Aktualisiert 12.01.2019 10:17

Ohne Billett unterwegs«Ich suche das Perron nach Kontrolleuren ab»

Ungefähr drei Prozent aller Fahrten mit dem ÖV erfolgen ohne Billett. Ein Schwarzfahrer erzählt von seinen Beweggründen.

von
eke
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S. Z. aus dem Kanton Zürich ist seit Monaten ohne gültiges Billett unterwegs.

S. Z. aus dem Kanton Zürich ist seit Monaten ohne gültiges Billett unterwegs.

Keystone/Gaetan Bally
Er sagt, er könne so viel Geld sparen.

Er sagt, er könne so viel Geld sparen.

Keystone/Christian Beutler
Kontrolliert werde er praktisch nie.

Kontrolliert werde er praktisch nie.

Keystone/Christian Beutler

Die Organisation CH-direct schätzt, dass dem öffentlichen Verkehr in der Schweiz jedes Jahr ein zweistelliger Millionenbetrag wegen Schwarzfahrern verloren geht. «Wir gehen davon aus, dass ungefähr drei Prozent aller Fahrten mit öffentlichen Verkehrsmitteln ohne Billett erfolgen», sagt Sprecher Thomas Ammann. Aufgrund der hohen Dunkelziffer sei eine genaue Schätzung jedoch schwierig.

Um strategisches Schwarzfahren bedeutend schwieriger zu machen, planen die Schweizer Verkehrsbetriebe ab April 2019 ein einheitliches Schwarzfahrer-Register. Die lokalen Bahnbetriebe sollen so feststellen können, ob ein Schwarzfahrer von einem anderen Verkehrsunternehmen vorbelastet ist. Ist dies der Fall, können Zuschläge dementsprechend erhöht werden. Wer das erste Mal erwischt wird, soll 100 Franken zahlen. Beim zweiten Mal 140 und beim dritten Mal 170 Franken. Notorische Wiederholungstäter sollen es so in Zukunft schwieriger haben.

«Wir wollen die ehrlichen Kunden entlasten und die Zahl der notorischen Schwarzfahrer minimieren», sagt Ammann. «Das Register wird eine Hilfe sein. Ganz verhindern lässt sich das Problem des Schwarzfahrens aber nicht.»

Strategisches Schwarzfahren

20 Minuten konnte mit dem Schwarzfahrer S. Z.* sprechen. Er ist seit Ende August 2018 praktisch immer ohne Billett in der Zürcher S-Bahn unterwegs. Weil er ab Januar ein GA zur Verfügung hat, wollte er für die Zeit bis dahin kein Abo kaufen und Geld sparen. «Am Anfang vergass ich oft, ein Ticket zu kaufen. Dann merkte ich, dass ich kaum kontrolliert werde.» Am Bahnhof schaue er immer, ob Kontrolleure in den Zug einsteigen würden. So bleibe ihm genügend Zeit, um mit dem Smartphone noch ein Ticket zu lösen. Falls dies nicht klappt, macht er technische Probleme mit der App geltend. «Wenn ich im oberen Stock in der Mitte sitze, habe ich am meisten Zeit, bis ich kontrolliert werde.»

Ein solches Verhalten ist aus Sicht von Karin Blättler, Präsidentin Pro Bahn, «zwingend zu bestrafen». Den Schaden hätten die zahlenden ÖV-Kunden zu berappen. Braucht es deshalb nicht stärkere Kontrollen? «Verstärkte Kontrollen helfen, lösen aber das Problem mit der Ausrede auf technische Probleme auch nicht.»

Probleme mit App sind keine Ausrede

Gemäss Thomas Ammann von CH-direct sind technische Probleme mit der App grundsätzlich keine Ausrede: «Nur wenn das Transportunternehmen wirklich technische Probleme feststellt und der Kunde keine andere Möglichkeit hatte, ein Ticket zu lösen, kann ein Auge zugedrückt werden.» Ansonsten muss der Kunde einen Zuschlag zahlen. Es sei leicht festzustellen, ob ein Billett vor Abfahrt des Zuges gelöst worden sei oder nicht.

Bisher wurde S. Z. zweimal ohne Ticket erwischt. Das dritte Mal würde er aber nicht mehr ungeschoren davonkommen. «Beim dritten Vorfall innerhalb von zwei Jahren wird zusätzlich von der gesetzlichen Möglichkeit einer Strafanzeige Gebrauch gemacht», sagt Caspar Frey vom Zürcher Verkehrsverbund. Ob dies wirklich im Sinne von Z. ist, bleibt mehr als fraglich. Zwar sei er während den Fahrten angespannter als normal. Ein schlechtes Gewissen plage ihn auf jeden Fall nicht: «Ich fahre ja nicht immer schwarz und ich mache dies nur vorübergehend.»

*Name der Redaktion bekannt

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