Aktualisiert 11.09.2019 11:54

Opfer von heikler Zoll-Aktion

«Ich musste mich komplett nackt ausziehen»

Schweizer Grenzwächter haben in Österreich vor Hanfläden spioniert, um die Käufer an der Grenze abzupassen. Jetzt sprechen Betroffene.

von
juu
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Im Rahmen der «Aktion Knobli» ermittelten Grenzwächter verdeckt im Ausland. (Symbolbild)

Im Rahmen der «Aktion Knobli» ermittelten Grenzwächter verdeckt im Ausland. (Symbolbild)

Francesca Agosta
Grund dafür waren Hanfsamen. Diese kann man in Österreich legal erwerben. (Symbolbild)

Grund dafür waren Hanfsamen. Diese kann man in Österreich legal erwerben. (Symbolbild)

AP/Efrem Lukatsky
Damit die Samen nicht heimlich über die Grenze geschmuggelt werden, handelten die Grenzwächter auf eigene Faust. Wie es im Einsatzbefehl heisst, geschah alles ohne das Wissen der österreichischen Behörden.

Damit die Samen nicht heimlich über die Grenze geschmuggelt werden, handelten die Grenzwächter auf eigene Faust. Wie es im Einsatzbefehl heisst, geschah alles ohne das Wissen der österreichischen Behörden.

privat

Schweizer Grenzwächter lauerten verdeckt Schweizern auf, die in Österreich Hanfsamen kauften, um sie danach an der Grenze zu kontrollieren. «Als die Grenzwache uns anhielt, hatte ich die Samen in meinem Hosenbund», sagt eine Betroffene gegenüber 20 Minuten. Die heute 22-Jährige passierte am 9. März 2019 den Grenzübergang Au SG. Just an diesem Tag fand die verdeckte «Aktion Knobli» statt. Insgesamt viermal beschatteten Schweizer Grenzwächter Hanfläden in Vorarlberg (A). Diese verkaufen Cannabis-Samen und Anbau-Zubehör, was in Österreich legal ist. Damit die Samen nicht über die Grenze geschmuggelt wurden, observierten zivile Zöllner Hanf-Shops, notierten sich Kennzeichen und machten Fotos der Käufer.

So auch von der jungen Frau. Wie aus einem 20 Minuten vorliegenden, internen Dokument hervorgeht, wurde sie zuvor an einem solchen Shop beobachtet. «Die Samen kamen aus einem Automaten. Dieser ist für jedermann zugänglich», so die junge Frau. Zudem gebe es keine Höchstbegrenzung für den Kauf der Samen. Ein Päckchen enthalte zwischen drei bis zehn Samen. Gekauft hat sie 31 Stück.

1800 Franken Busse für Samen im Hosenbund

Da sie die Pflanzen für den Eigengebrauch züchten wollte, kaufte sie im Shop nebenan auch vier Säcke Blumenerde à 50 Liter und vier Blumentöpfe. Sie und ihr Freund mussten sich einer Leibesvisitation unterziehen, das Fahrzeug wurde gefilzt.

Rund zwei Stunden harrten sie im Warteraum aus, bevor die Kantonspolizei St. Gallen aufgeboten wurde. Die Folge: Rund 1800 Franken Busse, wie die 22-Jährige sagt. Sie selbst bezeichnet den «Samen-Schmuggel» als «Jugendsünde». Das Urteil nun anfechten, will sie nicht. «Ich habe mit dem abgeschlossen und würde es nicht wieder machen. Gerecht finde ich die Aktionen der Grenzwache aber nicht.»

«Ich musste mich komplett nackt ausziehen»

Ähnlich erging es einem heute 19-Jährigen. Der junge Mann besuchte ebenfalls am 9. März erstmals gemeinsam mit seiner Freundin einen solchen Automaten. Dort kauften die beiden fünf Hanfsamen. «Als wir an der Grenze zu St. Margrethen ankamen, wurden wir sofort rausgewinkt und gefilzt. Es kam mir da schon vor, als hätten sie gezielt nach etwas gesucht», so der 19-Jährige. Als die Zöllner im Fahrzeug nicht fündig wurden, mussten sich beide einer Leibesvisitation unterziehen. «Zuerst wurden wir abgetastet, dann wurden wir in separate Räume gebracht und ich musste mich komplett nackt ausziehen.»

Für die fünf Samen mussten die beiden insgesamt 400 Franken vor Ort zahlen. Eine Quittung oder ein Protokoll blieb dem Jugendlichen verwehrt. «Im Nachhinein stellte sich heraus, dass die Busse 50 Franken war – der Rest war Bearbeitungsgebühr. Es ist völlig übertrieben und dreist.»

«Die Grenzwächter haben zu viel Zeit»

Ebenfalls kritisch sieht es CVP-Nationalrat Alois Gmür. Denn auch politisch stösst der Fall sauer auf, da erst vergangenes Jahr das Grenzwachtkorps um 44 Stellen aufgestockt wurde. «Diese Aktion zeigt mir, dass sie zu viel Zeit haben», sagt Gmür. Laut ihm ist das Verhalten der Grenzwächter höchst unprofessionell.

Auch dass nun gegen den «Whistleblower» wegen Amtsgeheimnisverletzung ermittelt wird, findet der Politiker unangebracht. «Man deckt ja nur Missstände auf. Eher sollte es für die zuständigen Kommandanten Konsequenzen geben.» Laut der Landespolizeidirektion Vorarlberg erfuhr man erst vor einigen Tagen von der Aktion. Eine entsprechende Ermittlung laufe.

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