Einer der ersten Corona-Fälle - «Ich schrieb noch meiner Frau, dann wurde ich ins künstliche Koma versetzt»
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Einer der ersten Corona-Fälle «Ich schrieb noch meiner Frau, dann wurde ich ins künstliche Koma versetzt»

T.R.* aus Reinach war kerngesund, als er sich im März 2020 als einer der ersten im Kanton Baselland mit dem Coronavirus infizierte. 22 Tage war er im Koma. Mit 20 Minuten sprach er über das Erlebte und seine «zweite Chance» nach der Erkrankung.

von
Jeanne Dutoit
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T.R. kann nach seiner Corona-Erkrankung wieder seinem Hobby nachgehen.
Im Frühling 2020 lag er nach einer Corona-Infektion 22 Tage lang im künstlichen Koma. Er gehörte zu den ersten Patienten in der Schweiz.

Im Frühling 2020 lag er nach einer Corona-Infektion 22 Tage lang im künstlichen Koma. Er gehörte zu den ersten Patienten in der Schweiz.

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Er verlor 15 Kilo Gewicht. In der Reha Basel musste er viele alltägliche Dinge neu lernen. «Ich war bettlägerig, konnte nicht laufen, nicht essen.»

Er verlor 15 Kilo Gewicht. In der Reha Basel musste er viele alltägliche Dinge neu lernen. «Ich war bettlägerig, konnte nicht laufen, nicht essen.»

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Darum gehts

  • T.R. aus Reinach (BL) war einer der ersten bestätigten Corona-Patienten der Schweiz.

  • 22 Tage lang wurde er in ein künstliches Koma versetzt und musste beatmet werden.

  • Zum Zeitpunkt der Erkrankung war er 48 Jahre alt und völlig gesund.

  • Nach der Intensivstation folgte ein Aufenthalt in der Reha Basel.

  • Heute kann der Familienvater wieder Vollzeit arbeiten - «Wie früher» sei es jedoch nicht mehr.

Als T.R.* Anfang März 2020 plötzlich unglaubliche Kopfschmerzen plagten, verschwendete er keinen Gedanken an Corona. Das neuartige Virus kannte er nur aus den Medien. Die Krankheit schien weit weg. «An Corona habe ich absolut gar nicht gedacht», sagt R. im Gespräch mit 20 Minuten.

Einige Tage bevor R.’s Kopf Probleme machte, wurde in der Schweiz der erste Covid-Fall bestätigt. Auch der 48-jährige Familienvater sollte bald zu den ersten Patienten der Nation gehören. Doch bis R. mit einem positiven Coronatest konfrontiert wurde, sollten noch einige Tage vergehen. «Es ist noch nicht lange her, aber damals wurden die Tests noch in Genf ausgewertet. Alles brauchte viel Zeit», erinnert sich der Baselbieter.

Die Kopfschmerzen blieben. «Ich wurde einfach nicht zwäg.» Hinzu kamen Ohnmacht, leichtes Fieber, Abgeschlagenheit. Der Hausarzt wimmelte ihn ab, er solle ja nicht mit Symptomen vorbei kommen. Nach einem Spitalbesuch wurde er mit Schmerzmittel nach Hause geschickt. «Die Ärzte sagten, schauen wir mal.»

«Ich schrieb meiner Frau, dass ich zwei Stunden offline sein werde, danach wurde ich ins künstliche Koma versetzt.»

T.R.

Sein Zustand verschlechterte sich. In der Nacht kämpfte er mit Atemnot und lieferte sich ins Spital ein. «Meine Kinder waren am Schlafen, ich dachte ich komme am Morgen wieder heim.» R. wurde auf Corona getestet. «Eine Sanität brachte mich ins Spital nach Liestal», schildert der heute 50-Jährige. Auf der Fahrt musste er bereits mit Sauerstoff versorgt werden.

«Im Spital sagte man mir, dass einige medizinische Abklärungen gemacht werden. Ich schrieb noch meiner Frau eine SMS, dass ich zwei Stunden offline sein werde.» Kurz nach dem Schreiben der Nachricht, wurde R. ins künstliche Koma versetzt.

