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Jan Delay«Ich mag die Scorpions»

Im Interview spricht der Hamburger Musiker über seine erste Rockplatte, den Stadtteil St. Pauli und seine neue Aufgabe als Vater.

von
Marlies Seifert

Die Reaktionen auf dein erstes Rock-Album waren nicht nur positiv. Hattest du damit gerechnet?

Jan Delay: Manchen passte nicht, dass ich mich vermeintlich an ihrer Musik bedient habe. In dem Moment, wo ich in ihrem Territorium an den Baum pinkle, riechen die das und sie mochten nicht, was sie rochen. Solange die Zahl derer, die es hassen, nicht jene derer übersteigt, die es lieben, ist es okay.

Du spielst aber schon mit Klischees – inhaltlich wie musikalisch.

Klar – und das auch mal mit Augenzwinkern. Aber mir ist wichtig, dass nirgendwo das Gefühl entsteht, dass ich mich lustig mache. Wenn ich mich schon an Fremdkulturen bediene, sollen sie wissen, dass ich das mit Respekt tue. Es gab Anfragen für Fotoshootings mit Spandexhosen und Langhaarperücken, aber das wird es nicht geben.

Wie bist du zum Rock gekommen?

Ich habe immer schon alles an Musik gehört. Rock hat sich auf ein par Sachen beschränkt: Guns N' Roses, Nirvana, Rage Against the Machine. Und dann kamen erst Anfang der Nullerjahre wieder die geilen Rockplatten: Queens of the Stone Age, Jet, Mando Diao. Da wurde klar, dass ich Bock darauf habe. Und wenn ich mich in etwas vertiefe und merke, dass es Spass macht, dann ist es um mich geschehen

Etwas wollen ist aber nicht gleich etwas können. Gab es Rohrkrepierer?

Ja, die gab es. Wir haben verschiedene Sachen probiert und bei den Rockdingern hat es sofort funktioniert. Aber man hat auch gemerkt, wo die Defizite sind. Dass wir uns etwa null mit Gitarrensounds und Amps auskennen. Das mussten wir uns eingestehen und professionelle Hilfe suchen.

Ein stringentes Rock-Album ist aber trotzdem nicht daraus geworden. Eher ein wilder Stilmix.

Das ist das Schöne, wenn man so unbedarft um die Ecke kommen kann und nichts mit der Szene zu tun hat. Dass einem irgendwelche Grenzen und Gesetze egal sind. Dass man einfach mal alles macht, was man an Rock gut findet.

Ein Song wie «Scorpions-Ballade» klingt aber schon fast wie eine Parodie.

Gar nicht. Da ist eine Dringlichkeit in dem Text. Das ist keine Ironie. Es geht darum, dass alles so verschwimmt und keine klare Stellungen mehr bezogen werden und sogar Jan Delay eine Scorpions-Ballade macht. Ausserdem mag ich solche. Man kann sich lustig machen über die Scorpions, das habe ich auch schon gemacht. Aber das sind schon geile Songs. Ausser «Wind of Change». Das hasse ich.

Und auch eine Songzeile wie «Zu viele dicke Kinder» ist ernst gemeint?

Es ist ein Lied für die dummen Eltern, die zulassen, dass ihre Kinder sich falsch ernähren. Das Lied darf aber nie auf den Schulhof gelangen. Das wäre das Schlimmste. Deshalb findet es auch nur im Albumkontext statt. Ihr denkt vielleicht bei vielen Sachen, die seien ironisch gemeint, aber ich meine das ernst.

Wie fielen die Reaktionen von Rockmusikern aus?

Bis jetzt kennt kaum jemand das Album. Udo Lindenberg hats gehört und von der Mucke her hats ihm voll gefallen. Aber ich bin ja auch sein Fan. Deshalb ist es nicht erstaunlich, dass wir einen ähnlichen Geschmack haben. Er versteht nur leider meine Texte nicht.

Die Single «St. Pauli» klingt stark nach einer zukünftigen Stadion-Hymne. War das die Intention?

Der Song soll eine Hymne sein auf ein St. Pauli, das es an den meisten Ecken nicht mehr gibt, aber einen Spirit und eine Haltung, die all die noch kennen, die da aufgewachsen sind. Der Ort hat mir und auch ganz vielen anderen Menschen viel gegeben. St. Pauli ist eine Metapher fürs Lockermachen.

Du schreckt nicht vor politischen Äusserungen zurück. Wie hast du das Ja zur Zwanderungsinitative aufgenommen?

Nach dem Minarett-Ding hat es mich nicht gewundert, aber trotzdem schockiert. Heftig fand ich die Nachricht über das Gerichtsurteil, wonach das Wort «Sau-Ausländer» nicht rassistisch ist. Die Schweizer sind so ein liebes Völkchen, deshalb ist man auch so geschockt. Es gibt ja auch so einen latenten Deutschhass bei euch. Das finde ich schon wieder lustig.

Was kommt nach Reggae, Funk und Rock?

Als nächstes kommt eine Beginner-Platte, also Rap. Die kommt, wenn sie kommt. Jetzt bringe ich erst mal diese Platte raus und gehe damit auf Tour. Dann machen wir weiter. Wir sind am Start.

Also hast du privat grad keine Elektrophase?

Privat habe ich eine kleine Babyphase. Und die nimmt mich stark in Anspruch (lacht).

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