Armut in der Schweiz: «Ich spare, wo ich kann – schon Käse ist zu teuer»
Aktualisiert

Armut in der Schweiz«Ich spare, wo ich kann – schon Käse ist zu teuer»

73'000 Kinder in der Schweiz sind von Armut betroffen – auch die Familie L. Weihnachtsgeschenke gibt es keine, und Smartphones sind unerschwinglich.

von
Nikolai Thelitz
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Clara L.* muss mit 3250 Franken im Monat eine vierköpfige Familie ernähren.

Clara L.* muss mit 3250 Franken im Monat eine vierköpfige Familie ernähren.

zvg
«Ich spare, wo ich kann. Bereits Käse ist oft zu teuer, und Schweizer Fleisch erst recht», so L.

«Ich spare, wo ich kann. Bereits Käse ist oft zu teuer, und Schweizer Fleisch erst recht», so L.

Keystone/Gaetan Bally
Brauche sie oder eines der Kinder neue Kleider, so geht die Familie nicht shoppen, sondern fragt im Umfeld herum.

Brauche sie oder eines der Kinder neue Kleider, so geht die Familie nicht shoppen, sondern fragt im Umfeld herum.

Keystone/Gaetan Bally

«Wir entscheiden so, dass nur einer von Ihnen aufs Sozialamt muss», habe ihr der Richter bei der Scheidung gesagt – und damit sie gemeint. Clara L.* (46) schlägt sich trotzdem ohne Sozialhilfe durch und sorgt nebenbei noch für ihre drei Kinder im Teenager-Alter. «Ich wollte dem Sozialamt nicht noch meine Schulden zurückzahlen müssen, sobald die Kinder aus dem Haus sind», sagt die Thurgauerin.

3250 Franken hat sie jeden Monat zur Verfügung, um ihre vierköpfige Familie zu ernähren. Ihr Job als Arztgehilfin im 50-Prozent-Pensum bringt ihr 2500 Franken ein, hinzu kommen die Alimente von maximal 750 Franken. «Der Vater machte sich selbstständig und drückte sich so vor den Alimenten-Zahlungen, die nun die Gemeinde übernimmt.»

Käse ist zu teuer

Der Alltag der Familie ist von Entbehrungen geprägt. «In der Migros oder im Coop kann ich mir nur die günstigsten Produkte kaufen», sagt L. Oft stünden Pasta und Kartoffelgerichte auf dem Speiseplan. «Ich spare, wo ich kann. Bereits Käse ist oft zu teuer, und Schweizer Fleisch erst recht.» Auch Grundnahrungsmittel werden rationiert. «Ich kaufe einen Liter Milch pro Woche. Ist dieser aufgebraucht, gibt es halt einfach Tee.»

Oft ist L. auch im Caritas-Markt anzutreffen, wo sie vergünstigt einkaufen kann. Auch an der Aktion «Tischlein deck dich» nimmt sie teil. Für einen symbolischen Beitrag kann man dort aus einem Sortiment von Lebensmitteln auswählen, das sonst vernichtet worden wäre. Nicht nur Ausländer treffe man dort, sondern auch «überraschend viele» Schweizer, sagt L. – «vor allem ältere, die ihr Leben lang gearbeitet haben».

«Wir machen nur Sachen, die gratis sind»

Brauche sie oder eines der Kinder neue Kleider, so geht die Familie nicht shoppen, sondern fragt im Umfeld herum. «Meine Verwandten und Freunde wissen von unserer Situation und schenken uns Kleider, die sie nicht mehr brauchen», sagt L. Gespart wird auch bei den Energiekosten: «Nur der Älteste duscht jeden Tag.» Der Mietzins ihres Hauses sei tief, weil sie mit dem Vermieter vereinbart habe, dass alle Arbeiten am Haus selbst gemacht würden.

Auch in der Freizeit lägen nur Sachen drin, die gratis seien. «Der Älteste ist jetzt 18 Jahre alt. Während seine Altersgenossen in den Ausgang gehen, bleibt er zu Hause oder trifft sich draussen mit Freunden.» Da der Vater Alkoholiker sei, wolle sich der Junge sowieso nicht in Clubs oder Bars betrinken. Die jüngste Tochter (11) könne nur Gitarrenstunden nehmen, weil die Schule diese für sie zum halben Preis anbiete. «Kommt der Wunsch nach einem Handy, muss ich ihnen sagen, dass sie sich das selbst zusammensparen sollen.»

Traumziel Sri Lanka

Auch Weihnachten sieht bei Familie L. anders aus als bei vielen anderen Schweizer Familien. «Wir beschenken uns nicht, es gibt auch keinen Weihnachtsbaum.» Man verbringe zusammen einfach einen gemütlichen Abend, schaue einen Film zu Hause. Die Kinder wollten das gar nicht anders. «Sie sehen ja, wie sehr ich das Jahr durch kämpfe und wie wir sparen müssen. Wenn wir dann einen Abend lang auf heile Welt machen, finden sie das gestört.»

In den Ferien gehe man zelten, früher in der Schweiz, jetzt im nahen Ausland. «In der Schweiz kostet ein Zeltplatz 500 Franken pro Woche, das ist zu teuer.» Der grosse Traum der Familie ist es, einmal mit dem Flugzeug in die Ferne zu reisen. «Sri Lanka ist unser Wunschziel, wir haben viel Spannendes darüber gelesen.» Doch weil der älteste Sohn nun volljährig wurde, ist dieses Ziel in weite Ferne gerückt: «Ich erhalte nun keine Alimente mehr und er braucht eine Krankenkasse. Ich habe keine Ahnung, wie wir das bezahlen sollen.»

*Name geändert

Kinderarmut in der Schweiz

In der Schweiz war 2014 jedes 20. Kind von Einkommensarmut betroffen. Zu den 73'000 Kindern unter 18 Jahren, die als einkommensarm gelten, kommen noch 234'000 armutsgefährdete Kinder hinzu. Das zeigen neue Zahlen des Bundesamtes für Statistik (BFS). Besonders betroffen sind Kinder, die in Haushalten ohne Erwerbstätige oder nur mit einem Elternteil aufwachsen. Sie sind zudem häufiger mit materiellen Einschränkungen und mangelhafter Wohnsituation konfrontiert. In vielen Haushalten, die materielle Entbehrungen hinnehmen müssen, stellen Eltern laut BFS die eigenen Bedürfnisse zugunsten ihrer Kinder zurück. (20M)

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