09.09.2020 11:49

Krebs-Prävention «Ich liess mich impfen, um beim Sex niemanden mit dem ‹Krebs-Virus› anzustecken»

Andrea (26) kämpft dafür, dass sich möglichst viele junge Männer gegen HPV impfen lassen. Das stark verbreitete Virus kann Krebs auslösen.

von
Meret Steiger
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Der 26-jährige Andrea hat sich kürzlich gegen HPV impfen lassen. Das, weil bereits mehrere Frauen in seinem Umfeld Biopsien machen mussten. «Plötzlich stand das Wort ‹Krebs› im Raum, und damit verbunden grosse Ängste. Das hat mich berührt.»

Der 26-jährige Andrea hat sich kürzlich gegen HPV impfen lassen. Das, weil bereits mehrere Frauen in seinem Umfeld Biopsien machen mussten. «Plötzlich stand das Wort ‹Krebs› im Raum, und damit verbunden grosse Ängste. Das hat mich berührt

privat
HPV ist ein Virus, das Krebsvorstufen bei Frauen, aber auch bei Männern auslösen kann. Eine möglichst frühe Impfung könnte die Verbreitung von HPV einschränken.

HPV ist ein Virus, das Krebsvorstufen bei Frauen, aber auch bei Männern auslösen kann. Eine möglichst frühe Impfung könnte die Verbreitung von HPV einschränken.

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Während die Durchimpfungsquote bei Mädchen in der Schweiz bei 59 Prozent liegt, lassen sich nur 17 Prozent der männlichen Jugendlichen pieksen (siehe Interview).

Während die Durchimpfungsquote bei Mädchen in der Schweiz bei 59 Prozent liegt, lassen sich nur 17 Prozent der männlichen Jugendlichen pieksen (siehe Interview).

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Darum gehts

  • Humane Papillomaviren (HPV) können verschiedene Krebsarten auslösen.
  • Rund 5000 Frauen werden jährlich wegen «Krebsvorstufen» in diesem Zusammenhang operiert.
  • Der 26-jährige Andrea will Männer dazu animieren, sich gegen das Virus impfen zu lassen.

«Immer wieder haben mir Kolleginnen erzählt, dass sie einen auffälligen Krebs-Abstrich hatten. Ihre Frauenärztinnen haben Zellveränderungen entdeckt und sie mussten Biopsien machen lassen. Plötzlich stand das Wort ‹Krebs› im Raum, und damit verbunden grosse Ängste. Das hat mich berührt», sagt Andrea. Der 26-jährige Basler begann, sich zu informieren.

Er fand heraus, dass sich zwar die meisten sexuell aktiven Menschen im Lauf ihres Leben das Humane Papillomvirus (HPV) einfangen – dass die Infektion aber bei Frauen häufiger zu Krebs und anderen Beschwerden führt als bei Männern. 80 Frauen starben zwischen 2012 und 2016 an durch HPV ausgelösten Gebärmutterhalskrebs. Rund 5000 Frauen werden jährlich wegen Krebsvorstufen operiert.

«Obwohl Männer ebenfalls oft Träger des Virus sind und eine Impfung unabhängig des Geschlechts empfohlen wird, lassen sich nur wenige junge Männer impfen. Das verstehe ich nicht», so der Jus-Student. Tatsächlich: Während die Durchimpfungsrate bei Mädchen in der Schweiz bei 59 Prozent liegt, lassen sich nur 17 Prozent der männlichen Jugendlichen piksen (siehe Interview). Andrea wollte nicht länger zur ungeimpften Mehrheit gehören, sondern aktiv etwas gegen die Verbreitung von HPV tun.

«Männer wissen gar nichts über HPV»

Die Impfung sei eine kleine Sache gewesen, so Andrea rückblickend. Er habe keine Schmerzen und keinerlei Nebenwirkungen gehabt. Ob er jetzt tatsächlich geschützt ist, beziehungsweise als Überträger der HP-Viren ausgeschlossen werden kann, ist aber nicht klar: Am effektivsten ist die Impfung nämlich dann, wenn sie vor dem ersten sexuellen Kontakt verabreicht wird. Andrea weiss nicht, mit welchen HP-Viren er vielleicht bereits in Kontakt gekommen ist.

