20.07.2016 07:53

Doktor Sex

«Ich leide unter der medialen Sexualisierung»

Pirmin befürchtet, dass seine Freundin Lust kriegen könnte auf eines der vielen sexuellen Abenteuer, von denen man heute in jeder Zeitung lesen kann.

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Für manche Menschen geht das Zurschaustellen von Sex in den Medien zu weit. (Szene aus «Showgirls», MGM Home Entertainment)

Für manche Menschen geht das Zurschaustellen von Sex in den Medien zu weit. (Szene aus «Showgirls», MGM Home Entertainment)

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Frage von Pirmin (26) an Doktor Sex: Ich bin seit einiger Zeit in einer sehr glücklichen Beziehung und liebe meine Freundin sehr. Wir haben tollen, abwechslungsreichen Sex und das Vertrauen ineinander wächst stetig. Jedoch leide ich zunehmend unter der Sexualisierung unserer Gesellschaft. Meine Einstellung ist traditionell: Ich möchte nur die eine Frau, für die ich mich entschieden habe. Betrogen habe ich noch nie und könnte es auch nicht. Aber bei all diesen in den Medien publizierten Geschichten über Themen wie Fremdgehen, offene Beziehung, Gruppensex und Ähnlichem, frage ich mich, ob eine monogame Beziehung heute noch möglich ist. Denn das ist alles, was ich mir wünsche.

Ich fürchte mich davor, dass in meiner Freundin plötzlich das Bedürfnis nach irgendwelchen Eskapaden erwachen könnte – auch wenn ich keinen Grund zur Annahme habe, dass dies bei ihr geschehen könnte. Ich wäre überhaupt nicht in der Lage, damit umzugehen. Zwar denke ich nicht, dass solche Experimente für die meisten Leute die Norm sind. Trotzdem fällt es mir wegen solcher Geschichten immer schwerer, daran zu glauben, dass lebenslange Treue in einer Beziehung möglich ist. Schaffen Paare dies heute überhaupt noch?

Antwort von Doktor Sex

Lieber Pirmin

Umfassend verstanden bezeichnet der Begriff «Sexualität» alle Lebensäusserungen, Verhaltensweisen, Gefühle, Empfindungen und Interaktionen eines Menschen in Bezug auf sein Geschlecht. So gesehen sind Gesellschaften sexualisiert, seit es sie gibt, denn sie werden von Menschen errichtet, gestaltet und aufrechterhalten.

Mir scheint, es geht in deiner Frage nicht um Sexualität, sondern um Moral – also um die Handlungen und Handlungsmuster von Menschen sowie um die Konventionen, Regeln und Prinzipien, die diesen zugrunde liegen. Und es geht um deine Angst davor, dass deine Freundin ihre Werte über Bord werfen und dich damit in grosse Not stürzen könnte.

Du irrst dich wenn du glaubst, früher sei alles besser und lebenslange Treue sei einfacher gewesen. Sich an einen einzigen Menschen zu binden und für den Rest des Lebens mit ihm zusammenzubleiben – sogar wenn Langeweile und Streitereien längst überhandgenommen haben – war schon immer schwierig.

Und es sind auch nicht die «bösen» Medien, die an dem von dir beklagten sittlichen Zerfall schuld sind. Denn das, worüber sie berichten, sind die Handlungen von Menschen. Anders als vor 20 Jahren ist jedoch, dass ihre Berichterstattung heute offener ist und es keine homogene Leitkultur mehr gibt, der sie verpflichtet sind.

Darüber, ob das gut oder schlecht, kann man sich endlos streiten. Fakt ist: Leben ist mehr, als sich nach Regeln zu verhalten, die andere für einen aufgestellt haben. Oder mit den Worten des indischen Philosophen Jiddu Krishnamurti: Die Wahrheit ist ein pfadloses Land. Wir Menschen haben die Freiheit zu wählen. Diese sollten wir nutzen, um so die Welt zu einem Ort der Liebe und des friedlichen Miteinanders zu machen, statt uns mittelalterliche Strukturen und Abhängigkeiten zurückzuwünschen!

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