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Neue Parfumlinie«Ich roch den Stein, das Wasser der Lagune ...»

Carlos Huber ist ein Shootingstar der Parfumszene. Der ehemalige Innenarchitekt von Ralph Lauren kreiert Parfums, die nach Weltgeschichte riechen.

von
Yolanda Di Mambro

Carlos Huber, Sie sind Architekt. Wie kamen Sie auf die Idee, die Parfumlinie Arquiste zu lancieren?

Ich habe Architektur studiert, weil mich die Weltgeschichte seit jeher fasziniert. Ich liebe es, alte Orte zu besuchen und zu entdecken, wie sie sich anfühlen und riechen. Vor einigen Jahren arbeitete ich mit meinem Mentor, einem Professor der Columbia University, in der Nähe des Palazzo Ducale in Venedig. Wir reinigten die Wand eines Gebäudes aus dem 14. Jahrhundert, indem wir mit einem Latex-Material den ganzen Schmutz von der Wand abkratzten. Ich roch den alten Stein, das Wasser der Lagune und fragte mich: Wäre es nicht wunderbar, diesen Moment einzufangen? Den Duft des alten Venedig?

Wie kam Ihr erstes Parfum, «Fleur de Louis», zustande?

Ich arbeitete ein Jahr lang in Bilbao, im Baskenland. Dort vernahm ich zum ersten Mal die Geschichte der Isla de los Faisanes (Fasaneninsel). Die kleine baskische Insel war vor allem im 17. Jahrhundert Schauplatz historischer Ereignisse. In New York las ich später ein Buch darüber, das Antworten auf interessante Fragen lieferte: Wie sah der Pavillon aus, in dem sich die spanische und französische Delegation traf? Wonach roch es im Pavillon? Was trug Ludwig XIV., was Maria Theresia von Österreich? Ich sagte mir: Aufgrund dieser detaillierten Beschreibung kann ich das historische Ereignis fast riechen. Sie liefert mir sozusagen die Inhaltsstoffe eines Parfums: Tanne, Zedernholz, Jasmin und Florentiner Iris, das damals am französischen Königshof sehr beliebt war. Rodrigo Flores-Roux, ein weltbekannter mexikanischer Parfumeur, ermutigte mich, ein Experiment zu wagen und ein Parfum daraus zu machen.

Den Duft haben aber nicht Sie gemischt. Sie sind ja kein Parfumeur.

Meine Parfums wurden von den international bekannten Parfumeuren Rodrigo Flores-Roux aus Mexiko und Yann Vasnier aus Frankreich gemischt. Ich stellte Nachforschungen an und gab Ihnen ein Dokument, in welchem der Duft und seine Inhaltsstoffe klar beschrieben waren. Die beiden Parfumeure gingen dann ins Labor und experimentierten mit den Mengen. Ich besuchte sie oft im Labor und dadurch entstand eine enge Zusammenarbeit.

Wie haben Sie sich als Laie die komplexen Parfum-Fachkenntnisse angeeignet?

Yann stellte mir eines Tages Rodrigo vor, der sehr charmant und offen war und nichts dagegen hatte, dass ich ihn mit Fragen durchlöcherte. Er bot mir an, mich in die komplexe Thematik der Parfums einzuführen. Von da an besuchte ich ihn während eineinhalb Jahren jeden Donnerstag um 18 Uhr am New Yorker Sitz von Givaudan. Ich lernte vieles über Formeln, Inhaltsstoffe und Zusammensetzung. Die historischen Elemente waren natürlich immer ein wiederkehrendes Thema.

Wie viele Jahre haben Sie an Ihrem Projekt gearbeitet?

Vom Parfum-Unterricht bis zur Lancierung der ersten fünf Düfte bei Barney's in New York im September 2011 sind drei Jahre vergangen. Es war übrigens die erfolgreichste Lancierung einer kleinen, exklusiven Duftkollektion in der Geschichte des New Yorker Luxus-Warenhauses. Der letzte Duft, «Aleksander», wurde zur Weihnachtszeit im Dezember 2011 lanciert.

Für Ihren jüngsten Duft liessen Sie sich von einer Tragödie inspirieren, die dem Leben von Alexander Puschkin ein Ende setzte.

Ja, ich stellte mir einen frostigen Nachmittag im Winter 1837 vor. Puschkin macht sich zurecht und parfümiert sich mit einem Duft aus Neroli und Veilchen. Er schliesst die Manschetten, zieht einen Pelzmantel und polierte Lederschuhe an und fährt mit einem Schlitten durch das verschneite St. Petersburg. Die Luft riecht herb nach Holz und Tanne. Er trifft sich mit einem Widersacher zum Duell, um seine Ehre wiederherzustellen, und stirbt kurz darauf durch eine Kugel.

Durch Tragik war auch das Leben von Maria Theresia von Österreich gekennzeichnet, der Sie den Duft «Infanta en Flor» gewidmet haben. Ludwig XIV. heiratete sie nur, um dem französisch-spanischen Krieg nach 19 Jahren ein Ende zu setzen. Er betrog sie ständig mit Mätressen. Zudem starben fünf ihrer sechs Kinder.

Ich denke, dass in dieser Geschichte auch Romantik steckt. Ludwig XIV. war in Marie Anne Mancini verliebt, die er jedoch nicht heiraten durfte. Als er Maria Theresia zum ersten Mal sah, fand er sie sehr hässlich. Doch dann sagte er sich, dass das Hässliche nur in ihrer Frisur und Kleidung steckte. Er sah ein, dass sie eine schöne und gute Ehefrau sein würde. Es heisst, die beiden seien im ersten Jahr nach der Ehe ineinander verliebt gewesen und er hätte sie nicht betrogen. Auch in einer Tragödie findet man immer etwas Schönes.

Carlos Huber präsentiert seine Linie Arquiste in New York im Januar 2012 (Video: YouTube, Fragrantica)

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