Aktualisiert 20.10.2011 12:04

Lara Dickenmann«Ich muss mich jeden Tag neu durchsetzen»

Anlässlich eines Fotoshootings ihres Ausrüsters Nike in Lyon erzählte die erfolgreichste Schweizer Fussballerin Lara Dickenmann über ihr Leben als Profi beim Champions-League-Sieger Olympique Lyonnais.

Posen statt passen - tolle Abwechslung für die Profi-Fussballerin Lara Dickenmann.

Posen statt passen - tolle Abwechslung für die Profi-Fussballerin Lara Dickenmann.

Die Schweizer Nationalspielerin Lara Dickenmann spielt nun bereits die dritte Saison in der französischen Liga bei Meister Olympique Lyonnais. Höhepunkt war der Sieg in der Champions League in diesem Frühling, bei dem Lara das siegsichernde 2:1 erzielen konnte.

Beim Fotoshooting für die aktuelle Nike Sportswear Kollektion gab die Schweizerin Einblick in den Alltag einer Spitzenspielerin.

Wie unterscheidet sich eine Frauenfussball-Karriere von der eines männlichen Profifussballers?

Lara Dickenmann: Die Karrieren der Frauen sind grundsätzlich kürzer. Im letzten Jahr hatten wir zwar hier in Lyon eine Spielerin, die war 33 Jahre alt und das Jahr davor war eine 35 Jahre alt. Aber das sind absolute Ausnahmen. Bei den Frauen ist eben weniger Geld im Spiel und viele Frauen verdienen sogar gar kein Geld im Fussball. So haben früher nicht selten Frauen mit 22 oder 23 aufgehört mit Fussball spielen, da sie keine Lust mehr hatten all ihre Freizeit und die Ferien nur für den Fussball zu opfern. Da es noch nicht so viele Frauenfussballerinnen gab, sind die Mädchen schon sehr jung auf der höchsten Stufe angelangt und hatten keine grossen Möglichkeiten mehr, sich weiter zu entwickeln.

Wie ist Ihre Karriere konkret verlaufen?

Mit 14 war ich nach sieben Jahren beim SC Kriens beim DFC Sursee in der NLA angekommen, wo ich dann bis 18 gespielt habe. Ich bekam ein Stipendium von der Ohio State University und wechselte so für zwei Jahre nach Amerika, wo ich gleichzeitig studierte und Fussball spielte

Wie verträgt sich Studieren mit einer Fussballerinnen-Karriere

Ich hatte immer Glück. Ich durfte an der Kanti immer zu den Spielen gehen, wie ich gerade musste. Mit einer Lehre wäre das schwieriger gewesen. Dass ich studieren wollte, war für mich immer klar. Medizin hätte mich am meisten interessiert, doch das war zu aufwändig, Auch Politwissenschaften hätte mich interessiert. Ich habe dann internationale Wirtschaft an der Ohio State studiert, was ich auch sehr spannend fand, und dann mit dem Bachelor abgeschlossen. Geplant ist eigentlich, dass ich noch den Master mache, sobald ich mehr Zeit habe.

Wie sehen Sie Ihre berufliche Zukunft?

Ich habe mir dazu noch nicht allzu viele Gedanken gemacht. Im Moment konzentriere ich mich voll auf den Fussball. Fussball war bisher in meinem Leben immer ein wichtiger Bestandteil und ich kann mir sehr gut vorstellen, auch nach meiner Fussballerlaufbahn weiterhin im Sportumfeld aktiv zu bleiben.

Möchten Sie mal Trainerin werden?

Das habe ich mir noch nicht überlegt. Ich habe auch noch kein entsprechendes Diplom. Aber warum nicht. Vielleicht packt es mich in Zukunft.

Werden Sie von den jungen Fussballerinen als Vorbild wahrgenommen?

Sowohl in der Schweiz als auch in Frankreich bekomme ich viele Reaktionen von jungen Fussballerinnen. Das ist herzig und gibt mir persönlich viel zurück, wenn ich spüre, wie die Mädchen interessiert sind . In Amerika war vor allem die Mannschaft ein Idol, weil das College und das Team sehr begehrt waren.

Wie Sind Sie eigentlich nach Amerika gekommen?

