Jonas Hiller: «Ich verdiene meinen Lohn»
Aktualisiert

Jonas Hiller«Ich verdiene meinen Lohn»

Jonas Hiller hat sich in der letzten Saison den Status als Nummer 1 der Anaheim Ducks erkämpft. Im Interview mit 20 Minuten Online spricht der 27-Jährige über seine Zukunftsperspektiven in der NHL, seinen ehemaligen Trainer Arno Del Curto und über die Bedeutung eines Millionensalärs.

von
Klaus Zaugg

Was ist der grösste Unterschied zwischen dem Jonas Hiller, der im Sommer 2003 nach Lausanne zog, und dem Jonas Hiller, der den Sommer 2009 als Nummer 1 der Anaheim Ducks verbringt?

Jonas Hiller: Der Unterschied ist gar nicht so gross. Natürlich habe ich heute mehr Erfahrung und ich bin besser trainiert. Aber eigentlich ist die Ausgangslage ganz ähnlich: Ich bin damals nach Lausanne gezogen mit der Hoffnung, möglichst viele NLA-Spiele bestreiten zu können. Jetzt werde ich wieder nach Anaheim fliegen und ich hoffe, so viele NHL-Partien wie möglich spielen zu dürfen. Ich bin sehr froh über die Erfahrungen in Lausanne. Ich habe gelernt, dass es gerade bei einem Goalie nicht von heute auf morgen geht. Dass man sich nicht beirren lassen darf und dass man ein Ziel erreicht, wenn man hart arbeitet.

Aber anders als damals in Lausanne sind Sie in Anaheim die Nummer 1.

Das sieht so aus, weil ich in den Playoffs gespielt habe. Aber es gibt in Anaheim keine offizielle Nummer 1. Wenn ich im Vorbereitungscamp nicht vom ersten Training an und in jedem Vorbereitungsspiel gute Leistungen bringe, dann spielt wieder Jean-Sébastien Giguere und ich schaue zu.

Trotzdem: Sie haben Giguère letzte Saison als Nummer 1 verdrängt. Wie haben Sie das geschafft?

Giguère musste während der Saison wegen der Erkrankung seines Vaters nach Montreal fliegen und ich habe während seiner Abwesenheit konstant gut gespielt. Das hat wohl dem Coach gezeigt, dass ich der Belastung nicht nur in ein paar Spielen, sondern über eine längere Zeitspanne hinweg gewachsen bin. Und mir gab diese Konstanz zusätzliches Selbstvertrauen. Entscheidend war dann aber die erste Partie in den Playoffs. Die Coaches sind ein Risiko eingegangen und haben auf mich gesetzt. Wenn ich da versagt hätte, wäre ich sofort ausgewechselt und für den Rest der Playoffs auf die Ersatzbank verbannt worden. Es gelang mir ein guter Start und so blieb ich im Tor.

Waren Sie vor diesem ersten Playoffmatch nervös?

Es hat schon mehr gekribbelt als sonst. Aber nervös? Nein. Ich wusste, wozu ich fähig bin.

Sie verdienen 1,3 Millionen Dollar im Jahr und Ihr Vertrag läuft noch ein Jahr. Giguère verdient sechs Millionen im nächsten und sieben Millionen im übernächsten Jahr - wie sieht Ihre Zukunft bei dieser Ausgangslage aus?

Das ist schwierig zu sagen. Es kann sein, dass Anaheim Giguère transferiert und auf mich als Nummer 1 setzt. Aber Giguère hat nur dann einen hohen Transferwert, wenn er spielt. Es kann auch sein, dass das Management auf Giguère setzt und in Kauf nimmt, dass ich nach einer Saison Anaheim verlasse. Ich kann diese Szenarien nicht beeinflussen und muss einfach so gut wie möglich spielen.

Sie werden im nächsten Frühjahr sogenannter Free Agent. Sie können also ihren Klub dann frei wählen. Wie viel sollte ihr Agent Alain Roy herausholen?

Realistisch ist wohl eine Summe irgendwo zwischen meinem und Giguères Salär.

