Unfall mit Folgen: «Ich lebe nicht gern vom Sozialamt, muss aber»
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Unfall mit Folgen«Ich lebe nicht gern vom Sozialamt, muss aber»

Der St. Galler Marco Hinna (23) wurde im Januar 2014 von einem betrunkenen Raser angefahren. Noch heute leidet er unter den Folgen. Die Suva hält ihn jedoch für gesund.

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taw

Es war der 18. Januar 2014, als Marco Hinna gegen 3 Uhr mit zwei Kollegen zu Fuss auf dem Heimweg vom Ausgang war. «Weil wir Hunger hatten, gingen wir im McDonald's in Abtwil noch etwas essen», erzählt Hinna. Danach wollte er über die Fürstenlandbrücke Richtung St. Gallen laufen – doch so weit kam es nicht. «Wir sahen plötzlich diesen viel zu schnellen Mercedes in den Kreisel fahren. Er verpasste die Ausfahrt und raste direkt auf uns, die wir auf dem Trottoir standen, zu.» Durch den Aufprall wurden Hinna und seine beiden Kollegen weggeschleudert.

Hinna landete in der Wiese. «Mir schoss nur ein Gedanke durch den Kopf: 'Scheisse'», so der 23-Jährige. «Es fühlte sich an, als hätte ich fünf Saltos in der Luft gemacht.» Sofort kamen Helfer und verständigten die Polizei. Er und seine Freunde wurden ins Spital gebracht.

Mit Papas Mercedes unterwegs

Die Polizei glaubte erst, der Unfallfahrer sei geflüchtet. Später zeigte sich allerdings, dass der 18-Jährige, der am Unfallort den Beamten sagte, er sei nur der Beifahrer gewesen, tatsächlich selber fuhr. Er war betrunken mit dem Mercedes seines Vaters unterwegs.

Wie der «Beobachter» schreibt, wurde der Unfallraser ein halbes Jahr danach vom Kreisgericht St. Gallen zu einer bedingten Geldstrafe und einer Busse verurteilt. Zudem wurde ihm der Fahrausweis für mindestens zwei Jahre entzogen. Vor Gericht bedauerte er sein Verhalten. Er habe einfach nichts studiert und geglaubt, trotz des Alkoholkonsums fahrfähig zu sein.

Hinna stand dem Unfallverursacher vor Gericht gegenüber. Wut auf ihn habe er keine. «Der junge Mann hat einfach Mist gebaut. Was soll ich da wütend auf ihn sein? Das hilft mir doch nicht weiter.» Er müsse sich jetzt auf sich selber konzentrieren und nach vorne schauen, sagt Hinna: «Mir ist die Zukunft wichtig, nicht die Vergangenheit.» Zudem habe sich der Raser bei ihm entschuldigt.

Für die Suva ist er gesund

Damit ist der Fall für Hinna allerdings noch nicht erledigt. Vom Unfall trug er einen komplizierten Bruch des rechten Schien- und Wadenbeins davon. Zweimal musste er operiert werden. «Ich habe noch immer Schmerzen. Ich kann kaum weiter als 50 Meter gehen und das Treppensteigen fällt mir schwer», so der gelernte Schreiner. Wieder in seinem alten Beruf zu arbeiten ist für ihn undenkbar. «Ich weiss, was man als Schreiner leisten muss. Mit meinem Bein ist das unmöglich.» Er habe auch Angst, das Bein vollständig zu belasten.

Die Suva allerdings hält den jungen Mann für gesund und wieder voll arbeitsfähig. Seit gut einem halben Jahr bekommt er deshalb keine Taggelder mehr. Mit weitreichenden Folgen: Hinna hat sein Erspartes und das Haftpflichtgeld aufgebraucht und muss nun Sozialhilfe beziehen. Seine Wut ist gross: «Anderen hilft die Suva doch auch, obwohl es denen besser geht als mir. Wieso mir nicht?» Er lebe nur sehr ungerne von Sozialhilfe, aber momentan bleibe ihm schlicht nichts anderes übrig.

Weiterbildung begonnen

Hinnas Hausarzt glaubt seinem Patienten. In der Beurteilung der Arbeitsfähigkeit hält er laut «Beobachter» fest: «Für mich ist Herr Hinna als Schreiner seit dem Unfalltag durchgehend zu hundert Prozent arbeitsunfähig.» Dies bestätigt auch der Bericht eines unabhängigen orthopädischen Gutachters. Für die Suva tut das alles nichts zur Sache. Sie will sich zum Fall Hinna nicht äussern, da es sich um ein laufendes Verfahren handle.

Hinna hat einen Anwalt an seiner Seite. Dieser versucht nun mit weiteren medizinischen Spezialgutachten Argumente gegen die Gesundschreibung durch die Suva zu finden. «Mein Mandant ist nicht nur Unfallopfer, sondern auch ein Opfer eines Systemfehlers», sagt Anwalt Manfred Dähler zum «Beobachter». Die Suva sei verantwortlich für die Heilung, nicht aber für die Integration – dafür sei die IV zuständig. Allerdings wird diese nicht aktiv, solange die Suva Hinna als arbeitsfähig einstuft.

Anfang 2015 hat Hinna eine Weiterbildung zum technischen Kaufmann begonnen. Die Ausbildung kostet rund 30'000 Franken – Geld, das er nicht hat. Da die Schule um seine Situation weiss, hat sie bisher darauf verzichtet, das Schulgeld in Rechnung zu stellen. Für Hinna eine grosse Entlastung. Und dennoch: «Ich werde angefahren, ziehe Verletzungen davon, gebe aber nicht auf und versuche mich beruflich neu zu orientieren. Doch statt mich zu unterstützen stoppt die Suva die Taggelder und treibt mich so in die Sozialhilfe. Wie kann das sein?»

Sein grösster Wunsch sei es, seine Ausbildung ohne Sorge abzuschliessen und seinen Platz in der Arbeitswelt zu finden. «Ich hoffe, die Suva lenkt ein und zahlt die Taggelder, bis ich meine Ausbildung abgeschlossen habe.»

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