Scouts der Schule haben mich in Schweden an den U19-Europameisterschaften beobachtet und mir dann ein Stipendium angeboten. Die Schule wurde durch das Stipendium bezahlt. Mehr aber nicht. Die NCAA legt fest, dass im College-Sport kein Geld verdient werden darf. Ich habe sehr viel profitiert während meiner zwei Jahre in den USA, aber auch auf viele Spiele der Schweizer Nationalmannschaft verzichten müssen.

Wären Sie auch eine gute Individualsportlerin geworden?

Als Kind war ich anscheinend recht hyperaktiv und immer in Bewegung. So war es sicher gut für meine Eltern, dass ich mit sechs Jahren angefangen habe Fussball zu spielen. Ich habe auch noch Ballett gemacht, war aber nicht so talentiert. Auch geschwommen habe ich mal recht intensiv. Meine Mutter war Handballspielerin und später auch Trainerin und Fussball war immer ein dominantes Thema bei uns zu Hause. Ich finde es schöner in einem Team zu sein. Ich habe gerne Leute um mich herum und erreiche gerne ein Ziel gemeinsam. Dabei bin ich auch bereit, Verantwortung zu übernehmen. Wenn ich meinen Job nicht gut erledige, sitze ich nachher auf der Bank. Mit unserem neuen Trainer in Lyon sind wir einem gesunden Konkurrenzkampf ausgesetzt. Das ist genau das, was ich nach Amerika gesucht habe. Ich muss mich nun jeden Tag aufs Neue durchsetzen und dem Trainer beweisen, dass ich meinen Platz verdient habe.

Wie ernähren Sie sich?

Ich esse eigentlich alles, schaue aber natürlich auf gesunde, frische und eher fettarme Nahrung, die einer Spitzensportlerin entspricht. Wir essen ja viel gemeinsam mit dem Klub und haben auch ausgebildetes Personal, das uns beraten kann. Fenchel aber ist zum Beispiel nicht gerade mein Lieblingsgemüse.

Haben Sie ein Ritual vor dem Spiel oder sind Sie sonst abergläubisch?

Nicht bewusst. Ich ziehe zwar immer alles links zuerst an: linke Socke und auch der linke Schuh zuerst. Meine Lieblingsnummer ist die 21. Bei Lyon spiele ich mit der 21. In der Nationalmannschaft mit der 11, da hatte ich lange die 10, wollte aber wechseln. Leider gibt es in der Nationalmannschaft keine 21. Ich hoffe, dass mir die 21 heute Glück bringt.

Wie sind Sie als «petite Suisse» bei den Spielerinnen von Olympique Lyonnais aufgenommen worden?

Sie lachen schon immer ein wenig, wenn ich langsamer französisch rede als sie und natürlich auch einen Akzent habe. Aber mein Französisch ist schon recht gut. Der neue Trainer will nur Ausländerinnen, die besser sind als die Französinnen. Dies gibt dann schon mehr Druck. Er kennt mich und weiss, was er an mir hat. Ich denke, er setzt auch ein Stück weit auf mich. Das spüre ich. Natürlich weiss ich genau, was er von mir erwartet oder wenn ich etwas nicht so gut gemacht habe.

Können Sie eigentlich vom Fussball in Lyon leben?

Das wichtigste für mich ist, dass ich Spass habe und gesund bleibe. Auf meinem Niveau kann ich in Lyon vom Fussball leben. Ich brauche nicht viel und kann so sogar noch jedem Monat etwas auf die Seite legen. Es gibt nur sehr wenige Topspielerinnen bei Top-Klubs, die vom Fussball auch reich werden können. Doch im Vergleich zum Männerfussball sind das immer noch Welten.

Sind Sie verletzungsanfällig?

Ich bin aktuell eher weniger verletzungsanfällig, da ich jetzt in Lyon als Vollprofi mehr Zeit habe für die Regeneration, Physiotherapie und Massagen. In den USA, wo ich noch voll studierte, bin ich nur von Termin zu Termin gestresst. Meine hinteren Oberschenkelmuskeln sind zwar immer noch anfällig auf Muskelzerrungen, aber wenn man das weiss, kann man entsprechend mit einem Präventionsprogramm vorbeugen. Die gute Betreuung und Behandlung vom Klub hilft mir sehr, gesund zu bleiben. Ich habe in den letzten zwei Jahren gelernt, mehr auf meinen Körper zu hören und entsprechend frühzeitig zu reagieren. Das hat sich bewährt.