Sie verdienen ganz offiziell 1,3 Millionen Dollar pro Saison. In der Schweiz spricht man hingegen nicht über Geld.

Es stört mich nicht, dass mein Lohn bekannt ist. Ich arbeite hart, verzichte auf viel und nehme auch viel auf mich. Ich verdiene meinen Lohn.

Was bedeutet Geld für Sie?

Eine gewisse Unabhängigkeit. Wenn ich auch mal während des Sommers meine Freundin in New York besuchen will, so kann ich mir das leisten. Wenn ich einmal meine Karriere abgeschlossen habe, dann möchte ich Zeit haben um das zu tun, was zurzeit zu kurz kommt. Beispielsweise freie Wochenenden geniessen oder Skiferien machen.

Was ist eigentlich der grösste Unterschied zwischen Davos und Anaheim?

Der Unterschied ist gar nicht so gross wie ich erwartet hatte. Letztlich ist die Vorbereitung auf ein Spiel die gleiche wie in Davos und die Mannschaft funktioniert gleich. Es gibt Zeiten, da haben wir es locker und es gibt Zeiten, da müssen wir uns gegenseitig pushen. Ich hatte ein wenig befürchtet, die Dollar-Millionäre könnten arrogant sein und den Neuen aus der Schweiz nicht ernst nehmen. Doch das war ganz und gar nicht der Fall. Und die Belastung ist für mich nicht neu. Ich kam schon beim HC Davos mit Meisterschaft, Spengler Cup und Nationalmannschaftseinsätzen auf rund 90 Spiele pro Saison. So gesehen war ich letzte Saison (59 NHL-Spiele - die Red.) in Anaheim weniger ausgelastet als noch vor gut zwei Jahren in Davos. Was aber in der NHL hinzukommt, sind die weiten Reisen.

Und in Anaheim werden Sie wahrscheinlich auf der Strasse weniger erkannt als jetzt im Sommer in Davos.

Ja das stimmt, ich spreche wohl während meiner drei freien Monate mehr über Eishockey als während der neun Monate, in denen ich Eishockey spiele. Das hat zwei Seiten. Einerseits geniesse ich die Ruhe in Anaheim, es fällt mir leicht, mich in Südkalifornien von NHL-Strapazen zu erholen. Auf der anderen Seite vermisse ich die leidenschaftlichen Fans der Schweiz manchmal schon. Die Fankultur in Anaheim ist ganz anders als in der Heimat. In Anaheim gehört Eishockey einfach zur Unterhaltung wie ein Kino. Hardcorefans, wie wir sie in der Schweiz nennen, die ein Leben lang einem Team treu sind und während dem Spiel stehen, singen und Fahnen schwenken, würden eher befremden.

Sie haben im Playoff-Achtelfinal die San Jose Sharks mit Joe Thornton mit 4:2-Siegen eliminiert.

Damals war das eine ganz normale Playoffserie. Das ist die Zeit des Jahres, in der jeder Eishockeyspieler so mit seiner eigenen Welt beschäftigt ist, dass es einfach keinen Raum mehr gibt für etwas anderes. Während der Qualifikation hingegen kommt es schon mal vor, dass ich vor einem Auswärtsspiel in San Jose einen Tag früher anreise und am Tag vor dem Spiel noch mit Joe essen gehe.

Könnte Arno Del Curto eigentlich auch Anaheim coachen?

Eine gute Frage. Nun, in der NHL ist alles sehr gut durchstrukturiert und man kann nicht von einer Minute auf die andere alles auf den Kopf stellen. Möglich also, dass Arno mit dem Hang zum Chaoten mit dem Management Probleme bekäme. Aber wenn ich ihn erlebe, wie er es versteht, alle dazu zu bringen, alles für ihn zu geben, dann muss ich sagen: Ja, er könnte auch in der NHL erfolgreich sein.

Wie schafft es Arno Del Curto, dass er die Spieler so begeistern kann?

Er ist ein emotionaler Mensch. Arno ist so sehr mit ganzem Herzen bei der Sache, dass er dich einfach mitreisst und wenn er dann sagt, der Himmel ist grün, dann glaubst du, der Himmel sei tatsächlich grün.

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