Leserporträts: «Ich pendle jeden Tag vier Stunden»
Aktualisiert

Leserporträts«Ich pendle jeden Tag vier Stunden»

Das Pendeln soll schlecht für die Gesundheit und das Sozialleben sein. 20 Minuten hat drei Langstreckenpendler gefragt, wie sie ihren Alltag meistern.

von
lz
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In der Schweiz pendeln täglich fast drei Millionen Menschen zu ihrer Arbeits- oder Ausbildungsstelle. Lange Arbeitswege haben aber laut einer Studie negative soziale und psychische Auswirkungen. 20 Minuten hat mit drei Lesern gesprochen, die jeden Tag mehrere Stunden pendeln.

In der Schweiz pendeln täglich fast drei Millionen Menschen zu ihrer Arbeits- oder Ausbildungsstelle. Lange Arbeitswege haben aber laut einer Studie negative soziale und psychische Auswirkungen. 20 Minuten hat mit drei Lesern gesprochen, die jeden Tag mehrere Stunden pendeln.

Keystone/Alessandro Della Valle
Melissa Keller (19), pendelt täglich drei Stunden.Melissa Keller muss jeden Tag von Amriswil TG nach Zürich-Wiedikon pendeln. Somit verbringt sie gut drei Stunden im ÖV. «Wenn ich völlig kaputt von der Arbeit komme und es im Zug rappelvoll ist, komme ich einfach nicht zur Ruhe.» Die angehende Kinderbetreuerin ist meist zu gestresst, um danach noch etwas zu unternehmen.

Melissa Keller (19), pendelt täglich drei Stunden.Melissa Keller muss jeden Tag von Amriswil TG nach Zürich-Wiedikon pendeln. Somit verbringt sie gut drei Stunden im ÖV. «Wenn ich völlig kaputt von der Arbeit komme und es im Zug rappelvoll ist, komme ich einfach nicht zur Ruhe.» Die angehende Kinderbetreuerin ist meist zu gestresst, um danach noch etwas zu unternehmen.

Melissa Keller
Kellers Nerven werden vor allem von anderen Passagieren strapaziert. «Alle drängeln und stehen im Weg, und wenn man dann doch ein Plätzchen gefunden hat, packt jemand neben einem ein stinkiges Thunfischbrötchen aus.»

Kellers Nerven werden vor allem von anderen Passagieren strapaziert. «Alle drängeln und stehen im Weg, und wenn man dann doch ein Plätzchen gefunden hat, packt jemand neben einem ein stinkiges Thunfischbrötchen aus.»

Melissa Keller

In der Schweiz pendeln täglich fast drei Millionen Menschen zu ihrer Arbeits- oder Ausbildungsstelle. Lange Arbeitswege haben aber laut einer Studie negative soziale und psychische Auswirkungen. 20 Minuten hat mit drei Lesern gesprochen, die jeden Tag mehrere Stunden pendeln.

Melissa Keller (19) ärgert sich über Thunfischbrötchen

Pendelzeit: 3 Stunden

Melissa Keller muss jeden Tag von Amriswil TG nach Zürich-Wiedikon pendeln. Somit verbringt sie gut drei Stunden im ÖV. «Wenn ich völlig kaputt und mit Rückenschmerzen von der Arbeit komme und es im Zug rappelvoll ist, komme ich einfach nicht zur Ruhe.» Sogar wenn die 19-jährige angehende Kinderbetreuerin nach der Arbeit Zeit hätte, noch etwas mit Freunden zu unternehmen, fühlt sie sich mental nicht in der Lage dazu. «Wenn man den ganzen Tag noch nicht nach Hause konnte, um Dampf abzulassen, ist man nur noch genervt und nervös.»