22 Tage lag Thomas R. im Koma. Das Leben des Familienvaters war von Maschinen abhängig, die ihn künstlich beatmeten. Über die Zeit im Koma sagt R.: «Man beginnt zu träumen. Ich dachte immer wieder, was für ein Saich träumst du da. Dann versank ich wieder in einen tieferen, traumlosen Schlaf.» Er könne sich noch ausgesprochen genau an viele der Koma-Träume erinnern, schildert er.

«Ich war bettlägerig und musste alles neu lernen.»

T.R.

«Irgendwann holten sie mich zurück. Ich erwachte mit all den Schläuchen um mich rum.» Das medizinische Personal erzählte R. stückchenweise was passiert war. Auf der Intensivstation erfuhr er von seiner Corona-Erkrankung, bekam Besuch von seiner Frau im Schutzanzug und bemerkte, dass er 15 Kilo abgenommen hatte und ihm ein langer Bart gewachsen war.

«Das Erwachen aus dem Koma, war erst der Anfang. Ich war bettlägerig, konnte nicht laufen, nicht essen», sagt R. im Nachhinein. Die drei Meter vom Bett zu seinem Rollstuhl hätten ihm alle Kraft, die in ihm gesteckt hatte, abverlangt. Es folgte eine Überweisung in die Rehab Basel. «Ich war wohl ihr erster Covid-Patient.»

«Ich habe eine zweite Chance gekriegt. Dafür bin ich dankbar, dass ich die nutzen darf.» Er habe den ganzen Tag alles gegeben, fast zwei Monate lang. Wenige Tage vor seinem Geburtstag durfte er wieder heim. «2,5 Monate habe ich meine Kinder nicht gesehen. Das war ein sehr einschneidendes Erlebnis», sagt R.

«Nach einem Arbeitstag reicht die Kraft wieder, um noch etwas im Garten zu arbeiten.»

T.R.

Heute gehe es ihm gut. Peu à peu hätte er sein Arbeitspensum erhöht. Heute arbeite er wieder Vollzeit als Servicetechniker. Es sei nicht mehr «wie früher», vor seiner Corona-Erkrankung. Aber nach einem Tag Arbeit reiche die Kraft aus, um am Abend noch etwas im Garten zu arbeiten. «Auszeiten sind wichtig geworden. Ohne Pausen geht es nicht», so R.

Er habe Frieden mit den letzten Monaten und seinem Schicksal geschlossen. Nur Menschen, die Corona verharmlosen, bringen ihn aus der Ruhe. «Das finde ich einfach nur schlimm. Es ist auf gewisse Art die Leugnung meiner Geschichte.»

*Name der Redaktion bekannt.

Buch über Corona-Schicksale

T. R.’s Geschichte ist eines von vielen Schicksalen, das die «Schreibgruppe Lebensgeschichten» niedergeschrieben hat. Bis anhin schrieben die Hobby-Biografen und -Biografinnen die Lebensgeschichten von Senioren und Seniorinnen auf. «Als der Lockdown kam wusste ich, dass wir diese Coronazeit mit den Schicksalsgeschichten aus der Region für die Nachwelt festhalten müssen», sagt Projektinitiatorin und Autorin Karin Viscardi. 20-Minuten-Redaktor Remo Schraner hatte die redaktionelle Leitung inne und sagt: «Mit diesem Buch ist es den Schreibenden gelungen, nicht der Pandemie, sondern der Gesellschaft im Umgang mit ihr ein Gesicht zu geben: Manchmal angsterfüllt und weinend und manchmal lächelnd und hoffnungsvoll.» Das Buch «Ein Jahr Corona im Baselbiet» kann ab sofort hier bestellt werden.

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Hier findest du Hilfe:

BAG-Infoline Coronavirus, Tel. 058 463 00 00

BAG-Infoline Covid-19-Impfung, Tel. 058 377 88 92

Dureschnufe.ch, Plattform für psychische Gesundheit rund um Corona

Safezone.ch, anonyme Onlineberatung bei Suchtfragen

Branchenhilfe.ch, Ratgeber für betroffene Wirtschaftszweige

Pro Juventute, Beratung für Kinder und Jugendliche, Tel. 147

Dargebotene Hand, Sorgen-Hotline, Tel. 143

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