Philippe Furrer: «Ich möchte etwas um den Hals hängen haben»

Aktualisiert

Philippe Furrer«Ich möchte etwas um den Hals hängen haben»

Im Januar noch SCB-Verteidiger Philippe Furrer am Boden zerstört, dachte an sein Karrierenende. Inzwischen ist er Meister geworden und steht im WM-Halbfinal.

von
Marcel Allemann
Stockholm

20 Minuten: Philippe Furrer, realisieren Sie schon, dass Sie einen WM-Halbfinal bestreiten?

Philippe Furrer: Ja, und ich freu mich extrem darauf. Für mich ist es ein unglaubliches Jahr – so wie es zuvor in den Playoffs mit dem SC Bern abgelaufen ist und all das, was jetzt hier abläuft.

Dabei hat das Jahr 2013 für Sie sehr schwierig begonnen. Am 5. Januar erlitten Sie eine Hirnerschütterung und fielen lange aus. Wie ging es Ihnen in dieser Zeit?

Ich hatte zwei sehr schwierige Monate mit harten Rückschlägen. Ich hatte damals sehr schlechte Gedanken, auch über den Sport generell. Doch letztendlich gab mir die Leidenschaft zum Eishockey Kraft, ich gab niemals auf. Es hat sich gelohnt, allein schon wegen dem Meistertitel, obwohl sich das Comeback zunächst sehr schwierig gestaltete. Und nun auch hier dabei sein zu dürfen, ist nach diesen schwierigen Zeiten natürlich umso schöner. Damit sind all die negativen Sachen zum Jahresanfang auch vergessen.

Was meinen Sie damit, wenn Sie sagen, dass Sie schlechte Gedanken über den Sport generell hatten?

Es gab Zeiten, da ging es mir so schlecht, dass ich nicht mal in der Lage war, ein SMS zu lesen – und das über mehrere Wochen. Da war ich dann soweit, dass ich mir sagte, dass ich nur noch gesund werden möchte und es mir egal ist, ob ich noch Eishockey spielen kann oder nicht.

Man hat das Gefühl, in diesem Nati-Team finden derzeit diverse Märchen statt. Simon Moser, der vor einem Monat aus der NLA abgestiegen ist, schreibt eines. Sie mit Ihrer Geschichte ein anderes. Ist das bezeichnend für ein Sportlerleben?

Es zeigt einmal mehr, wie nahe im Sport Sieg und Niederlagen zusammen liegen. Wenn ich die Geschichten von diversen Spielern auf dem Weg hierhin höre, läuft es mir teilweise eiskalt den Rücken hinunter.

Sie haben es bereits angetönt, Ihr Comeback während den Playoff-Viertelfinals gestaltete sich schwierig.

Oh ja (lacht), ich kann mich an das erste Spiel noch sehr gut erinnern. Es war eines der schwierigsten Comebacks in meiner gesamten Karriere. Bei meinem allerersten Einsatz, erzielte Servette bereits ein Tor, an dem ich schuld war, weil ich meinen Mann nicht hatte. Und bei meinem zweiten Einsatz hat mich Marco Bührer von hinter dem Tor angeschossen – und schon wieder war der Puck im Tor. (lacht) Es hat einfach gekachelt in diesem Spiel. Insgesamt stand ich bei vier Gegentoren auf dem Eis und zweimal war ich mitschuldig. So wünscht man sich das natürlich nicht. Aber trotzdem: Ich bin ein Spielertyp, der solche Erlebnisse nicht so tragisch nimmt, sondern einfach weiter arbeitet. Denn ich habe genug Vertrauen in mich, um zu wissen, dass ich wieder auf mein Niveau zurück komme.

Das sind Sie, und wie! Ein WM-Viertelfinal gegen Tschechien ist vermutlich nochmals ein ganz anderes Level als ein Playoff-Viertelfinal gegen Servette?

Ja das ist so. Ich fühle mich auch extrem gut hier in Schweden. Der Globen ist ein unglaubliches Stadion, auch zum Spielen. Nur schon wegen den modernen, weicheren Banden. Die muss man in der Schweiz auch einführen, denn es macht einfach einen Unterschied, wie man in die Ecken geht, wie man den Puck holt und wie man sich allgemein verhält. Man kann hier problemlos den Puck annehmen, den Check fressen und danach den Puck wieder spielen - da die Banden nachgeben und es dahinter nicht so hart ist wie Beton.

Sie verteidigen hier an der Seite von Severin Blindenbacher. Man hat das Gefühl, ihr zwei habt eigentlich nicht viele gemeinsame Berührungspunkte. Er spielt beim ZSC, Sie beim SCB und ihr scheint auch sonst grundverschiedene Typen zu sein. Trotzdem passt es auf dem Eis zusammen...

... es funktioniert in der Tat sehr gut, aber auch neben dem Eis. «Blindi» ist ein sehr spezieller, aber auch ein sehr authentischer Typ. Ich liebe ihn als Mensch, der er ist, in seiner Welt und wie er alles handelt. Mich inspiriert das sogar, denn ich bin ganz anders als er. Ich bin viel strickter und sturer. Auf dem Eis ergänzen wir es uns optimal. Er sorgt für Ruhe, spielt geniale Pässe, ich bringe die Härte rein und die defensive Stabilität. Ich freu mich immer, mit «Blindi» spielen zu können.

Sprecht ihr denn viel zusammen oder sind das Automatismen, die spielen?

Wir sitzen in der Garderobe nebeneinander und sprechen da auch viel zusammen. Einfach seine Ausflüge macht er lieber mit Mathias Seger als mit mir – aber das ist okay so (lacht).

Was für ein Spiel erwarten Sie im Halbfinal gegen die USA?

Ich erwarte das intensivste Spiel, das wir bis jetzt hatten. Körperlich sind wir in den ersten drei Spielen gegen die drei grossen Nationen meiner Meinung nach noch nicht so gefordert worden. Physisch war die Partie gegen Dänemark und der Viertelfinal gegen Tschechien bislang am härtesten und ich glaube, dass es jetzt noch viel härter wird. Wenn wir unseren Speed zeigen können, dann wird es wieder gut für uns laufen, davon bin ich überzeugt. Wir müssen einfach unser Spiel während 60 Minuten aufrecht erhalten und dürfen vor dem Tor nicht viel zulassen, denn gegen die Russen waren die Amerikaner vor dem Tor eiskalt.

Die Medaille wollen Sie jetzt unbedingt, oder?

Ja, unbedingt! Ich habe schon von Anfang an gesagt, dass ich etwas um den Hals hängen haben möchte am Ende dieser WM und auf dieses Ziel arbeiten wir fokussiert hin. Denn wir wissen, dass es etwas um den Hals gibt, wenn wir das nächste Spiel gewinnen.

Von Anfang an haben Sie das gesagt?

Ja, schon als ich in die Nati eingerückt bin.

Dann waren Sie aber äusserst optimistisch.

Ich hatte es ja schon in der nationalen Meisterschaft so erlebt. Und ich fand, dass es an der Zeit ist, dass die Schweiz auch international einmal Erfolg hat. Man muss hochgesteckte Ziele haben.

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