Aktualisiert 17.01.2020 18:19

Leser-Reporterin (24)«Ich musste zusehen, wie der Mann stirbt»

Ein Mann hat am Bahnhof Baden einen Herzstillstand erlitten. Eine Augenzeugin ist wütend, weil Anwesende nicht geholfen haben und die Polizei keinen Defibrillator dabeihatte.

von
Qendresa Llugiqi
1 / 2
Ein Mann erlitt am Bahnhof Baden einen Herzstillstand. Eine Augenzeugin ist wütend, weil viele der Anwesenden nicht geholfen haben und die Polizei keinen Defibrillator dabeihatte.

Ein Mann erlitt am Bahnhof Baden einen Herzstillstand. Eine Augenzeugin ist wütend, weil viele der Anwesenden nicht geholfen haben und die Polizei keinen Defibrillator dabeihatte.

Keystone/Christian Beutler
Ein Defibrillator im Polizeiauto wäre zwar wünschenswert, gehöre aber nicht zur Pflichtausstattung der Polizei, sagt Aline Rey, Sprecherin der Kantonspolizei Aargau. Auf den Vorwurf der Leser-Reporterin, dass viele Anwesende nicht geholfen hätten, antwortet Rey: «Viele Menschen scheuen sich davor, Erste Hilfe zu leisten – sei es mangels Kenntnis oder aus Angst, etwas Falsches zu machen. Wir appellieren an die Bevölkerung, Erste Hilfe zu leisten. Ein Anruf an den Sanitätsnotruf kann schon vieles bewirken, denn dort werden die Anrufer angeleitet.»

Ein Defibrillator im Polizeiauto wäre zwar wünschenswert, gehöre aber nicht zur Pflichtausstattung der Polizei, sagt Aline Rey, Sprecherin der Kantonspolizei Aargau. Auf den Vorwurf der Leser-Reporterin, dass viele Anwesende nicht geholfen hätten, antwortet Rey: «Viele Menschen scheuen sich davor, Erste Hilfe zu leisten – sei es mangels Kenntnis oder aus Angst, etwas Falsches zu machen. Wir appellieren an die Bevölkerung, Erste Hilfe zu leisten. Ein Anruf an den Sanitätsnotruf kann schon vieles bewirken, denn dort werden die Anrufer angeleitet.»

Keystone/Urs Flueeler

«Der Mann lag auf dem Boden, er war blau angelaufen, bewegte sich gar nicht mehr, seine Augen waren geschlossen», sagt Leser-Reporterin R. F.* (24). Die Frau war am Mittwoch nach Feierabend auf dem Weg nach Hause, als sie am Bahnhof Baden eine Szene beobachtete, die sie nicht so rasch vergessen wird: «Ich blieb rund fünf Meter vor dem Betroffenen stehen. Ein Mann – vermutlich ein Buschauffeur – führte an ihm eine Herzmassage durch. Ein weiterer Mann – etwa in meinem Alter – unterstützte ihn und rief die Notfallnummer an. Der Rettungsdienst gab den beiden übers Telefon Anweisungen.»

«Der Buschauffeur wies uns an, nach einem Defibrillator zu suchen. Ohne nachzudenken, rannten meine Mutter und ich los. Viele andere blieben aber stehen.» Verzweifelt hätten sie versucht, einen Defibrillator zu finden. Beide seien nicht fündig geworden. In der Zwischenzeit sei die Polizei noch vor der Ambulanz eingetroffen. «Doch die hatte keinen Defibrillator dabei, was ich nicht verstehen kann. Sollte ein solcher nicht Pflicht im Polizeiauto sein?»

«Defibrillator gehört nicht zur Pflichtausstattung»

Auch die Polizei habe die Anwesenden gebeten, nach einem Defibrillator zu suchen, weshalb sie noch einmal losgegangen sei. Wieder erfolglos. Die Badenerin ist wütend: «Die Polizei müsste doch wissen, wo es einen Defibrillator gibt und uns richtig anweisen. So hätten wir dem Mann vielleicht eher helfen können. Auch frage ich mich, warum so viele Anwesende einfach nichts gemacht haben.»

