Aktualisiert 05.04.2020 13:33

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«Ich spürte, wie sie mir den Kopf aufschnitten»

Arlind (24) leidet an einer Hautkrankheit. Regelmässig muss er sich deswegen Geschwüre wegoperieren lassen. Ob er jemals geheilt werden kann, weiss er nicht.

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mim
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Arlind (24) kommt ursprünglich aus dem Kosovo und lebt in Basel. Er leidet an einer Hautkrankheit: Regelmässig bilden sich auf seiner Haut Zysten, sogenannte Atherome.

Arlind (24) kommt ursprünglich aus dem Kosovo und lebt in Basel. Er leidet an einer Hautkrankheit: Regelmässig bilden sich auf seiner Haut Zysten, sogenannte Atherome.

Privat
Sobald diese Zysten grösser werden, muss er sie wegoperieren lassen: «Wenn ich sie nicht wegschneiden lasse, entzünden sie sich stark, schmerzen und jucken extrem. Meine Lebensqualität ist dann sehr stark eingeschränkt.»

Sobald diese Zysten grösser werden, muss er sie wegoperieren lassen: «Wenn ich sie nicht wegschneiden lasse, entzünden sie sich stark, schmerzen und jucken extrem. Meine Lebensqualität ist dann sehr stark eingeschränkt.»

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Arlind, was ist dein «Makel»?

Ich habe eine Hautkrankheit, bei der sich regelmässig sogenannte Atherome bilden. Das sind Zysten, die wachsen und mit der Zeit grösser werden – meine werden manchmal so gross wie Pingpong-Bälle. Die meisten habe ich am Hinterkopf. Ich muss mich deswegen regelmässig operieren lassen.

Wie viele Operationen hattest du bereits?

Ich hatte schon um die 50 Operationen mit Vollnarkose, um die 15 OPs in Kurznarkose und fünfmal liess ich mich mit einer Lokalbetäubung behandeln. Inzwischen habe ich aufgehört, zu zählen. Im Schnitt muss ich etwa einmal im Monat operiert werden. Sobald sich ein Atherom anfängt zu bilden, dauert es etwa drei Wochen, bis ich es entfernen lasse.

Wann hattest du deine erste Operation?

Das war 2014. Inzwischen geben mir die Ärzte nur ungern weitere Vollnarkosen. Kurznarkosen oder Lokalbetäubungen wirken bei mir leider nicht mehr richtig. Es ist schon passiert, dass ich während einer OP nicht richtig narkotisiert war. Ich habe gemerkt, wie sie mir den Hinterkopf aufschnitten. Das war schrecklich – ich bin ausgerastet.

Was hat die Krankheiten für Auswirkungen auf dich?

Wenn ich liege, habe ich starke Schmerzen am Hinterkopf. Ausserdem muss ich regelmässig Antibiotika einnehmen, um die Entzündungen zu lindern. Zudem jucken die Atherome stark. Dadurch leide ich bereits seit sechs Jahren an Schlafstörungen. Durch die Krankheit und meinen schlechten Schlaf habe ich auch psychische Probleme.

Inwiefern?

Oft bin ich extrem wütend auf mich selber. Ich frage mich Dinge wie: «Wieso muss mein Körper immer wieder diese Atherome bekommen?» Ich kann durch meinen gesundheitlichen Zustand auch nicht arbeiten gehen, ich lebe vom Sozialamt. Ich sehe, wie meine Kollegen und mein Bruder ein normales Leben führen. Ich kann diese Dinge nicht tun, habe nicht einmal eine Lehre abgeschlossen. Das ist wirklich hart. Dennoch versuche ich, positiv zu bleiben.

Wie machst du das?

Auch wenn es schwierig ist, versuche ich, die Dinge zu akzeptieren. Mich nur darüber aufzuregen, ändert schliesslich nichts an der Situation. Ausserdem lehrt mich die Krankheit, mich nicht über Kleinigkeiten zu nerven. Manchmal ist es aber wirklich schwierig, die Hoffnung nicht aufzugeben – gerade weil ich nicht weiss, ob die Atherome jemals ganz weggehen werden. Dennoch habe ich Pläne für meine Zukunft.

Zum Beispiel?

Mein Ziel ist es, eine Lehre zu beginnen. Ich will ein normales Leben führen und mein eigenes Geld verdienen. Auch bleibe ich dankbar – zum Beispiel gegenüber den Ärzten, die sich immer wieder Mühe geben, meine Schmerzen zu lindern. Auch, wenn es nur für einen kurzen Moment ist.

Wie sieht dein Alltag aus?

Ich bin oft zu Hause, da ich nicht arbeite. Früher war das ganz anders. Ich ging immer in Shishabars und wollte in den Ausgang. Inzwischen gehe ich nicht mehr oft unter die Leute – ich fühle mich unwohl wegen meiner Narben. Vor meiner Krankheit hatte ich ausserdem mehr Freunde als heute.

Was rätst du anderen mit einer chronischen Krankheit?

Man sollte sich auf jeden Fall ärztliche Hilfe holen. Und trotz einer Krankheit muss man immer versuchen, die Dinge positiv zu sehen. Zum Beispiel sollte man dankbar sein, dass man trotzdem am Leben ist.

Arlind kommt ursprünglich aus dem Kosovo und lebt in Basel. Sofern es sein gesundheitlicher Zustand zulässt, spielt er gerne Fussball und geht schwimmen. Wenn er wegen einer Operation zu Hause bleiben muss, zockt er gerne «Fortnite» oder «Fifa20».

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Was sind Atherome?

Ein Atherom ist eine gutartige Zyste, die dort entsteht, wo ein Haar in der Haut befestigt ist. Die Ursache eines Atheroms ist eine verstopfte Talgdrüse – der Talg kann nicht mehr abfliessen und sammelt sich unterhalb der Haut an. Es ist als halbkugeliger Knoten in der Haut sichtbar und kann eine Grösse von wenigen Millimetern bis zu mehreren Zentimetern annehmen – im Extremfall erreicht ein Atherom das Volumen eines Tennisballs. Atherome können je nach Lage und Grösse schmerzhaft sein. Sie sind gut sichtbar und deshalb kosmetisch oft störend. In Atheromen können Infektionen und Abszesse auftreten, die mit Antibiotika behandelt werden. Die Entfernung eines Atherom ist nur durch eine Operation möglich. Man kann eine genetische Veranlagung für Atherome haben.

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