27.10.2020 04:44

Pflegende im Dauerstress«Ich musste einen toten Corona-Patienten sechs Stunden liegen lassen»

Pflegende müssen in der zweiten Welle nochmals eine maximale Leistung erbringen. Am Limit seien sie auch zu ruhigeren Zeiten, sagen sie.

von
Bettina Zanni

Pflegefachfrau B. T.* (26) fordert mehr als Applaus für ihre Arbeit.

Privat

Darum gehts

  • In der Pandemie erhöht sich das Stresslevel der Pflegefachpersonen zusätzlich.

  • Wenig Personal, lange Schichten und kaum Zeit für die einzelnen Patienten ist für diese Berufsgruppe aber auch in ruhigen Zeiten Realität.

  • Drei Vertreterinnen erzählen.

Die zweite Corona-Welle trifft die Schweiz mit voller Wucht – erneut muss das Pflegepersonal einen ausserordentlichen Einsatz leisten. Die Wut ist bei Pflegekräften auf Covid-Stationen gross.

E. U.* (25), Pflegefachfrau in einem Spital im Kanton Zürich: «Klatschen ist schön und recht»

«Es ist schön und recht, dass die Menschen im Frühling für unsere Arbeit geklatscht haben. Aber davon kann ich mir auch nichts kaufen. Ich habe mit meinen Kolleginnen und Kollegen schon oft über einen Streik diskutiert. Die Gesundheit vieler Menschen liegt einmal mehr in unserer Hand. Der Zeitpunkt für einen Streik wäre jetzt da. Jedoch haben wir eine zu grosse Verantwortung und Mitleid mit den Menschen, die nichts dafür können. Deshalb würden wir niemals streiken. Auch in der zweiten Corona-Welle kann das Pflegepersonal nicht auf bessere Arbeitsbedingungen zählen und ist noch stärker gefordert als in der ersten Welle.

Auf den Stationen ist es sehr hektisch. Man kann nicht mehr, es verträgt nicht mehr viel. Am Limit laufen wir aber auch in ruhigen Zeiten. Alles, was der Patient verdient, ihm zuzuhören und auf ihn einzugehen, ist nicht mehr da. Es geht nur noch darum, etwas ‹schnell, schnell› zu machen, damit es erledigt ist. Zurück bekommt man null Dankbarkeit.»

B. T.* (26), Pflegefachfrau in einem Spital im Kanton Bern: «An Personal mangelt es ständig»

«Ich dachte, dass die Leute jetzt sehen, was wir machen. Aber es ist nicht besser geworden. An Personal mangelt es ständig. In der ersten Corona-Welle musste wir 12,5-Stunden-Schichten schieben. Teilweise ging das sieben Tage am Stück so. Das macht einen kaputt. Aber auch vor der Corona-Krise war Dauerstress üblich. Würde ich unter diesen Bedingungen in einem Bürojob arbeiten, würde ich sofort streiken.»

F. O.* (23), Pflegefachfrau in einem Zentralschweizer Spital: «Musste toten Corona-Patienten sechs Stunden liegen lassen»

«Ich wäre die Erste, die bei einem Streik dabei wäre, könnten wir so was verantworten. Die Arbeitsbedingungen müssen sich unbedingt verbessern. Ansonsten sind die Zustände, gerade wenn die zweite Welle lange dauert, für das Personal nicht mehr tragbar. Schon jetzt kann ich nicht mehr allen Patienten gerecht werden. Einen Patienten, der kürzlich an Corona starb, musste ich sechs Stunden lang im Zimmer liegen lassen. Dabei hatte ich das Gefühl, die Würde des Patienten nicht mehr respektiert zu haben. Ich konnte ihn nach dem Tod nicht gleich herrichten.»

* Name der Redaktion bekannt.

Das sagt der Spitalverband

Beim Spitalverband H+ heisst es, man habe Verständnis für das Pflegepersonal. «Pflegepersonal und Ärzte haben in der Bewältigung der Pandemie Grosses geleistet», sagt Sprecherin Dorit Djelid. Nun komme man in die zweite Welle, und es sei ein gewisser Frust spürbar. Die Spitäler müssten innerhalb der gesetzlichen Rahmenbedingungen arbeiten, welche die Politik vorgebe. «Der politische Druck ist da, damit die Gesundheitskosten nicht weiter steigen. Damit wird das Korsett für die Spitäler enger.»

Deine Meinung

Fehler gefunden?Jetzt melden.