Begnadigung von Christian Klar: «Ich muss mit dem Entscheid leben»
Aktualisiert

Begnadigung von Christian Klar«Ich muss mit dem Entscheid leben»

Nach 26 Jahren in Haft kommt der ehemalige RAF-Terrorist Christian Klar im Januar 2009 frei. Das hat ein Gericht in Stuttgart entschieden. 20 Minuten Online sprach mit einem, der 1979 in den Lauf des Terroristen blickte - dem Zürcher Stadtpolizisten Bernhard Pfister.

von
Amir Mustedanagic

1979 überfiel Christian Klar mit drei anderen RAF-Terroristen die Schweizerische Volksbank in Zürich. Die Täter flüchteten Richtung Hauptbahnhof. In der Ladenpassage Shopville kam es zum Schusswechsel mit der Polizei. Eine unbeteiligte Passantin starb im Kugelhagel. Auch der Polizeibeamte Bernhard Pfister wurde von drei Kugeln getroffen und schwer verletzt.

Heute Montag, 29 Jahre nach den Ereignissen wurde bekannt, dass der mutmassliche Schütze, Christian Klar, im Januar 2009 in die Freiheit entlassen wird. 20 Minuten Online sprach mit Bernhard Pfister über den Entscheid.

20 Minuten Online: Herr Pfister, heute wurde bekannt, dass Christian Klar entlassen wird. Trifft sie das?

Bernhard Pfister: Nein. Ich mache mir nicht mehr viele Gedanken über die Ereignisse von damals. Die Sache ist ja lange her.

Wühlt Sie die Situation nicht auf? Immerhin haben Sie gesagt, dass es Klar sein könnte, der auf Sie schoss.

Ich habe mit den Ereignissen von damals bereits abgeschlossen. Andere Leute, die geschädigt wurden oder deren Familien betroffen waren vom Terror der RAF, denken da bestimmt anders. Ich kann mit dem Entscheid leben.

Finden Sie den Entscheid gar nicht diskutabel?

Ich gehe davon aus, dass Klars Entlassungsgesuch geprüft wurde und der Entscheid seine Richtigkeit hat. Folglich muss ich ihn auch annehmen. Wenn ich so einen Entscheid nicht anerkennen würde, würde ich den Rechtsstaat nicht anerkennen. Und dann wäre ich bei der Polizei am falschen Ort.

Warum sollten Sie als Polizist mit dem Gerichtsentscheid weniger Mühe haben denn als Privatperson?

Die meisten Leute – das behaupte ich jetzt einfach mal – wählen den Polizeiberuf aufgrund eines Verlangens nach Gerechtigkeit. Dabei muss man früh anerkennen, dass es für Gerechtigkeit immer eine Grundlage braucht. Man muss lernen, damit zu leben, dass es manchmal auch einen Freispruch gibt, weil ein Beweis fehlt. Oder eben, dass ein Täter in einem Rechtsstaat seine Zeit irgendwann abgesessen hat.

Gilt das auch für einen Terroristen wie Klar?

Christian Klar war ein skrupelloser Terrorist – ganz klar. Aber bei allen ist die Strafe einmal abgesessen. Zudem wäre es etwas anderes, wenn er noch gefährlich wäre. Aber er muss sich ja geändert haben, sonst würde er nicht herausgelassen.

Denken Sie, ein Mann wie Klar kann sich überhaupt ändern?

Ein solches Urteil können nur diejenigen fällen, die mit ihm gesprochen haben. Ich habe nie mit ihm persönlich gesprochen, deshalb kann ich mir auch kein Bild machen, wie er heute ist. Letztlich ist es die Entscheidung derjenigen, die die Entlassung erlassen haben. Die werden bestimmt ihre Gründe haben, dass sie ihn jetzt freilassen.

Der deutsche Bundespräsident Horst Köhler hat vor gut einem Jahr Klars Antrag auf Begnadigung noch abgelehnt. Jetzt ist die Situation offenbar plötzlich anders. Können Sie sich das erklären?

Köhler hatte bestimmt seine Gründe, dass er ihn nicht begnadigte. Das wird heute genauso der Fall sein, dass sie ihn entlassen. Ich kann mir aber nicht vorstellen, dass sich jemand in einem Jahr mehr ändert als in den 26 Jahren zuvor. Letztlich bleibt mir aber nichts übrig, als den Entscheid anzuerkennen.

RAF-Banküberfall in Zürich

Am 19. November 1979 überfielen die RAF-Mitglieder Christian Klar, Rolf Clemens Wagner, Peter-Jürgen Boock und Henning Beer in Zürich die Schweizerische Volksbank an der Bahnhofstrasse. Sie erbeuteten 548 000 Franken und flohen.

Auf der Flucht durch die Shopville-Unterführung kam es zum Schusswechsel mit der Polizei. Eine unbeteiligte Passantin wurde dabei tödlich getroffen und der Polizist Bernard Pfister schwer verletzt. Klar, Boock und Beer entkamen und verletzten zwei weitere Personen schwer auf ihrer weiteren Flucht. Rolf Clemens Wagner wurde festgenommen und 1980 in Winterthur verurteilt.

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