Die Standorte von Defibrillatoren seien nirgends hinterlegt, sagt Aline Rey, Sprecherin der Kantonspolizei Aargau. «Es gibt kein Verzeichnis, wer wann und wo einen Defibrillator hat. Demzufolge ist es den Polizisten unmöglich, alle Standorte zu kennen.» Ein Defibrillator im Polizeiauto wäre zwar wünschenswert, gehöre aber nicht zur Pflichtausstattung der Polizei. Rey: «Die Polizei kann in medizinischen Notfällen zwar die grösstmögliche Hilfe leisten, jedoch punkto Ausrüstung und Ausbildung nicht für jeden denkbaren Fall gewappnet sein.»

«Ich sehe ständig sein Gesicht»

Auf den Vorwurf der Leser-Reporterin, dass viele Anwesende nicht geholfen hätten, antwortet Rey: «Viele Menschen scheuen sich davor, Erste Hilfe zu leisten – sei es mangels Kenntnis oder aus Angst, etwas Falsches zu machen. Wir appellieren an die Bevölkerung, Erste Hilfe zu leisten. Ein Anruf an den Sanitätsnotruf kann schon vieles bewirken, denn dort werden die Anrufer angeleitet.»

Dass der Mann gestorben ist, hat Leser-Reporterin R. F. erst am Donnerstag von der Polizei erfahren. «Wir mussten das Gelände ja nach geleisteter Hilfe verlassen.» Der Vorfall beschäftigte sie auch am Tag danach stark: «Es ist mein erster richtiger Notfall und auch mein erster Todesfall. Ich musste zusehen, wie der Mann stirbt. Das begreife ich erst jetzt», sagt R. «Vor Ort hatte ich irgendwie einen Adrenalinschub und dachte nur daran, dem Mann zu helfen. Danach wurde mir aber schlecht. Ich sehe ständig das Gesicht des Mannes.»

*Name der Redaktion bekannt

«Jede Minute sinkt die Überlebenschance um etwa zehn Prozent»

Frau Oehler*, wie haben die Menschen in der beschriebenen Situation reagiert?

So wie 20 Minuten uns den Fall beschrieben hat, haben die Beteiligten sehr gut reagiert. Der Notfall wurde erkannt, die Sanität wurde über die Notrufnummer 144 alarmiert und Erste Hilfe wurde geleistet. Bei einem Herzkreislaufstillstand zählt jede Minute. Denn ohne Wiederbelebungsmassnahmen sinkt die Überlebenswahrscheinlichkeit pro Minute um etwa zehn Prozent. Darum ist es entscheidend, dass sofort und richtig reagiert wird. Auch wir sind tief betroffen, dass der Patient nicht überlebt hat.

Obwohl viele laut der Leser-Reporterin stehen geblieben sind?

Es ist menschlich, dass nicht alle Leute gleich mit Stresssituationen umgehen können. Viele trauen sich auch keine Herzdruckmassage zu oder haben Respekt vor Defibrillatoren. Deshalb empfiehlt der Schweizerische Samariterbund die Erste-Hilfe-Kenntnisse regelmässig, nach Möglichkeit aber alle zwei Jahre, aufzufrischen. In den Kursen der Samaritervereine trainieren die Teilnehmenden, wie sie im Notfall richtig reagieren, wie sie bei einem Herzkreislaufstillstand eine Herzdruckmassage durchführen und auch den Defibrillator bedienen. Durch das regelmässige Auffrischen der Kenntnisse sinkt die Hemmschwelle sofort zu reagieren und Erste Hilfe zu leisten. Jeder kann Leben retten!

Gibt es weitere Empfehlungen?

Wir empfehlen allen, sich im Alltag darauf zu achten, wo in ihrem Umfeld ein Defibrillator vorhanden ist, beispielsweise auf dem Arbeitsweg, beim Arbeitgeber und am Wohnort. So ist es wahrscheinlicher, dass man sich im Notfall daran erinnert. Auch sollte jeder das richtige Reagieren im Notfall kennen: Sofortiges Alarmieren des Rettungsdienstes über die Notrufnummer 144 und bei einem Herzkreislaufstillstand umgehend mit der Herzdruckmassage beginnen. Auch sollte es ein gut ausgebautes Netzwerk von öffentlich zugänglichen Defibrillatoren geben. Heutzutage haben bereits viele Firmen oder Geschäfte einen Defibrillator. Diese Defibrillatoren sind aber leider häufig im Innenbereich der Firmen angebracht und daher im Notfall von aussen nicht zu erkennen – und wenn, dann nur zu Geschäftszeiten zu erreichen.

*Stefanie Oehler ist Leiterin Kommunikation beim Schweizerischen Samariterbund

Deine Meinung

Fehler gefunden?Jetzt melden.