Natascha Kampusch: «Ich verhalte mich anders, als es die Leute erwarten»
Aktualisiert

Natascha Kampusch«Ich verhalte mich anders, als es die Leute erwarten»

«Vielleicht können die Leute mit dem, was mir passiert ist, einfach nicht umgehen», sagt Natascha Kampusch an ihrem 25. Geburtstag. Ihr Schicksal bleibt nach dem Auftritt bei Günther Jauch unfassbar.

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jbu/rme

Natascha Kampusch feiert ihren 25. Geburtstag. Sie begeht diesen Anlass vor den Augen von Millionen Zuschauern, in der Sendung von Talkmaster Günther Jauch auf ARD.

Wie die Geburtstage in Gefangenschaft gewesen seien, will ARD-Talkmaster Günther Jauch zum Einstieg von der ganz in Violett gekleideten Kampusch wissen. «Eigentlich eher positiv», antwortet diese. Geburtstage seien für sie ein Symbol dafür gewesen, stärker und mächtiger zu werden, sich ihrem Entführer Wolfgang Priklopil eher widersetzen zu können. Besonders intensiv sei dieses Gefühl beim Erreichen der Volljährigkeit gewesen – also in dem Jahr, in dem Kampusch schliesslich tatsächlich die Flucht aus ihrem Verlies gelang.

Pragmatisch, ehrlich

Über die Zeit seit diesem 23. August 2006 spricht die Österreicherin gleichzeitig sehr direkt und doch distanziert. Das Wiedersehen mit den Eltern nach der Gefangenschaft kommentiert Kampusch mit den Worten, beiden Seiten sei wohl nicht klar gewesen, wie traumatisiert die jeweils andere war. Nichts von lang ersehnten Umarmungen, Tränen oder grossen Gefühlen.

Auf andere Fragen antwortet Kampusch gar noch knapper. Ob es stimme, dass sie bis heute kein Hunger- oder Sättigungsgefühl empfinde? «Ja.» Ob es ihr schwer falle, anderen Menschen zu vertrauen? «Ja.» Ob sie den Missbrauchs-Szenen in der Verfilmung ihrer Autobiographie zugestimmt habe, damit die Öffentlichkeit zufrieden sei und sie nicht weiter damit behellige? «Genau.» Dabei wirkt die 25-Jährige nicht, als ob sie etwas verschweigen wollte, sondern einfach, als gäbe es schlicht nicht mehr dazu zu sagen.

«Wollte keinen anderen Namen annehmen»

Kampusch versichert denn auch: «Ich wollte meine Identität nie aufgeben und einen neuen Namen annehmen.» Ein Leben in der Anonymität sei für sie zu keinem Zeitpunkt in Frage gekommen. So stellt sich die junge Frau den Herausforderungen des alltäglichen Lebens, auch wenn der Umgang mit der Öffentlichkeit oft schwierig sei. «Ich verhalte mich anders, als dies die Leute von Entführungsopfern erwarten», meint Kampusch auf die Frage, warum sie aus der Öffentlichkeit auch immer wieder mit negativen Reaktionen konfrontiert werde.

Auch als Jauch gehässige Kommentare aus Internetforen zitiert, bleibt Kampusch ruhig, die Hände im Schoss gefaltet. «Vielleicht können die Leute mit dem, was mir passiert ist, einfach nicht umgehen.» Begegnungen mit der Bevölkerung, beispielsweise in der U-Bahn, beschreibt sie als schwierig. Viele Leute würden ihr ausweichen, andere, die selbst Probleme hätten, wollten dafür ihre Geschichten bei ihr abladen.

In der Sendung werden immer wieder Ausschnitte aus dem Film «3096 Tage», der in knapp zwei Wochen in die Kinos kommt, eingeblendet. Auch diese Szenen kommentiert Kampusch nüchtern, gibt aber bereitwillig Auskunft. Gerade ihre schonungslose Ehrlichkeit, die selbstverständliche Art zu antworten, ist es, die dem Zuschauer so einfährt. In welcher Situation sie Priklopil gesagt habe, entweder sie oder er müsse sterben, fragt Jauch. «Das habe ich ihm ganz oft gesagt», antwortet Kampusch.

Dass ihr Entführer sich das Leben genommen hat, bedauert die 25-Jährige auf eine gewisse Weise. «Es wäre vielleicht besser gewesen, wenn Priklopil überlebt hätte», sagte sie dem «Spiegel». «Dann wäre klar gewesen, dass ich das Opfer bin. Jetzt wird es so angesehen, als hätte ich dem Täter etwas angetan.» Damit müsse sie leben.

Der Trailer zum Film «3096 Tage» (Video: youtube.com)

Kakteen und Fische

Auch dem österreichischen Boulevard-Blatt «Krone» hat Natascha Kampusch in diesen Tagen ein Interview gegeben. Ausschnitte des Gesprächs können in drei Audiodateien angehört werden:

· Kampusch über die Jahre in Freiheit

· Kampusch über Freunde und Familie

· Kampusch über Haustiere

Die Wienerin ist nun fast so lange in Freiheit, wie sie gefangen war. An dieses Leben hat sie sich aber immer noch nicht gewöhnt, «ich fühle mich momentan nicht frei. Einfach weil es noch nicht ganz klar ist, wohin das alles gehen soll».

Ihre Zeit verbringt Natascha Kampusch neuerdings mit Fischen. «Mit denen kann man fast Dialoge führen», sagt sie, wenn sie über die Salmler in ihrem Aquarium spricht. Sie züchtet auch Kakteen, strickt und häkelt. Als Berufsbezeichnung nennt sie sich «Botschafterin. Eine Botschafterin des Überlebens.»

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