im Bild ein Restaurant in Basel (Symbolbild), das sich nicht am Widerstand beteiligt.

Ab Montag, 13. September, müssen die Betreiber von Restaurants, Fitnesszentren, Museen, Hallenbädern und so weiter alle Gäste auf das Covid-Zertifikat überprüfen. Im Bild ein Restaurant in Basel (Symbolbild), das sich nicht am Widerstand beteiligt.

Tamedia
Hunderte Betriebe aus zahlreichen Branchen haben sich auf einer Website zusammengetan und versprechen, dass sie niemanden diskriminieren werden – mit Verweis auf die Bundesverfassung.

Hunderte Betriebe aus zahlreichen Branchen haben sich auf einer Website zusammengetan und versprechen, dass sie niemanden diskriminieren werden – mit Verweis auf die Bundesverfassung.

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Knapp 200 Gastronomiebetriebe haben sich auf der Website eingeschrieben. Insgesamt sind es gegen 3500 Unternehmen. Nicht alle werden sich nun der Zertifikatspflicht widersetzen, wie einige am Telefon sagen.

Knapp 200 Gastronomiebetriebe haben sich auf der Website eingeschrieben. Insgesamt sind es gegen 3500 Unternehmen. Nicht alle werden sich nun der Zertifikatspflicht widersetzen, wie einige am Telefon sagen.

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Darum gehts

  • Ab Montag brauchen über 16-Jährige ein Zertifikat (geimpft, genesen oder getestet) für den Zutritt zu Restaurants, Fitnesscenter sowie Freizeiteinrichtungen aller Art.

  • In Internetforen haben sich Unternehmen zusammengeschlossen, die «garantieren», alle gleich zu behandeln und von niemandem ein Zertifikat zu verlangen.

  • Einige rücken nach dem neusten Bundesratsentscheid davon ab, andere halten daran fest und reden mit 20 Minuten darüber, allerdings wollen fast alle anonym bleiben. Wieder andere legen das Telefon auf.

  • Wer sich der Zertifikatspflicht widersetzt, muss mit hohen Bussen rechnen: bis zu 100 Franken für Gäste, bis zu 10’000 Franken für Unternehmen. Diesen droht auch die Schliessung.


Hunderte von Betrieben haben Widerstand gegen die Zertifikatspflicht (Link zur Verordnung) angekündigt. Beispielsweise haben sich gegen 3500 Betriebe auf der Website Animap.ch eingeschrieben, die verspricht, niemanden zu diskriminieren. Eingetragene Firmen verzichteten «ausdrücklich darauf, Kundinnen und Kunden auf ihren Gesundheitszustand anzusprechen oder den Vorweis von Gesundheitsdokumenten zu verlangen. Dabei berufen sie sich auf das Diskriminierungsverbot und die Wirtschaftsfreiheit in der Bundesverfassung.»

Die Nachfrage bei einigen der aufgelisteten Betriebe zeigt: Nicht alle halten am Widerstand fest. Manche werden sich der Zertifikatspflicht beugen, wie sie am vergangenen Mittwoch vom Bundesrat verordnet worden ist. Manche wollen keine Auskunft geben, einer hängt das Telefon wortlos auf. Andere reden mit 20 Minuten, wollen aber anonym bleiben. Kein Wunder – ab Montag drohen bei Widerhandlung gegen die Zertifikatspflicht hohe Bussen (siehe Box).

Eine Ausnahme ist Patrik Aufdenblatten vom Restaurant Walliserkanne in Zermatt. «Wir werden alle Gäste bedienen», sagt er zu 20 Minuten. Angst vor Strafen habe er keine. «Mehrere Anwälte sagten mir, dass die Zertifikatspflicht gesetzeswidrig ist. Wie kann es legal sein, wenn es für die Parlamentarier und im ÖV nicht gilt?», so Aufdenblatten.

«Jetzt droht alles wieder kaputtzugehen»

«Ich lasse wohl alle rein, komme, was wolle», sagt die Inhaberin eines Cafés im Kanton St. Gallen. Es handelt sich um ein währschaftes Lokal auf dem Land, ein Treffpunkt der Dorfbevölkerung. «Die Entscheidung fällt mir nicht leicht, aber ich arbeite alleine im Café, da kann ich nicht noch Zertifikate kontrollieren.»

Sie fände es auch unfair, Leute zu diskriminieren, die sich nicht impfen lassen können oder wollen, sagt die Wirtin am Telefon. «Ich habe Gäste, die 88 Jahre alt sind und einmal die Woche für Kaffee und Kuchen zu mir kommen. Die kann ich nicht in der Kälte auf die Terrasse schicken, nur weil sie kein Zertifikat haben. Die Leute respektieren die Abstandsregeln, es ging wieder aufwärts im Gastgewerbe und jetzt droht alles wieder kaputtzugehen.»

«Bei meinen Stammgästen pfeiffe ich auf die Kontrolle und lasse alle rein», sagt der Betreiber einer rustikalen Bar im Raum Zürich. Auch er möchte anonym bleiben. «Vor zwei Jahren hätten wir uns nicht vorstellen können, dass es einmal so eine Diskriminierung in der Bevölkerung gibt.» Doch man dürfe heute ja nichts mehr sagen.

Ein weiterer Barbetreiber im Kanton St. Gallen, der von 20 Minuten angefragt wird, kündigt die Schliessung an. «Das ist mir lieber als jemanden wegen des fehlenden Zertifikats diskriminieren zu müssen.» Er überlege sich, eine Partei zu gründen, um etwas zu verändern und den Menschen einen Treffpunkt für politischen Austausch anbieten zu können, sagt der Barbesitzer.

Wie ein Lockdown

Vor allem in ländlichen Gegenden, wo die Impfquote tief ist, bereitet die Zertifikatspflicht den Betrieben Sorgen. So auch einem Fitnessunternehmer aus der Zentralschweiz. «Ich werde mich der Zertifikatspflicht fügen müssen. Doch das ist für mich ein Lockdown, denn 80 Prozent der Leute bei uns sind ungeimpft», sagt er.

Er habe kein Verständnis für den Entscheid des Bundesrats. «Wir sorgen dafür, dass die Leute gesund sind und dürfen sie jetzt nicht trainieren lassen. Derweil brauchen die Parlamentarier für die Session kein Zertifikat. Wir beten dafür, dass die Vernunft irgendwann zurückkehrt und die Bevölkerung gegen das Covid-Gesetz stimmt.»

Bussen bis zu 10’000 Franken

Widerstand ist teuer

Wer sich der Zertifikatspflicht widersetzt, muss mit hohen Bussen rechnen. Gäste beziehungsweise Besucher und Besucherinnen ohne Zertifikat können mit bis zu 100 Franken gebüsst werden. Unternehmen, die sich der Zertifikatspflicht widersetzen, drohen Bussen von bis zu 10’000 Franken sowie die Schliessung ihres Unternehmens.

Die Polizei werde «gezielte und punktuelle Kontrollen durchführen», sagt Max Hofmann, Generalsekretär des schweizerischen Polizeibeamten-Verbands. Eine Weisung des Polizeikommandanten-Verbands gibt es nicht. Flächendeckende Kontrollen werde die Polizei nicht durchführen können, liess der Sprecher gegenüber Medien verlauten. Vielmehr werde mit Stichproben gearbeitet werden müssen.

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