Christian Gross: «Ich sehe mich nicht als Prügelknaben»
Aktualisiert

Christian Gross«Ich sehe mich nicht als Prügelknaben»

Christian Gross (57) wird kritisiert. Der Trainer weiss, dass er mit den Young Boys erfolgreicher werden muss.

von
Peter Berger
YB-Trainer Christian Gross: «Die Mentalität etwas zu gewinnen, muss wachsen.»

YB-Trainer Christian Gross: «Die Mentalität etwas zu gewinnen, muss wachsen.»

Christian Gross, bei YB-Gegner Servette steht morgen wieder der im November entlassene João Alves für den am Dienstag gefeuerten Carlos Pereira an der Seitenlinie. Überrascht Sie der Wechsel?

Christian Gross: Die Genfer stiegen mit Alves auf. Dass er zurückkehrt, überrascht mich nicht. Ungewohnt ist die kurze Zeitspanne.

Neben Servette haben zuletzt auch GC und Sion den Trainer gewechselt. Sie waren selber mal zehn Jahre in Basel im Amt. Jetzt sitzen die dienstältesten Super-League-Trainer erst seit Anfang Saison auf der Bank.

Ja, aber man darf nicht alles verallgemeinern. Jede Entlassung hat ihre eigene Geschichte. Tatsache ist: Der Erfolg muss sich immer schneller einstellen. In der Schweiz kommt dazu, dass die finanzielle Verbindlichkeit bei einer Entlassung nicht so hoch ist wie im Ausland, und man hier deshalb schneller dazu bereit ist.

Stichwort Erfolg: Der fehlt Ihnen auch.

Das ist richtig. Wir hatten gute und weniger gute Spiele. Wir hatten viele personelle Wechsel, da läuft man Gefahr, dass Konstanz und Stabilität verloren gehen. In den Heimspielen haben wir zu viele Gegentore kassiert. Vor allem erfahrene Spieler haben nachlässig verteidigt. Das müssen wir abstellen und zwar sofort.

Die Resultate liessen Kritik aufkommen. Stört es Sie, dass Sie in Bern als Prügelknabe hinhalten müssen?

Ich sehe mich nicht als Prügelknaben. Ich bin sehr gerne Trainer in Bern. Natürlich sind die Erwartungen sehr hoch. Ich nehme die Kritik zum Anlass, um noch besser und intensiver mit den Spielern zu arbeiten.

Sechsmal Meister, fünfmal Cupsieger. Kein Trainer war zuletzt erfolgreicher. Fehlt Ihnen der Respekt?

Die mediale Landschaft verändert sich rasch. Vor allem in den verschiedenen Foren wird eine gewisse Hemmschwelle überschritten, ohne das man das kontrollieren kann. Aber das betrifft nicht nur mich, das geht allen so, die einen öffentlichen Beruf ausüben. Klar sind die Resultate nicht so, wie wir uns erhofft haben. Doch wir befinden uns mit YB in einem Prozess, der noch am Ursprung steht. Ich plädiere deshalb für Geduld.

Sie sagten vor der Saison, YB könnte Ihre schwierigste Herausforderung werden. Ist das nun so?

Es ist in jedem Verein schwierig, ganz nach vorne zu kommen. Man muss zuerst lernen, etwas zu gewinnen. Das braucht nun mal Zeit. Das sagte ich schon am Anfang. Natürlich hat man das Gefühl, YB sei schon weit. Aber die Mentalität etwas zu gewinnen, muss wachsen.

Und wie?

Indem man ständig mit Zielvorgaben arbeitet.

Und wie lautet das nächste?

Wir wollen in die Europa League. Das ist ein harter Kampf. Unser Ziel bleibt Rang 2.

Sechs Runden vor Schluss kann Basel schon Meister werden, und YB liegt 22 Punkte zurück. Diese Konstellation hätten Sie sich wohl nie träumen lassen.

Nein. Der Abstand ist eindeutig zu gross. Basel zog nach harzigem Saisonstart durch und wird verdient Meister.

Verfolgten Sie das Eishockey-Playoff?

Ja.

Dort wird viel von einem Momentum gesprochen. Gibt?s das im Fussball auch?

Ich glaube nicht. Ich war am Mittwoch auch der Überzeugung, dass Real Madrid gegen Bayern München in den Final der Champions League kommt. Aber eine Garantie gibt es im Fussball nicht. Und sowohl im Eishockey als auch im Fussball sind Spiele mit Final-Charakter sehr unberechenbar.

Zurück zum Momentum. Das Tor von Basels Valentin Stocker in der 90. Minute zum 2:2 raubte YB nach seinem guten Rückrundenstart das Momentum.

Natürlich war uns allen danach bewusst, dass es nun noch schwieriger würde, aufzuholen. Doch nicht nur dieses Tor, sondern auch die Integration und Teambildung, die nun mal nicht von einem Tag auf den anderen passieren, liessen uns stocken.

Darf man von YB in der nächsten Saison einen Totalangriff erwarten, zumal in Basel ein grösserer Umbruch ansteht?

Da muss man vorsichtig sein. Ich rechne nicht mit einem grösseren Einbruch bei Basel. Frei, Streller, Steinhöfer, Yapi, Sommer das sind Eckpfeiler, die bleiben dürften.

Wenn Basel nicht schlechter wird, muss YB besser werden.

Zwingend. Ich bin noch nicht zufrieden wie unsere Offensive mit Bobadilla und Mayuka harmoniert. Auch ein David Degen spielt zu unkonstant. Bei ihm habe ich das Gefühl, dass er vor allem gegen Basel zu vornehm, fast gehemmt auftritt.

Weil er mit dem FCB in Verbindung gebracht wird?

Das ist schwierig einzuschätzen.

In dieser Saison gab es bei YB 13 Zuzüge. Was fordern Sie für nächste Saison?

Und wie viele Abgänge hatten wir? Diese muss man auch berücksichtigen. Aber für die neue Saison steht das Kader. Es dürfte den einen oder anderen Abgang geben, Zuzüge aber eher nicht.

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