Dennoch rührt er für die Impfung die Werbetrommel: «Die Impfung ist bis zum 26. Lebensjahr gratis und kann im besten Fall Leben retten. Deshalb versuche ich, meine Freunde und grundsätzlich alle Männer dazu zu animieren, sich ebenfalls piksen zu lassen. Bei einigen hatte ich schon Erfolg. Lasst euch bitte alle impfen, das ist wichtig: So können wir die Frauen unserer Gesellschaft vor Gebärmutterhalskrebs bewahren.»

Oberarzt der Gynäkologie im Unispital Zürich
Dr. med. Gian-Piero Ghisu

Oberarzt der Gynäkologie im Unispital Zürich

USZ

Herr Dr. Ghisu, wie viele Menschen sind mit HPV infiziert?
Man schätzt, dass sich 70 bis 80 Prozent der sexuell aktiven Frauen und Männer im Laufe ihres Lebens mit HPV infizieren. Die meisten Infektionen heilen innerhalb von zwei Jahren spontan ab. Im schlimmsten Fall kann die Infektion aber zur Entstehung bestimmter Krebserkrankungen führen. Das Infektionsrisiko ist zu Beginn der sexuellen Aktivität am höchsten und steigt mit der Anzahl Sexualpartner. Die meisten HPV-Infizierten sind deshalb zwischen 16 und 25 Jahre alt.

Wie viele Menschen sind in der Schweiz gegen HPV geimpft?
Die durchschnittliche Durchimpfung bei 16-Jährigen liegt bei den Mädchen bei 59 Prozent, bei den Jungs bei 17 Prozent. Die Durchimpfungsrate zeigt kantonal erhebliche Unterschiede. In Kantonen ohne Schulimpfung liegt die HPV-Impfrate unter dem Schweizer Durchschnitt. Das BAG strebt eine Durchimpfung von 80 Prozent an, davon sind wir leider weit entfernt.

Macht es Sinn, wenn sich Männer impfen lassen?
Auf jeden Fall. Einerseits können HPV-Infektionen auch bei Männern zu lästigen Feigwarzen oder zu bedrohlichen Krebsvorstufen und Krebs führen. Andererseits stecken HPV-infizierte Männer ihre Partnerinnen und Partner an. Man geht davon aus, dass mit dem aktuell eingesetzten Impfstoff über 90 Prozent der Krebserkrankungen im Anal-, Mund-Rachen-Bereich oder am Penis verhindert werden können. Zwischen 2012 und 2016 erkrankten 300 Männer an Krebs im Mund- und Rachenraum, der durch HP-Viren ausgelöst worden sein könnte.

Wann sollte man sich impfen lassen?
Die Impfung wird im Rahmen der kantonalen Impfprogramme idealerweise vor Aufnahme der sexuellen Aktivität durchgeführt. Für 11- bis 14-Jährige reichen dafür zwei Impfungen im Abstand von 6 Monaten aus. Ab dem 15. Lebensjahr sind drei Impfungen nötig. Bei Personen über 26 Jahren übernimmt die Grundversicherung die Impfkosten in der Regel nicht mehr. Am besten erkundigt man sich bei der eigenen Krankenkasse, ob sich diese an die Impfkosten beteiligt.

Was ist HPV?

In den frühen Achtzigern wurde bekannt, dass die Krebserkrankungen am Gebärmutterhals fast ausnahmslos durch eine Infektion mit bestimmten humanen Papillomaviren (HPV) verursacht werden. Die Viren werden sexuell übertragen und können nicht nur zu Gebärmutterhalskrebs führen, sondern auch Tumoren im Bereich des Enddarms, des übrigen Genitales und des Hals-Rachenbereichs verursachen. Es sind mehr als 100 verschiedene HPV-Typen bekannt, welche die Haut oder die Schleimhäute infizieren, die meisten sind dabei harmlos. Einige Typen können zu Feigwarzen führen, andere zu Krebsvorstufen und zu Krebs. Die meisten Infektionen heilen innerhalb von zwei Jahren spontan ab. Da es bisher keine Therapie gegen eine HPV-Infektion gibt, kann einzig durch die sehr wirksame HPV-Impfung – am besten vor Aufnahme der sexuellen Aktivität – die Entstehung eines Grossteils der HPV-assoziierten Krebserkrankungen verhindert werden.

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