Sind Sie eine Trainingsweltmeisterin?

Ich habe bis jetzt noch nie grosse Probleme gehabt, mich fürs Training zu motivieren. Training ist wichtig. Ich spiele aber nicht Fussball des Trainings wegen. Meine Lieblingswochen sind, wenn wir Spiele am Sonntag, Mittwoch und wieder am Sonntag haben. Dann trainieren wir entsprechend weniger oft und das ist ganz gut so. Unsere Kraft- und Konditionstrainer helfen uns, unsere Schwächen auszumerzen.

Wo sehen Sie Ihre Qualitäten?

Ich bin technisch gut und schnell mit dem Ball. Aktuell spiele ich Mitte links, spielte aber auch schon oft in der Mitte. Ich bin stark mit beiden Füssen. Bei Lyon kann ich viel zum Spiel beitragen, auch wenn ich aussen spiele.

Wie sieht Ihr Tagesablauf aus?

Ich stehe um 8.45 Uhr auf, esse Frühstück und gehe mit dem Velo ins Training, das um 10 oder 15 Uhr anfängt. Bis um 12 Uhr ist dann Training, danach haben wir Mittag oder Pflege bis 14 beziehungsweise bis 15 Uhr. Das Mittagesen nehme ich im vereinseigenen Restaurant ein. Der Rest ist frei. Im Winter bin ich dann eher zu Hause oder mit Freundinnen von Klub unterwegs. Ich bin kein Gamer mehr, hab das aber am Anfang meiner Karriere schon auch gerne gemacht.

Wie sehen Sie Ihre persönliche Zukunft?

Eine Familie ist ein grosses Thema für mich. In zehn Jahren möchte ich eine Familie mit zwei Kindern habe. Aktuell habe ich aber keinen Freund. Langfristig möchte ich ganz klar in der Schweiz wohnen. Auch fehlt mir die Nähe zu meiner Familie. So fahre ich oft zu meinen Eltern nach Kriens, wenn ich es mir einrichten kann. Die Schweiz ist einfach ein schönes Land mit hoher Lebensqualität. Amerika hat mir sehr gut gefallen und ich war auch immer voll beschäftigt. Heimweh kenne ich nicht. Wenn ich einmal eine Wahl getroffen habe, ziehe ich das voll durch.

Kennt man Sie in Lyon?

Wir Fussballerinnen sind schon bekannt. Auch im Quartier, wo ich wohne, werde ich oft angesprochen. Ich finde das sympathisch. Wir haben auch oft öffentliche Auftritte für Sponsoren, machen Autogramm-Stunden oder Promotionen. Mein persönliches Umfeld ist sehr stark auf den Verein konzentriert.

Wie kommunizieren Sie mit Fans und Familie?

Ich habe eine eingene Homepage (www.laradickenmann.com). Mit der Familie und Freunden skype ich oft oder tausche mich mittels SMS oder Telefon aus. Auch bin ich auf Facebook aktiv. Zudem lese ich Schweizer Zeitungen im Web und kann deutsche Fernsehsender per Satellit empfangen.

Was ist Luxus für Sie?

Luxus ist für mich die aktuelle Situation, wie ich sie in Lyon leben kann. Ich kann das machen, was ich am liebsten mache und erst noch ein wenig Geld dabei verdienen. So kann ich mir ab und zu auch einmal etwas leisten. Ich liebe Kleider und Taschen und Accessoires. Ich kaufe gerne ein - in der Schweiz, Lyon oder Paris, das ich zwar noch nicht so gut kenne. Ich kaufe auch viel online ein. Ein Luxus, den ich mir dieses Jahr noch gönne, sind zwei Wochen schöne Ferien auf Kreta nach Saisonende.

Was vermissen Sie in Frankreich?

So banal es tönt: Ich vermisse Coop und Migros. Die Sauberkeit und Qualität ist nicht die gleiche, wie hier in Frankreich.

Das Interview wurde von Nike geführt.

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