Überstunden schieben - «Ich muss meine Ferien abbrechen, weil die Kollegin in Quarantäne ist»
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Überstunden schieben«Ich muss meine Ferien abbrechen, weil die Kollegin in Quarantäne ist»

Tausende Menschen fehlen zurzeit am Arbeitsplatz, weil sie in Quarantäne oder Isolation stecken. Ihre Kolleginnen und Kollegen müssen darum Überzeit leisten. Die 20-Minuten-Community erzählt.

von
Barbara Scherer
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Die Schweiz steckt in der Massenquarantäne.

Die Schweiz steckt in der Massenquarantäne.

Tamedia/Christian Pfander
Viele Arbeitnehmende können dabei kein Homeoffice machen und fallen am Arbeitsplatz weg.

Viele Arbeitnehmende können dabei kein Homeoffice machen und fallen am Arbeitsplatz weg.

20min/Michael Scherrer
Die verbleibenden Arbeitskollegen müssen nun Überstunden leisten.

Die verbleibenden Arbeitskollegen müssen nun Überstunden leisten.

Getty Images/iStockphoto  (Symbolbild)

Darum gehts

  • Die 20-Minuten-Community schiebt Überstunden.

  • Denn viele Arbeitskolleginnen und -kollegen stecken in der Quarantäne fest.

  • Rechtlich müssen Arbeitnehmende Überstunden leisten, wenn es notwendig ist.

Über 140’000 Personen in der Schweiz stecken in Quarantäne oder Isolation. Viele davon können ihrer Arbeit darum nicht mehr nachgehen. Damit der Betrieb weiterläuft, müssen vielerorts die Arbeitskollegen und -kolleginnen nun Überschichten schieben.

Auch die 20-Minuten-Community ist betroffen. Leserinnen und Leser erzählen, wie viel mehr sie arbeiten müssen und wie es ihnen in Zeiten der Massenquarantäne geht.

«Bewohnerinnen und Bewohner kommen nun zu kurz»

«Ich arbeite im Moment täglich zehn bis elf Stunden», sagt Nina*, 30 aus Basel. Sie arbeitet in einem Altersheim und rund ein Drittel des Personals steckt wegen Corona in Quarantäne. Pro Schicht arbeiten nun statt wie normalerweise fünf nur noch drei Personen. Die Situation sei belastend und anstrengend.

«Vor allem die Bewohnerinnen und Bewohner kommen nun zu kurz, das macht mich echt traurig», so Nina. Bereits gebe es einen Notfallplan, falls noch mehr Personal ausfallen sollte. «Ich hoffe aber, es kommt nicht so weit, das Ganze macht mir Angst.»

«Meine Kinder sagen, ich arbeite nur noch»

Ähnlich geht es Heinz, 32 aus Bern. Er arbeitet in einer sozialen Institution für psychisch kranke Menschen. «Im Moment fehlt durchgehend ein Viertel bis zu einem Drittel der Belegschaft wegen der Quarantäne.» Das verbleibende Personal arbeitet darum 20 bis 40 Prozent mehr.

Schwierig sei es, weil auch immer wieder einige Patientinnen und Patienten positiv getestet werden. «Am meisten Mühe habe ich, wenn meine Kinder sagen, dass ich nur noch arbeite oder wenn sie meine Frau fragen, ob ich in den Ferien sei», sagt Heinz.

«Feierabend habe ich erst um zwei Uhr nachts»

Überlastet ist auch Markus, 56 aus der Innerschweiz. «Ich bin Buschauffeur und musste die letzten sieben Tage durcharbeiten, weil so viele Mitarbeitende in Quarantäne stecken.» Feierabend habe er dann jeweils erst um ein oder zwei Uhr nachts.

Allgemein gebe es im Beruf Personalmangel, Corona verschlimmere die Situation nun aber weiter. Alle Angestellten seien völlig ausgelastet. «Wir sind langsam am Anschlag», sagt Markus. Aufgrund der strengen Arbeitszeiten kündigen jüngere Mitarbeitende bereits.

«Ich habe meine Ferien abgebrochen»

Coiffeuse Conci, 56 aus Solothurn musste sogar die Ferien wegen Personalmangels abbrechen: «Meine Arbeitskollegin hat Corona und muss zuhause bleiben, also bin ich von Dubai nach Hause geflogen.» Denn ansonsten hätte der Betrieb geschlossen werden müssen.

Wenn nötig, müssen Überstunden geleistet werden

Laut Rechtsanwalt und Arbeitsrechtsexperte Boris Etter kommen Arbeitnehmende nicht drum herum, die Überstunden zu leisten: «Arbeitnehmende in der Schweiz sind verpflichtet, Überstunden zu leisten, wenn diese betrieblich notwendig sind.» Überstunden müssen aber für den Arbeitnehmenden persönlich zumutbar sein und, falls nicht anders vereinbart, mit Lohn oder Freizeit kompensiert werden.

«Zudem müssen die wöchentlichen Höchstarbeitszeiten des Arbeitsgesetzes eingehalten werden», so Etter (siehe Box unten). Die Leistung von Überzeit darf unter anderem wegen Dringlichkeit der Arbeit oder der Vermeidung von Betriebsstörungen verlangt werden. Allerdings darf Überzeit nicht mehr als 140 oder 170 Stunden im Jahr betragen – je nach Höchstarbeitszeit.

Das ist der Unterschied zwischen Überzeit und Überstunden:

Im Arbeitsvertrag ist festgelegt, wie viele Stunden Arbeitnehmende leisten müssen. Wer mehr arbeitet als die vertraglich vereinbarte Arbeitszeit, leistet Überstunden. Von Überzeit ist hingegen die Rede, wenn die wöchentliche Höchstarbeitszeit vom Arbeitsgesetz überschritten wird. Die wöchentliche Höchstarbeitszeit beträgt 45 Stunden in industriellen Betrieben sowie für Büropersonal, technische Angestellte und Verkaufspersonal in Grossbetrieben des Detailhandels. Für alle übrigen Arbeitnehmenden sind es 50 Stunden pro Woche. Wer diese Höchstarbeitszeit überschreitet, leistet Überzeit. Überzeiten stellen in der Regel auch Überstunden dar, hingegen müssen Überstunden nicht zwingend Überzeiten sein.

*Name geändert

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