Kellers Nerven werden dabei vor allem von ihren Mitpassagieren strapaziert. «Alle drängeln und stehen im Weg, und wenn man dann doch ein Plätzchen gefunden hat, packt jemand neben einem ein stinkiges Thunfischbrötchen aus.» Auch fühle sich Keller ständig beobachtet. «Wenn ich im Zug versuche, auf eine Prüfung zu lernen, liest jedes Mal mein Sitznachbar über meine Schulter mit.» Auch an Anstand mangele es vielen. «Eine Frau hat mich mal grob wachgerüttelt, weil meine Tasche neben mir auf dem Sitz lag. Trotz freien Plätzen.» Keller ärgert sich auch über die vielen leeren Erstklass-Waggons. «Die meisten Business-Leute fahren erst später mit dem Zug. Trotzdem hat es auch am frühen Morgen mehr Erstklass-Abteile, und in der zweiten Klasse muss man stehen.»

Ihr Tipp: «Ich gehe meist ins Kinderabteil. Kinderlachen ist weniger nervig als Leute, die telefonieren, und Eltern sind mit ihren Kindern beschäftigt und lassen einen in Ruhe.»

Selina Kovacs (19) hat kaum Zeit für ihre Freunde

Pendelzeit: 4 Stunden

Selina Kovacs sitzt jeden Tag vier Stunden im Zug. «Besonders wenn es sehr voll ist oder Ausfälle gibt, ist es wirklich anstrengend», sagt die 19-Jährige. Sie macht ein Praktikum in einer Werbeagentur und muss dafür täglich von Rorschach SG nach Zürich pendeln. Zeit für Freunde findet Sie unter der Woche kaum. «Ich treffe mich höchstens einmal in der Woche mit Kollegen. Wegen des Pendelns geht mir so schon ein wenig Lebensqualität verloren.» Da Kovacs noch zu Hause wohnt, kann sie am Abend dafür etwas Zeit mit ihrer Familie verbringen, «und da mein Praktikum nur ein Jahr dauert, ist die Pendelzeit noch vertretbar».

«Inzwischen habe ich mich aber langsam ans Pendeln gewöhnt, aber am Anfang war es wirklich erschlagend», so Kovacs. Am Morgen döst sie im Zug um etwas Schlaf nachzuholen. «Ich muss um fünf Uhr aufstehen, damit ich um acht Uhr im Büro sein kann und bin dann vor sieben Uhr nicht wieder zuhause. Der Tag kommt mir manchmal unendlich lang vor.» Auf der Fahrt nach Hause ist sie meist zu müde, um noch gross etwas zu lernen oder zu arbeiten. «Ich schlafe auch oft auf dem Nachhauseweg. Wenn ich noch etwas fit bin, schaue ich eine Serie oder lese ein wenig.»

Ihr Tipp: «Mit Schlafen die Zeit überbrücken»

Larissa D. (19) bleibt locker

Pendelzeit: 3,5 Stunden

Larissa D. pendelt vier- bis fünfmal pro Woche gut dreieinhalb Stunden von Chur nach Zürich für ihre Ausbildung zur Pflegefachfrau. Die 19-Jährige fühlt sich davon aber nicht sonderlich belastet: «Ich mache das Beste aus meiner Zeit im Zug. Am Morgen schlafe ich, und am Nachmittag mache ich meine Hausaufgaben im Zug und habe so den Abend frei.» Die vielen Leute und der Platzmangel im Zug machen ihr nicht viel aus. «Ich denke, es ist eine Frage der Persönlichkeit, wie sehr einen das Pendeln stresst. Ich bin jemand, der sich nicht so einfach aus der Ruhe bringen lässt.» Sie kann aber gut verstehen, dass das Pendeln anderen Leuten zusetzen kann.

Die Anreise zu D.s vorheriger Ausbildungsstelle war zwar kürzer, aber um einiges anstrengender. «Ich brauchte zwar nur eine Stunde pro Weg, musste aber mit dem Bus fahren und auch noch zweimal umsteigen.» Mit dem Auto zu pendeln, würde sie auch als anstrengend empfinden. «Da kann man nichts anderes dabei machen, das wäre für mich verschwendete Zeit.»

Ihr Tipp: «Wenn man im Zug seine Arbeiten erledigt, vergeht die Zeit schneller, und man hat den Rest des Abends frei.»

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