Erbschaft? Nein, danke! - «Ich verzichte aufs Erbe, da ich Schulden habe»
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Erbschaft? Nein, danke!«Ich verzichte aufs Erbe, da ich Schulden habe»

Jedes Jahr schlagen tausende Schweizerinnen und Schweizer ihr Erbe aus. Warum so viele das Geld nicht wollen, zeigen die Erlebnisberichte der 20-Minuten-Community.

von
Dominic Benz
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2020 haben  Schweizerinnen und Schweizer 6707 Erbschaften abgelehnt.

2020 haben Schweizerinnen und Schweizer 6707 Erbschaften abgelehnt.

Getty Images
2010 wurden noch 4494 Erbschaften abgelehnt. Die Zahl der ausgeschlagenen Erbschaften ist in zehn Jahren also um fast 50 Prozent gestiegen.

2010 wurden noch 4494 Erbschaften abgelehnt. Die Zahl der ausgeschlagenen Erbschaften ist in zehn Jahren also um fast 50 Prozent gestiegen.

20min/Celia Nogler
Die Hinterbliebenen wollen die Schulden der verstorbenen Person nicht begleichen.

Die Hinterbliebenen wollen die Schulden der verstorbenen Person nicht begleichen.

Tamedia / Nicole Pont

Darum gehts

  • Tausende Schweizerinnen und Schweizer verzichten jedes Jahr auf ihr Erbe.

  • Vergangenes Jahr waren es so viele wie noch nie.

  • Auch in der 20-Minuten-Community lehnten viele das Erbe ab und berichten über ihre Gründe.

  • Ein Erbrecht-Experte sagt, ob das sinnvoll ist.

Wer erbt, den ereilt der Geldsegen. Das mag für einige Menschen stimmen. Immerhin werden in der Schweiz jährlich rund 70 Milliarden Franken vererbt. Doch für viele ist das Erbe ein Graus – und sie verzichten freiwillig auf die Vermögenswerte beispielsweise der Eltern.

So haben Schweizerinnen und Schweizer im vergangenen Jahr 6707 Erbschaften abgelehnt. 2010 waren es noch 4494. Die Zahl der ausgeschlagenen Erbschaften ist in zehn Jahren also um fast 50 Prozent gestiegen, wie eine Erhebung zeigt. Grund für den Verzicht ist unter anderem die Angst vor Schulden.

Auch in der 20-Minuten-Community gibt es viele, die sich gegen das Erbe entscheiden. Das zeigen die Erlebnisberichte. Doch wie sinnvoll ist der Verzicht wirklich? Erbrechtsexperte Renato Sauter beim VZ Vermögenszentrum ordnet die Berichte ein und gibt Tipps.

«Ich will das Geld meines Vaters nicht»

Das sagt Andrea* (21): Ich werde das Erbe meines Vaters ausschlagen. Ich habe keinen Kontakt zu ihm und eine Namensänderung durchgezogen. Denn er war gewalttätig. Bei einem Gespräch 2018 hat er mir mal vorgeworfen, dass ich undankbar wäre. In diesem Moment habe ich beschlossen, dass ich nicht mal sein Geld oder die Liegenschaften nach seinem Tod haben will. Das sagt der Experte: Das ist verständlich. Aber dann müssen Sie innert drei Monaten nach Kenntnisnahme des Todes Ihres Vaters die Ausschlagung des Erbes bei Gericht erklären. Sofern Sie keinen Kontakt hatten, werden Sie als Tochter vom Gericht nach dem Ableben Ihres Vaters benachrichtigt – auch dann gelten drei Monate Frist.

«Verzichte aufs Erbe, weil ich Schulden habe»

Das sagt Leo* (39): Ich habe mit meinen Eltern abgesprochen, dass ich auf mein Erbe verzichte, weil ich Schulden habe. Der Staat würde mir mein Erbe sofort pfänden. Da gebe ich mein Erbe lieber an meine Angehörigen weiter, wo es viel nützlicher angelegt ist. Auch das Eigenheim meiner Eltern, in dem ich aufgewachsen bin, würde ich erben. Aber auch dieses würde der Staat wieder mir wegnehmen.Das sagt der Experte: Nach dem Ableben der Eltern kann man die Erbschaft ausschlagen, ganz unabhängig der Motive. Zu beachten ist aber, dass bei eigenen Schulden die Gläubiger eine Ausschlagung des Erbes gegebenenfalls anfechten können.

