Angststörungen: «Ich traue mich kaum aus dem Haus»
Aktualisiert

Angststörungen«Ich traue mich kaum aus dem Haus»

Simon Palmieri leidet unter Ängsten, die seinen Lebensradius einschränken. Der 22-Jährige berichtet über seine schlimmsten Erlebnisse und seinen grössten Wunsch.

von
Matthias Gröbli

Simon Palmieri (22) leidet unter Angst- und Panikstörungen. (Video: Gilles Brönnimann)

Angst und Panik

«Ich habe drei Formen von Angststörungen: Panikstörung, generalisierte Angststörung und Agoraphobie – das ist die Angst vor der Aussenwelt, vor Menschenmassen, vor weiten Plätzen, vor Konzerten, vor Restaurants, vor Fussgängerzonen, vor Zugfahrten, vor Kaufhäusern. Es sind alles Situationen, in denen die Fluchtmöglichkeit nicht besteht.

Die Panikstörung äussert sich in plötzlich auftretenden Panikattacken mit extremen körperlichen Symptomen: Herzrasen, Schwindel, Übelkeit, Angst vor dem Verrücktwerden und Todesangst. Die generalisierte Angststörung ist die omnipräsente Angst und Sorge, welche Folgen eine Handlung haben könnte.

Eine krasse Panikattacke erlebte ich mit ein paar Kollegen in Bern. Wir stiegen aus dem Zug, wollten in die Stadt in den Ausgang, als es mir in der Bahnhofsunterführung plötzlich hundeelend wurde mit Schwindel, Herzrasen, Atemnot. Mitten unter den Leuten setzte ich mich zu Boden und verharrte über eine halbe Stunde lang praktisch bewegungslos. Die Kollegen waren sehr besorgt und wussten nicht, was mit mir los war. Ich fühlte mich völlig ausgeliefert in dieser Situation, alle starrten mich an und tuschelten. Das ist dann auch extrem peinlich, wenn dir das in der Öffentlichkeit passiert.

Schon als Kind neigte ich zu irrationalen Ängsten. Meine kranke Grossmutter lebte bei uns, meine Mutter pflegte sie. Da wuchs bei mir das Gefühl, unwichtig oder zurückgestellt zu sein. Es war ein angstvolles Umfeld. Die Panikattacken begannen mit 14 oder 15 Jahren. Als vor zwei Jahren mein Vater starb, wurde alles noch schlimmer.»

Schmerzgrenze 20 km

«Mein Bewegungsradius ist erheblich eingeschränkt. Ich schaffe Distanzen von 15 bis 20 Kilometern. Was darüber hinausgeht, etwa längere Reisen von über einer halben Stunde, macht mir Mühe. Je weiter ich mich entferne von meinem sicheren Ort, meinem Zuhause, desto grösser wird die Angst. Ich kann nicht nach Zürich an ein Konzert oder nach Bern in eine Bar. Mein Radius reicht von Lützelflüh nach Burgdorf oder nach Langnau. Bin ich gezwungen, diese Grenze zu überschreiten, bin ich danach derart erschöpft, dass ich nur noch hinliege und stundenlang schlafe, um mich vom entstandenen riesigen Stress zu erholen.

Viele Freunde habe ich nicht. Die wenigen engen Freunde wissen um meine Störungen und kommen mich besuchen oder begleiten mich innerhalb meiner eingeschränkten Welt. Ich habe das Glück, dass meine Freundin sehr liebevoll und verständnisvoll ist und mich nicht unter Druck setzt. Wir haben drei Hunde und gehen oft in den Wald spazieren. Aber auch da habe ich meine Grenzen: 200 Meter zu Fuss, dann ist fertig für mich. Dann wird mir schwindlig, weil der Fluchtweg bereits wieder zu weit ist.»

Er sieht doch gesund aus

«Man fühlt sich nicht als vollwertiger Mensch, wenn man so zurückgestellt ist durch eine psychische Erkrankung. Perfid ist, dass man es nicht sieht. Manchmal hätte ich lieber ein Pflaster auf der Stirn oder den Arm in der Schlinge. Aber so fragt sich doch jeder: Was ist los mit ihm? Wieso arbeitet er nicht? Er sieht doch gesund aus.

