Hohe Abzüge: «Ich muss im ersten Lehrjahr mehr als 1000 Franken für Berufskleider zahlen»
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Hohe Abzüge«Ich muss im ersten Lehrjahr mehr als 1000 Franken für Berufskleider zahlen»

Spesen, Übernachtungskosten, Arbeitskleidung: Vielen Lernenden bleibt wegen hoher Ausgaben kaum was übrig vom Ausbildungslohn. Die 20-Minuten-Community nennt besonders drastische Beispiele.

von
Fabian Pöschl
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Baumschul-Lehrling J.* muss die Arbeitskleidung selber bezahlen. Dabei sollte dies der Lehrbetrieb übernehmen, sagen Expertinnen. (Symbolbild)

Baumschul-Lehrling J.* muss die Arbeitskleidung selber bezahlen. Dabei sollte dies der Lehrbetrieb übernehmen, sagen Expertinnen. (Symbolbild)

Getty Images/iStockphoto
Stefanie Näf von der Lehrstellenplattform Yousty …

Stefanie Näf von der Lehrstellenplattform Yousty …

20min/Marco Zangger
… und Personalexpertin Ursula Bergundthal ordnen die Fälle von weiteren Lernenden aus der 20-Minuten-Community ein.

… und Personalexpertin Ursula Bergundthal ordnen die Fälle von weiteren Lernenden aus der 20-Minuten-Community ein.

20min/Marco Zangger

Darum gehts

In der Lehre gibts für viele den ersten Lohn überhaupt im Berufsleben. Manche entscheiden sich deshalb für eine Ausbildung, bei der sie schon in den ersten Jahren viel Geld bekommen. So erhalten Landwirtinnen und Landwirte schon im ersten Lehrjahr bis zu 1385 Franken. Das zeigt der Vergleich zahlreicher Gehälter im Lohnbuch 2022. Doch nach Abzug von Kosten und Spesen bleibt am Ende oft kaum noch was vom Lohn übrig.

Die 20-Minuten-Community nennt Beispiele. Die Personalexpertinnen Stefanie Näf von der Lehrstellenplattform Yousty und Ursula Bergundthal sowie der Arbeitsrechtsexperte Simon Hampl von der Anwaltskanzlei Streiff von Kaenel ordnen die Fälle ein.

«Mir wurden 760 Franken vom Lohn abgezogen»

News-Scout A.*: «Ich habe die Ausbildung zum Landwirt EFZ vor zwei Jahren abgeschlossen. Ich hatte einen Bruttolohn im ersten Lehrjahr von 1300 Franken. Für Essen und ein Zimmer auf dem Lehrbetrieb wurden mir etwa 760 Franken abgezogen.»
Das sagt Experte Hampl: «Die Ansätze der Naturalleistungen worunter auch Kost und Logis fallen sind abhängig vom Alter und der Art. Für Arbeitnehmer über 18 Jahre ist gemäss Merkblatt der Eidgenössischen Steuerverwaltung ein Abzug für Verpflegung und Unterkunft von maximal 990 Franken pro Monat zulässig.»»

«Ich habe schon mehr als 1000 Franken für Berufskleider ausgegeben»

News-Scout J.*: «Ich mache eine Lehre als Baumschulist und verdiene nur 600 Franken. Dennoch muss ich Berufskleider selber kaufen. Ich hab schon mehr als 1000 Franken für Kleider ausgeben müssen im ersten Lehrjahr. Zugtickets werden auch nicht gezahlt.»
Das sagt Experte Hampl: «Grundsätzlich ist spezielle Berufskleidung vom Arbeitgeber zu stellen und zu bezahlen. Ist aber vertraglich vereinbart, dass der Arbeitnehmer die Berufskleidung selbst zu stellen und bezahlen hat, ist dies rechtlich zulässig. Die Kosten für den Arbeitsweg sind durch den Arbeitnehmer zu tragen. Wenn der Arbeitnehmer für den Arbeitgeber jedoch an einen anderen Ort als den Arbeitsort reisen muss, sind ihm die Kosten hierfür als Spesen zu ersetzen.»

«Mein Sohn bekam verfallene Nahrungsmittel»

News-Scout K.*: «Mein Sohn musste als Landwirt-Lehrling Kost und Logis selbst bezahlen und wurde behandelt wie ein Hund. Er bekam verfallene Nahrungsmittel zu essen und es wurde ihm vorgeworfen, er trinke zu viel Limonade und Wasser, dabei ist das im Sommer bei 30 Grad doch wohl selbstverständlich.»
Das sagt Expertin Bergundthal: «Es gibt leider immer wieder Arbeitgeber, welche Mitarbeitende und Lehrlinge ausnutzen. In diesem Fall empfehle ich immer, sich an die Branchenverbände oder Gewerkschaften zu wenden. Bei Lehrlingen ist auch das kantonale Berufsbildungsamt zuständig. Ein Lehrlingsvertrag kann unter gewissen Umständen auch wieder aufgelöst werden.»

«Nach Abzug bleiben 200 Franken übrig»

News-Scout N.*: «Pferdeberufe sind mies bezahlt. Hohe Stunden, Samstags- und Sonntagseinsätze und am Schluss hatten die Lehrlinge nach Abzug von Kost und Logis noch 200 Franken übrig. Reitstiefel, Hosen und so weiter mussten wir bezahlen. Die Unterkunft war menschenunwürdig.»
Das sagt Expertin Näf: «Das Wichtigste in einer solchen Situation sind offene Gespräche und klare Richtlinien. Finanzielle Rahmenbedingungen zum Lohn, zu den Kosten und Arbeitskleidern und Weiterem sollten bereits vor der Lehrvertragsunterzeichnung geklärt werden. Wenn man zusammen keine Lösung findet, ist der Weg über das Berufsbildungsamt der letzte Schritt.»

Finanzhilfe für Lernende

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