08.10.2020 11:42

Serie sexualisierte Gewalt«Ich sagte Nein, doch er machte weiter»

L.* (21) lässt nach dem Ausgang einen Arbeitskollegen bei ihr übernachten. Sie sagt ihm klar, dass sie keinen Sex will. Am nächsten Morgen liegt sie halbnackt im Bett.

von
Anja Zingg
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Ein Arbeitskollege übernachtet bei L.* zu Hause. Sie stellt klar, dass sie nicht ihm schlafen will. (Symbolbild)

Ein Arbeitskollege übernachtet bei L.* zu Hause. Sie stellt klar, dass sie nicht ihm schlafen will. (Symbolbild)

KEYSTONE
«Am nächsten Morgen fühlte ich mich komisch. Ich trug keine Pyjamahose mehr.» (Symbolbild)

«Am nächsten Morgen fühlte ich mich komisch. Ich trug keine Pyjamahose mehr.» (Symbolbild)

Getty Images/iStockphoto
Sie stellte ihn zur Rede. «Aber er sagte nur, dass ich ihn geküsst hätte und dann eingeschlafen sei.» (Symbolbild)

Sie stellte ihn zur Rede. «Aber er sagte nur, dass ich ihn geküsst hätte und dann eingeschlafen sei.» (Symbolbild)

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Darum gehts

  • L. * lässt einen Arbeitskollegen bei sich übernachten.
  • Am nächsten Tag erwacht sie ohne ihre Pyjamahose – diese ist voller Sperma und liegt unter dem Bett.
  • L. lässt sich beraten und entscheidet sich gegen eine Anzeige.
  • Eine Rechtsanwältin erklärt im Interview, was bei einem Prozess auf das Opfer zukommt.

«Ich war im Ausgang und hatte eine gute Zeit, als meine Begleitung meinte, sie wolle nach Hause. Gleichzeitig schrieb mir eine Freundin, dass ein gemeinsamer Arbeitskollege auf dem Weg in den Club sei. Ich blieb also da und traf dort auf ihn. Es war das erste Mal, dass wir ausserhalb der Arbeit zusammen etwas unternommen haben. Er ist einige Jahre älter als ich. Wir hatten einen tollen Abend. Es fiel mir einfach, mit ihm über mein Leben zu sprechen.

Später traf ich im Club auf einen Bekannten. Wir unterhielten uns, und mein Arbeitskollege verschwand. Kurz darauf machte ich mich allein auf den Heimweg. Da rief mich der Arbeitskollege an und meinte, er habe uns noch etwas zum Essen gekauft. Ich sagte, ich wolle nach Hause, aber wir könnten bei mir noch kurz essen. Also begleitete er mich. Als wir mit dem Essen fertig waren, fragte er, ob er bei mir schlafen dürfe. Ich wollte das eigentlich nicht und sagte nein. Er sagte mir dann, dass er am nächsten Tag früh aufstehen müsse und er sich nur zwei Stunden hinlegen wolle. Also stimmte ich zu.

Er legte sich auf mein Bett und ich legte mich mit einigem Abstand neben ihn. So schlief ich ein. Als ich am nächsten Morgen erwachte, fühlte ich mich komisch. Plötzlich fiel mir auf, dass ich nur noch ein Shirt trug, meine Pyjamahose war weg. Ich ging auf die Toilette, wo ich merkte, dass mein Tampon in mir drin verschwunden war. Mit Müh und Not brachte ich ihn raus. Plötzlich kamen Erinnerungsfetzen von der letzten Nacht hoch. Es war alles sehr verschwommen. Ich weiss noch, wie ich immer wieder Nein sagte. Aber ich konnte mich einfach nicht wehren. Mir fehlte die Kraft. Zurück im Zimmer sprach ich ihn darauf an. Er winkte ab, behauptete, ich hätte ihn geküsst und dann seien wir eingeschlafen. Darauf schmiss ich ihn raus.

Später fand ich meine Pyjamahose unter dem Bett, sie war voll mit seinem Sperma. Ich wendete mich an die Opferberatungsstelle. Ihrer Erfahrung nach endeten solche Aussage-gegen-Aussage-Fälle fast nie in einer Verurteilung. Darum entschied ich mich gegen eine Anzeige.»

*Name der Redaktion bekannt.

Serie sexualisierte Gewalt

Amata (19) und Cyrill (20) fordern: «Sprecht darüber, was passiert ist!»

«Wenn du nicht darüber sprichst, dann kannst du es auch nicht verarbeiten», ist Amata überzeugt. Die 19-Jährige hat vor langer Zeit selbst sexualisierte Gewalt erlebt. Und immer wieder hörte sie ähnliche Geschichten aus ihrem Freundes- und Bekanntenkreis. «So viele Betroffene trauen sich nicht, darüber zu sprechen», erzählt Amata. «Sie haben Angst, dass man ihnen nicht glaubt oder ihnen sogar die Schuld daran gibt. Dabei ist es so wichtig, dass man über sexualisierte Gewalt spricht – denn sie findet statt.»

In einem Instagram-Aufruf suchten die beiden nach Personen, die eine solche Situation durchmachen mussten. «Es meldeten sich rund 150 Personen. Wir waren überrascht, wie schnell so viele Stimmen zusammenkamen. Wir wollen, dass das Thema wieder vermehrt von der Gesellschaft wahrgenommen wird. Damit endlich ein nötiger Diskurs entsteht», so Cyrill. Drei Frauen erzählen ihre Geschichte anonymisiert bei 20 Minuten. Jedes Schicksal wird von einem Experteninterview begleitet.