2017 verlor ich meine Lehrstelle als Bodenleger kurz vor dem Abschluss eigentlich aus Eigenverschulden: Wäre ich damals ehrlich gewesen und hätte offen über meine Angststörungen gesprochen, statt aus Scham Ausreden zu erfinden, hätte ich vermutlich meine Lehre abgeschlossen und würde auf dem Beruf arbeiten. Das tut mir bis heute leid und ich bereue es.

Immerhin habe ich derzeit das grosse Glück, daheim arbeiten zu können für die APHS, die Angst- und Panikhilfe Schweiz. Ich betreue die Hotline und kann auf diese Weise anderen Menschen mit ähnlichen Problemen helfen, was mir sehr viel gibt. Aber ich bin auf Sozialhilfe angewiesen, weil der Verdienst aus dem Teilzeit-Pensum der Hotline-Betreuung nicht ausreicht. Das ist sehr unangenehm. Noch so ein Stigma – man glaubt, sich dafür schämen zu müssen, wenn man seinen Lebensunterhalt nicht selber bestreiten kann.

Angstporträt Simon Palmieri

Angstporträt Simon Palmieri
(Video: Gilles Brönnimann)

Es zieht alles so riesige Kreise: kein Lehrabschluss, Stellenverlust, Sozialhilfe, Isolation. Man versinkt in einem Sumpf. Wahnsinn.

Derzeit laufen Abklärungen für eine berufliche Wiedereingliederung über die IV. Da sollte es Chancen geben auf eine Lehre in teilreduziertem Pensum in geschütztem Rahmen. So könnte ich dereinst ein eigenständiger Berufsmann sein und einen Lohn haben, der zum Leben reicht.»

Kalter Entzug

«Über zwei Jahre lang nahm ich Antidepressiva, die anfangs auch wunderbar wirkten. Doch die Dosis musste kontinuierlich gesteigert werden, und irgendwann wirkten sie nicht mehr und die Ängste kehrten zurück. Dann wurde die Dosierung schrittweise reduziert, aber das war katastrophal: Meine Symptome wurden zehnmal schlimmer.

Eines Tages im März 2019 sagte ich mir: Ich will mein Leben zurück und setzte die Antidepressiva ganz ab. Das war die Hölle, ich litt enorm. Es war, als müsste ich alle Emotionen neu erlernen. Es dauerte über vier Monate. Die Ärzte sagen, die Antidepressiva machen nicht süchtig, aber das habe ich anders erlebt.»

Die Asche des Vaters

«Seit Juli 2019 bin ich bei einem sehr kompetenten Psychiater in Behandlung und habe mehr Erfolge erzielt als in all den Jahren zuvor. Leute mit Angststörungen denken häufig in Extremen: Ich falle in Ohnmacht, ich drehe durch, ich werde sterben. Die Therapie besteht darin, diese Extreme zu entschärfen und mit der Angst irgendwie leben zu können. In Form von Expositionstherapien setze ich mich graduiert angstauslösenden Situationen aus und versuche sie auszuhalten. Dabei werde ich von einer Vertrauensperson begleitet. Wirklich heilbar sind die Angststörungen wohl nicht. Aber man kann es schaffen, wieder selber über sein Leben bestimmen zu können.

Mein grösster Wunsch ist, dass ich es schaffe, die Urne mit der Asche meines Vaters in das Familiengrab in seinem Heimatdorf Riardo in Italien zu bringen. Das war sein letzter Wunsch, den ich gemeinsam mit meinen Brüdern gern erfüllen würde.»

Serie zu Angststörungen

Rund 800'000 Menschen in der Schweiz sind Opfer von Angststörungen oder Phobien. In unserer Serie berichten Betroffene über ihr Leben mit der Angst, und ein Experte spricht über Alarmzeichen und Therapien.

3. Simon Palmieri (22), Angst- und Panikstörung

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