Klitschko nach Gespräch: «Ich schliesse einen Bürgerkrieg nicht aus»
Aktualisiert

Klitschko nach Gespräch«Ich schliesse einen Bürgerkrieg nicht aus»

Etwa 200 Menschen wurden bei Ausschreitungen in Kiew verletzt. Ein besorgter Klitschko sagte nach einem Gespräch mit dem Regierungschef, er schliesse einen Bürgerkrieg nicht mehr aus.

Bei Zusammenstössen nach Massenprotesten gegen die prorussische Führung in der Ukraine sind rund 200 Menschen verletzt worden.

Über 70 Polizisten mussten medizinisch behandelt werden, 40 wurden in Spitäler gebracht, wie das Innenministerium am Sonntagabend mitteilte.

Auf der Gegenseite berichten Medien von mindestens 100 Verletzten. Darunter waren auch mindestens vier Journalisten. Oppositionsführer Vitali Klitschko warnte am späten Abend vor einem Bürgerkrieg. «Ich schliesse einen Bürgerkrieg nicht mehr aus. Doch wir werden jede Möglichkeit nutzen, um Blutvergiessen zu vermeiden», sagte er im Programm von Hromadske.tv nach seiner Rückkehr vom Wohnsitz des Staatspräsidenten Viktor Janukowitsch.

In einem Vieraugengespräch hatten sie die Schaffung einer Kommission aus Regierungsmitgliedern und Oppositionsvertretern vereinbart, um die Krise beizulegen. Diese soll am Montagmorgen zusammentreten.

Nach der Eskalation der Proteste rief die US-Regierung zum sofortigen Ende der Gewalt auf. «Die zunehmenden Spannungen in der Ukraine sind eine direkte Konsequenz daraus, dass die Regierung die legitimen Klagen ihres Volkes nicht wahrnimmt», sagte die Sprecherin des Nationalen Sicherheitsrats, Caitlin Hayden, am Sonntagabend.

Die Regierung habe die «Grundlagen der Demokratie» geschwächt, indem sie friedliche Proteste kriminalisiere und der Zivilgesellschaft und politischen Gegnern wichtige Rechte aberkenne. Die Sprecherin rief die Regierung auf, die kürzlich verabschiedeten «anti-demokratischen Gesetze» zurückzunehmen, die Polizei aus dem Zentrum Kiews abzuziehen und einen Dialog mit der Opposition aufzunehmen. Zugleich forderte Hayden die Opposition auf, wieder zu friedlichen Protesten zurückzukehren.

Angriff auf Klitschko

Hunderte mit Holzknüppeln ausgerüstete und mit Masken vermummte Oppositionelle hatten zuvor versucht, Absperrungen im Regierungsviertel zu durchbrechen, um das Parlamentsgebäude zu stürmen. Einige warfen Steine auf die Polizisten und zündeten Feuerwerkskörper.

Die Sicherheitskräfte setzten Tränengrasgranaten und am späten Abend auch einen Wasserwerfer ein - bei etwa minus acht Grad Celsius. Die Demonstranten setzten mit Molotowcocktails sechs Einsatzfahrzeuge der Polizei in Brand.

Ex-Boxweltmeister Klitschko war vorher angegriffen worden, als er versuchte die wütende Menge zu beruhigen. Auf Fernsehbildern war zu sehen, wie er mit einem Feuerlöscher besprüht wurde.

Zahlreiche Demonstranten hatten kurz zuvor auf einer Massenkundgebung auf dem zentralen Unabhängigkeitsplatz ihren Unmut darüber gezeigt, dass die Opposition nach zwei Protestmonaten keine Fortschritte erzielt habe. Bis zu 100'000 Menschen hatten demonstriert.

Das ukrainische Parlament hatte zuvor mehrere umstrittene Gesetze gegen Regierungsgegner verabschiedet. Menschenrechtler kritisierten die Verschärfung der Gesetze gegen Andersdenkende als schwersten Rückschritt in der Ex-Sowjetrepublik seit Jahren. So steht erstmals seit 2001 wieder Verleumdung unter Strafe.

Einschnitte gibt es auch beim Demonstrationsrecht und für die Internetnutzung. Bei Blockaden von Verwaltungsgebäuden etwa drohen nun bis zu fünf Jahre Haft. Auch die Bundesregierung, die EU und die USA hatten die vom Parlament in Kiew im Eiltempo durchgepeitschten Gesetze kritisiert.

Rufe nach einem Führer

Bei der Kundgebung in Kiew gab es insbesondere gegen Klitschko Buhrufe. Er steht in der Kritik, ohne Plan und unentschlossen zu handeln. Zudem wird ihm vorgeworfen, die zersplitterte Opposition nicht einen zu können. Der Boxer hatte sich immer wieder für einen friedlichen Machtwechsel ausgesprochen. Auch der prominente Oppositionspolitiker Arseni Jazenjuk warnte vor einem «blutigen Machtwechsel». Der Wandel müsse auf friedlichem Wege erreicht werden, sagte er.

Nach Meinung von Beobachtern fordern aber vor allem jüngere Demonstranten rasche Veränderungen. «Wir brauchen einen Anführer, der uns heute und jetzt zum Sieg führt. Wir brauchen einen Namen», sagte Dmitri Bulatow, einer der führenden Köpfe der Strassenproteste.

Nach Meinung von Beobachtern fordern aber vor allem jüngere Demonstranten rasche Veränderungen. «Wir brauchen einen Anführer, der uns heute und jetzt zum Sieg führt. Wir brauchen einen Namen», sagte Dmitri Bulatow, einer der führenden Köpfe der Strassenproteste.

Deine Meinung