Bellinzona-Boss Giulini: «Ich sehe den Klub nicht als mein Spielzeug an»
Aktualisiert

Bellinzona-Boss Giulini«Ich sehe den Klub nicht als mein Spielzeug an»

Die AC Bellinzona siegt im Spitzenspiel der Challenge League gegen Aarau 1:0. Auch was die Finanzen angeht, ist ein Silberstreifen am Horizont auszumachen, wie Präsident Gabriele Giulini erklärt.

von
Eva Tedesco

Verletzungsbedingt musste Hakan Yakin den Sieg seiner AC Bellinzona gegen Aarau (1:0) von der Tribüne aus ansehen. Nach dem Spiel spricht der Routinier mit 20 Minuten Online über Geldsorgen, Hoffnung und die Zukunft. (Video: 20 Minuten Online)

«Die Spieler erhalten bald die Löhne für den Dezember, Januar und Februar. Die SFL stellt einen Garantiefonds bereit. Diese 1,2 Millionen gehören mir und waren blockiert. Damit kann ich die Gehälter bezahlen und wir haben ein wenig Luft, um eine Lösung für den Rest der Saison zu finden.» Mit dieser guten Nachricht überraschte Bellinzona-Boss Gabriele Giulini, nachdem sein Team mit einem 1:0-Sieg gegen Leader Aarau überrascht hatte. Am Dienstag trifft sich Giulini mit dem Anwalt, «damit die Überweisungen möglichst rasch getätigt werden können.»

Die Lizenzadministration der SFL hat gegen Bellinzona Anzeige bei der Disziplinarkommission erstattet, nachdem Giulini die Löhne und Sozialabgaben nicht mehr bezahlen konnte. Der Unternehmer aus Mailand betonte immer, dass er den finanziellen Verpflichtungen nachkommen werde, nur nicht bis wann. Das ist nun klar. Über die Gründe schwieg er sich aus.

Ohne ins Detail zu gehen, erläuterte Giulini nach dem Spiel: «Meine Gelder sind derzeit blockiert, aber ich habe zehn Tage Zeit, die fehlenden 2,4 Millionen Franken, die bis Ende Saison für den Spielbetrieb nötig sind, aufzutreiben. Wenn mir lokale Unternehmen dabei helfen wollen, würde ich ihre Hilfe gerne annehmen. So wie die Mannschaft auf dem Rasen kämpft, werde auch ich bis zum Schluss kämpfen.»

Konti blockiert

Auf die Nachfrage, warum Giulini nicht an seine Gelder kommt, antwortet er nicht konkret. Lediglich, dass er wegen einer Immobilie, die er gekauft hat, in einen Rechtsfall verwickelt sei. Solange dieser nicht abgeschlossen sei, bleiben die Konti blockiert. «Aber Sie tragen ihre Privatangelegenheiten auch nicht in der Öffentlichkeit aus, oder?», so der 62-Jährige.

Kapital ist von Haus aus vorhanden. Giulini ist der Sohn des Mailänder Grafen Carlo Enrico Giulini, der 1951 das Unternehmen Giulini & Co. gegründet hat, das mit Rohstoffen handelt. Gabriele selber studierte Wirtschaft und sitzt in den Verwaltungsräten einer Reihe von Firmen, die im Metall- und Chemiesektor tätig sind. Finanzielle Probleme dementiert Giulini rigoros. Auch seine Liebe zum Fussball hat ihren Ursprung in der Familie: Die Giulinis besitzen 5 Prozent der Aktien von Inter Mailand.

Stadion-Abstimmung am 14. April

Medienberichte, die ihn mit Bulat Tschagajew gleichsetzten, der Xamax zugrunde gerichtet hat, bedrücken ihn. «Ich bin seit 2008 Präsident der AC Bellinzona und bin stets meinen Pflichten nachgekommen. Umso glücklicher bin über den Sieg. Die Mannschaft hat die richtige Antwort gegeben. Wir haben eine starke Mannschaft und es wäre sehr schade – nein kriminell! –, wenn man dieses Team nicht weiterspielen lassen würde. Man kann schlecht über den Präsidenten sprechen, der Erfolg zeigt aber, dass auch etwas Gutes dahinter steckt und ich kein Monster bin.»

Der Italiener will es schaffen, dass der Klub nach unternehmerischen Gesichtspunkten geführt werden kann. «Ich sehe den Klub nicht als mein Spielzeug an. Er muss ohne Mäzen bestehen können. Ich bin offen für neue Leute und würde auch ins zweite Glied zurücktreten, wenn das der Wunsch ist.» Wichtig sei ihm aber das Stadionprojekt. Um mittelfristig bestehen zu können, brauche Bellinzona ein neues Zuhause. Am 14. April kommt die Abstimmung über das neue Stadion in der Gemeinde Arbedo-Castione vor das Volk. Ein positiver Ausgang der Abstimmung könnte bewirken, dass potenzielle Geldgeber auf den Zug aufspringen.

Aufstieg (noch) kein Thema

Fans hat Bellinzona genug und auch die Stadt steht hinter ihrem Verein. Das ist auch der Punkt, über den sich Trainer Martin Andermatt besonders freut. «Ich bin stolz auf meine Mannschaft und wir widmen den Sieg unseren Fans, den Leuten im Klub, die hinter den Kulissen arbeiten und der Stadt Bellinzona. Sie haben sich den Erfolg durch ihre Treue verdient.»

Vom Aufstieg redet er trotz Sieg und Punktgleichheit in der Tabelle mit Aarau nicht. Auch wenn man den FCA bereits zum zweiten Mal (18. November 2012, 1:0) im eigenen Stadion geschlagen hat. «Man steigt nicht nach zwei Spielen auf, und auch nicht ab. Die Saison ist noch lang.» Ein Lizenzgesuch für die Super League hat Bellinzona bis zum Fristende am Montagabend bei der SFL nicht eingereicht.

Fink spioniert in der Provinz

So mancher Tribünengast im Brügglifeld wird sich die Augen gerieben haben, als er Thorsten Fink unter den Zuschauern entdeckte. Der HSV-Trainer war mit seinem Assistenten Patrick Rahmen (ex FCB-U21) und Sport-Direktor Frank Arnesen aus Stuttgart angereist, um sich Basel-Leihgabe Kwang Ryong Pak bei Bellinzona anzuschauen. Fink holte den Nordkoreaner vom FC Wil zum FCB und war stets überzeugt vom Talent des grossgewachsenen Stürmers. Das Trio sah Pak knapp 30 Minuten und dessen hochkarätige Chance aus kürzester Distanz, die er gnadenlos über das leere Tor hämmerte. (ete)

Weilers Rundumschlag

René Weiler war unmittelbar nach dem 0:1 gegen Bellinzona sauer. «Diese Mannschaft hätte in dieser Form gar nicht auf dem Platz stehen dürfen», so der FCA-Trainer über den Gegner. «Sie haben ein teures 28-Mann-Kader, das sie sich nicht leisten können. Eigentlich geht das nicht. Wo ist da das Fairplay? Aber die Niederlage haut uns nicht um. Uns wurden zwar unsere Limiten aufgezeigt, aber die Saison ist noch lang. Bellinzona hat nach der Führung geschickt verteidigt», so Weiler. Und was sagt Martin Andermatt zum verbalen Rundumschlag von Weiler? Andermatt: «Kein Kommentar...» (ete)

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