«Ein Freispruch ist für die Opfer sehr belastend»

Katja Fehrlin ist Rechtsanwältin und vertritt Opfer in Sexualstrafverfahren. Sie erklärt, warum Freisprüche von Tätern häufig sind.

Frau Fehrlin, wieso wird manchen Opfern von einer Anzeige abgeraten?Ich gebe keine Empfehlungen ab, aber ich zeige meinen Mandantinnen auf, was bei einer Anzeige auf sie zukommen kann. Die Entscheidung treffen die Frauen jeweils selbst.

Was kann denn auf ein Opfer zukommen?
Die Frauen müssen sich bewusst sein, dass ein Prozess sich erstens über Jahre hinziehen kann. Und zweitens, dass je nach Beweislast ein Freispruch des Täters möglich, in einigen Fällen sogar wahrscheinlich ist. Ein Freispruch ist für die Opfer sehr belastend. Er gibt ihnen das Gefühl, dass man ihrer Version nicht glaubt. Was jedoch nicht der Fall ist. Die Tat lässt sich oft einfach nicht beweisen.

Ist es nicht ein Problem unseres Strafrechts, wenn viele Opfer das Gefühl haben, dass sie kein Recht zugesprochen bekommen?Sexualdelikte sind fast immer Vier-Augen-Verbrechen. Es sind nur zwei Personen anwesend, die Aussagen machen können. Gibt es keine Beweise wie sichtbare Gewalteinwirkungen von Seiten des Täters, muss das Gericht entscheiden, welche Aussagen glaubhafter sind.

Ein Affront für Frauen, die Gewalt erlebt haben.Genau darum ist es so wichtig, dass Frauen genau wissen, was auf sie zukommen wird, wenn sie eine Anzeige machen: Eine Einvernahme, die fünf, sechs Stunden dauern kann. Und dann der Prozess selber, der manchmal wirklich hässlich sein kann, mit dem Plädoyer der Verteidigung, welche versucht, das Opfer als unglaubwürdig darzustellen. Für viele Frauen ist das retraumatisierend. Oft kommt während des Prozesses das Ohnmachtsgefühl wieder hoch.

Es läuft eine Revision des Sexualstrafrechts. Könnte das Verbesserung bringen?Ich begrüsse die Revision, denke jedoch, dass das Kernproblem bleiben wird: Wie beweise ich, dass dem Täter klar war, dass das Opfer das nicht wollte? Und das bleibt schwierig, egal wie das Gesetz formuliert wird.

Revision Sexualstrafrecht

Sexuelle Belästigung, Nötigung und Vergewaltigung

In der Schweiz gibt es drei verschiedene Tatbestände, die bei Sexualstraftaten zum Zuge kommen: sexuelle Belästigung, sexuelle Nötigung und Vergewaltigung. Zurzeit erarbeitet das Bundesamt für Justiz im Rahmen der Revision des Sexualstrafrechts Vorschläge für einen neuen Gesetzestext. «Das Ziel des Gesetzgebers ist weitgehend klar: Alles, was gegen den Willen einer Person geschieht, soll bestraft werden», so SP-Ständerat Daniel Jositsch. Er ist Vorsitzender der zuständigen Subkommission.

Laut Artikel 190 des Strafgesetzbuches handelt es sich nur dann um eine Vergewaltigung, «wenn eine Person weiblichen Geschlechts zur Duldung des Beischlafs» genötigt wird. Somit können Männer per Gesetz keine Vergewaltigungsopfer sein. Dafür gebe es Gründe, so Jositsch: «Es ist keine Diskriminierung des Mannes. Vielmehr ist es eine biologische Frage, die den Gesetzgeber bewogen hat, einen spezifisch auf weibliche Opfer ausgerichteten Tatbestand zu schaffen. Bei einer Vergewaltigung im heutigen Sinne kann das Opfer schwanger werden.» Das Höchststrafmass beträgt sowohl für sexuelle Nötigung als auch für Vergewaltigung zehn Jahre. Dennoch sieht Jositsch einen gewissen Handlungsbedarf. So soll das Bundesamt für Justiz insbesondere überprüfen, wie sexuelle Handlungen gegen den Willen einer Person strafrechtlich behandelt werden sollen, wenn weder Gewalt noch Drohung vorliegen.

Sexualisierte Gewalt

Hier findest du Hilfe

Sexualisierte Gewalt kann jeden Treffen – ob Mann oder Frau. Betroffene oder Angehörige finden bei folgenden Stellen verschiedene Angebote:

Lantana: Die Opferhilfestelle des Kanton Berns. www. stiftung-gegen-gewalt.ch

Castagna: Beratungs- und Informationsstelle für sexuell ausgebeutete Kinder, Jugendliche und in der Kindheit ausgebeutete Frauen und Männer. www.castagna-zh.ch

Frauen-Nottelefon: Beratungsstelle für von sexueller und/oder häuslicher Gewalt betroffene Frauen. www.frauennottelefon.ch

Die Dargebotene Hand: Tel 143 – steht Menschen in schwierigen Lebenslagen mittels Telefonseelsorge bei. www.143.ch

Eine Übersicht zu den Opferberatungsstellen in deinem Kanton findest du unter: www.opferhilfe-schweiz.ch

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