Strategisches Kriegsziel für Russland: «Wir können die Toten nicht mehr zählen»

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Strategisches Kriegsziel für Russland«Wir können die Toten nicht mehr zählen»

Russische Truppen sind in die Stadt Sewerodonezk eingedrungen und versuchen weiterhin, die östliche Donbass-Region einzunehmen. Ein britischer Reporter beobachtete die intensive Bombardierung des Industriezentrums. Bei den lokalen Behörden macht sich Verzweiflung breit.

von
Karin Leuthold
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Russische Truppen bombardieren Sewerodonezk im Osten der Ukraine, am 30. Mai sind sie in die Grossstadt vorgedrungen.

Russische Truppen bombardieren Sewerodonezk im Osten der Ukraine, am 30. Mai sind sie in die Grossstadt vorgedrungen.

REUTERS
Ein BBC-Reporter beobachtete, wie Sewerodonezk am Horizont «gnadenlos» bombardiert wurde.

Ein BBC-Reporter beobachtete, wie Sewerodonezk am Horizont «gnadenlos» bombardiert wurde.

AFP
 «Im Minutentakt landeten Granaten auf der Stadt und in der Luft. Sewerodonezk brannte», schreibt der britische Journalist in seinem Bericht.

«Im Minutentakt landeten Granaten auf der Stadt und in der Luft. Sewerodonezk brannte», schreibt der britische Journalist in seinem Bericht.

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Darum gehts

  • Im Osten der Ukraine sind russische Truppen am Montag auf die Grossstadt Sewerodonezk vorgerückt.

  • Die Stadt gilt als wichtiges Kriegsziel für Russland.

  • Russland greift mit Hochdruck an, denn die Ankunft neuer Waffenlieferungen aus dem Westen könnte den Plan unmöglich machen.

Russische Truppen sind in die schwer umkämpfte Grossstadt Sewerodonezk im Osten der Ukraine vorgedrungen. Es gebe einen Strassenkampf, schrieb der Gouverneur des Gebietes Luhansk, Serhij Hajdaj am Montagabend auf seinem Facebook-Konto. Er empfahl den Bewohnern der Stadt, in Notunterkünften zu bleiben. Die Evakuierungen aus der Region seien gestoppt worden, bis sich die Sicherheitslage stabilisiert habe. 

Olexandr Striuk, Bürgermeister von Sewerodonezk, sagte, von den einst 100'000 Einwohnerinnen und Einwohnern seien noch höchstens 13'000 da. Stündlich nehme die Zahl der Opfer zu. «Aber wir können die Toten und die Verletzen angesichts der Strassenkämpfe nicht zählen», sagte er. 

Ein BBC-Reporter beobachtete von einem Dach in der Zwillingsstadt Lyssytschansk, wie Sewerodonezk am Horizont «gnadenlos» bombardiert wurde. «Im Minutentakt landeten Granaten auf der Stadt. Sewerodonezk brannte», schreibt der britische Journalist in seinem Bericht.

Schnell Sewerodonezk, bevor die Waffen kommen

Sewerodonezk wird seit Wochen angegriffen, nun konnten die russischen Truppen auf wichtige Ziele vorrücken. Fällt die Stadt, wäre der Weg frei zum nächsten Kriegsziel: der vollen Einnahme der Nachbarregion Donezk.

Die Lage sei zurzeit verzweifelt, wie Gouverneur Hajdaj selber auf seinem Facebook-Account schildert. «Die kritische Infrastruktur der Stadt wurde zu fast 100 Prozent zerstört, es fehlen Ärzte und Ambulanzen.» Es gebe kein Gas, kein Wasser und die Versorgung von Lebensmitteln könne nicht wiederhergestellt werden.

«Zudem sind 90 Prozent der Wohnhäuser beschädigt, 60 Prozent unbewohnbar.» Auf den Strassen sei es ausserdem «voll von russischen Leichen», so Hajdaj. Mit den wärmeren Temperaturen, die derzeit herrschen, könne dies «zur Entwicklung von Infektionen führen».

Laut dem ukrainischen Militärexperten Oleh Schdanow will der Kreml keine Zeit mehr verlieren und seine letzte Chance nutzen, um die bereits seit Jahren von prorussischen Separatisten kontrollierten Gebiete im Donbass auszuweiten. Denn die Ankunft neuer Waffenlieferungen aus dem Westen könnte den Plan unmöglich machen. Moskau wolle in Sewerodonezk und Lyssytschansk verhindern, wie in Kiew zu scheitern, meint Schdanow. In der ukrainischen Hauptstadt hatten Waffenlieferungen aus dem Westen den ukrainischen Verteidigern geholfen, die Russen abzuwehren. 

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