Aktualisiert 11.05.2020 12:20

Lovely Me

«Ich liess mir alle fünf Minuten Morphium spritzen»

Tiktokerin Alessia (25) leidet an einer schweren Skoliose. Für die Turnerin brach nach der Diagnose eine Welt zusammen. Heute hat sie gelernt, mit ihren Einschränkungen zu leben.

von
Michelle Muff
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Alessia (25) aus Solothurn hat eine schwere Skoliose. Vor fünf Monaten musste sie sich deswegen operieren lassen.

Alessia (25) aus Solothurn hat eine schwere Skoliose. Vor fünf Monaten musste sie sich deswegen operieren lassen.

Privat
Dass sie eine Skoliose hat, erfuhr sie mit 14. Damals wurde die Fehlstellung aber falsch behandelt: «Der Orthopäde sagte mir, dass ich kein begradigendes Korsett brauche und mit dem Geräteturnen normal weitermachen könne.»

Dass sie eine Skoliose hat, erfuhr sie mit 14. Damals wurde die Fehlstellung aber falsch behandelt: «Der Orthopäde sagte mir, dass ich kein begradigendes Korsett brauche und mit dem Geräteturnen normal weitermachen könne.»

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Erst als Alessia 2019 wegen einer Knieverletzung zum Arzt ging, wurde der Doktor auch auf ihren Rücken aufmerksam. Nach einer Röntgenaufnahme war klar: Sie hat eine schwere Skoliose und eine Krümmung der Wirbelsäule von 57 sowie 34 Grad. «Der Arzt war richtig erschrocken. Er meinte, ich hätte als Teenager ein Korsett benötigt.»

Erst als Alessia 2019 wegen einer Knieverletzung zum Arzt ging, wurde der Doktor auch auf ihren Rücken aufmerksam. Nach einer Röntgenaufnahme war klar: Sie hat eine schwere Skoliose und eine Krümmung der Wirbelsäule von 57 sowie 34 Grad. «Der Arzt war richtig erschrocken. Er meinte, ich hätte als Teenager ein Korsett benötigt.»

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Um das gehts

  • Als Alessia 14 war, wurde bei ihr eine Skoliose diagnostiziert.
  • Vor fünf Monaten musste sie sich deswegen einer grossen Operation unterziehen.
  • Für die Geräteturnerin war es schwer zu akzeptieren, dass sie nach der OP nicht mehr so beweglich sein wird.
  • Inzwischen kann die 25-Jährige mit ihren sportlichen Einschränkungen leben.

Alessia, was ist dein Makel?

Ich habe eine Skoliose, das heisst, meine Wirbelsäule ist gekrümmt. Lange blieb die Fehlstellung unentdeckt und als ich mit 14 die Diagnose erhielt, wurde ich erst falsch behandelt.

Wie kam es zur Diagnose?

Als ich neun war, habe ich mit Geräteturnen angefangen. Ich habe viel trainiert und den Sport sehr ernst genommen. Mit 14 hatte ich vermehrt starke Rückenschmerzen. Als ich mich während eines Trainings bückte, meinte einmal eine Freundin zu mir: «Boah, sieht dein Rücken schräg ausIch wandte mich daraufhin an meine Mutter, die mit mir zum Orthopäden ging. Dort erhielt ich erstmals die Diagnose Skoliose.

Wie gings weiter?

Der Orthopäde meinte zu mir, dass ich weiter turnen könne und auch kein begradigendes Korsett brauchen würde. Erst 2019, also fast zehn Jahre später, erfuhr ich, wie schlimm es meinem Rücken eigentlich geht.

Wie hast du es erfahren?

Als ich nach einem Unfall mein Knie geprellt hatte und zum Arzt ging, erwähnte ich auch gleich meinen Rücken. Nachdem er mich begutachtet hatte, ist er richtig erschrocken. Nach dem Röntgen kam raus, dass meine Wirbelsäule im unteren Bereich um 57 Grad gekrümmt war und im oberen um 34 Grad. Ich wurde an einen Spezialisten verwiesen. Nach einem Termin mit ihm war klar, dass ich operieren muss.

Wie war das für dich?

Ich wurde ziemlich depressiv und habe vor der OP viel geweint. Ich konnte damals den Gedanken, dass ich nicht mehr so beweglich sein werde wie vor der OP, kaum ertragen. Sport ist schliesslich meine grösste Leidenschaft. Die Zeit war wirklich hart. Vor der Operation an sich hatte ich aber keine Angst.

Wie verlief die Operation?

Ich hatte sie im November 2019. In den Tagen direkt nach der OP ging es mir sehr schlecht. Ich hatte extreme Schmerzen, es war die Hölle. Ich liess mir alle fünf Minuten Morphium spritzen. Im Rausch der Betäubungsmittel habe ich mitten in der Nacht meine Mutter angerufen und sie angefleht, mich aus dem Spital zu holen. Meinen Arbeitskollegen hatte ich geschrieben, dass ich am Sterben sei. An diese Dinge kann ich mich gar nicht erinnern.

Ging es dir danach besser?

Nein, die ersten Tage dachte ich, dass etwas bei der Operation schiefgegangen sei. Nach zehn Tagen wurde ich aus dem Spital entlassen. Als ich wieder daheim war, wurde es plötzlich von Woche zu Woche besser. Die Schmerzen gingen langsam weg, ich konnte mich wieder mehr bewegen. Auch psychisch ging es mir wieder besser.

Was hat dir zur psychischen Besserung verholfen?

Dass ich während dieser Zeit bei meinen Eltern wohnte. Sie kümmerten sich um mich und lenkten mich ab. Ich war auch angewiesen auf ihre Hilfe, denn während zwei Monaten war ich körperlich stark eingeschränkt, konnte nicht mal die Socken selber anziehen. Auch mein Freund sowie meine 171’000 Tiktok-Follower haben mir Kraft gegeben. Schlussendlich hatte es aber wohl mit meiner eigenen Einstellung zu tun, dass ich die Dinge wieder positiv sehen konnte.

Was hat sich an deiner Einstellung geändert?

Ich habe angefangen, mich auf das zu konzentrieren, was ich nach wie vor habe – und nicht auf das, was ich wegen der Operation nicht mehr kann. Ausserdem lernte ich meine restliche Gesundheit schätzen: Ich bin schliesslich immer noch am Leben und praktisch gesund. Und ich dachte mir: «Du hast die erste Woche nach der OP überstanden. Du kannst alles schaffen.»

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Bist du jetzt schon wieder am Trainieren?

Ja, ich gehe zweimal die Woche in die Physiotherapie, und auch zu Hause mache ich wieder regelmässig kleine Sporteinheiten, gehe schwimmen und Rad fahren. Oft ist der Sport aber begleitet von Angst: Ich denke mir, was würde passieren, wenn ich jetzt hinfalle? Würde es meine Wirbelsäule verletzen? Ich versuche abert, zuversichtlich zu bleiben und mir Ziele zu setzen.

Was hast du dir für Ziele gesetzt?

Ich will unbedingt Ende dieses Jahres wieder mit dem Geräteturnen anfangen. Ich lasse aber alles auf mich zukommen. Mein Rücken hat mir 24 Jahre lang trotz Skoliose ermöglicht das zu machen, was ich liebe. Falls nun etwas sporttechnisch gesehen nicht mehr geht, dann ist es nun mal so. Deprimiert sein nützt nichts.

Alessia arbeitet als Chemielaborantin und wohnt in Solothurn. Abgesehen vom Sport zeichnet und backt sie in ihrer Freizeit gern.


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