«Jetzt muss ich die Ergänzungsleistungen meiner Mutter zurückzahlen»

Das sagt Melanie* (58): Ich habe das Erbe von meiner Mutter angenommen, da sie keine Schulden hat. Was ich nicht wusste: Ich muss nachträglich für meine Mutter die zu viel geleisteten Ergänzungsleistungen in der Höhe von 2700 Franken zurückzahlen. Dazu kommen 1400 Franken für die Krankenkasse und 2400 Franken fürs Pflegeheim. Da meine Mutter zu wenig Geld hatte, musste ich das alles zahlen. Hätte ich das vorher gewusst, hätte ich das Erbe nicht angenommen.Das sagt der Experte: In einem solchen Fall wäre eine Ausschlagung wohl die bessere Lösung gewesen. Es ist richtig, dass man hier für die Schulden der Mutter mit dem eigenen Vermögen haftet. Bei Unsicherheit über eine überschuldete Erbschaft besteht jedoch die Möglichkeit, ein öffentliches Inventar zu verlangen, was jedoch auch Kosten auslöst. Dies muss innert Monatsfrist erfolgen und man haftet danach nur für die im Inventar aufgeführten Schulden.

«Ich müsste sowieso dem Sozialamt das geerbte Geld zahlen»

Das sagt Remo* (56): Ich werde zugunsten von meiner Schwester auf mein Erbe verzichten. Sie lebt von der Sozialhilfe und hat zwei erwachsene Kinder. Ich selbst beziehe seit elf Jahren Sozialhilfe. Das reicht mir, was will ich denn mit dem Erbe? Ich müsste sowieso dem Sozialamt das geerbte Geld zahlen.Das sagt der Experte: Die Ausschlagung der Erbschaft steht einem natürlich frei. Zu beachten ist hier, dass, falls man Kinder hat, diese an die Stelle treten. Somit müssten die Kinder die Erbschaft ebenfalls ausschlagen, damit wie hier die Schwester zum Zuge kommt.

«Meine Mutter hat 80’000 Franken Schulden»

Das sagt Jasmine* (52): Meine Mutter hat 80’000 Franken Schulden, seit sie das Geld beim Tod meines Vaters 1992 geerbt hatte. Da sie pensioniert ist, wird sie nicht mehr betrieben. Deshalb schlagen wir das Erbe aus, sollte sie sterben. Sie wird 79 im August 2021. Das sagt der Experte: Bei überschuldeten Nachlässen empfiehlt sich natürlich eine Ausschlagung. Dabei ist die Frist von drei Monaten ab Kenntnisnahme des Todes zu beachten. Zudem dürfen Sie sich nicht in den Nachlass einmischen, also keinerlei Vermögenswerte wie etwa Bilder oder Gegenstände aus der Wohnung oder dem Nachlass übernehmen.

«Meine Mutter hat alles ausgegeben»

Das sagt Kevin*: Nach dem Tod meines Vaters wollte ich sicherstellen, dass meine Mutter finanziell keine Sorgen hat. Ich war selbst gut genug aufgestellt und habe daher auf meinen Anteil verzichtet. Meine Mutter hat inzwischen fast alles ausgegeben - sie hat sich ein richtig schönes Leben gegönnt und das ist ja auch ok so. Ihr steht das viel eher zu als mir.Das sagt der Experte: Das ist eine schöne Geste gegenüber der Mutter. Ein solcher Verzicht kann aber als Schenkung angesehen werden. Und da in einigen Kantonen Schenkungen von Kindern an die Eltern besteuert werden, ist da Vorsicht geboten. Bei einer fristgerechten Ausschlagung der Erbschaft – im Gegensatz zu einem späteren Verzicht – entstehen keine Steuerfolgen.

*Name der Redaktion bekannt

Diese Fristen gelten bei Erbschaften:

Eine Erbschaft kann innerhalb von drei Monaten nach dem Tod einer Erblasserin oder eines Erblassers ausgeschlagen werden. Sind die finanziellen Verhältnisse nicht eindeutig, kann innerhalb von einem Monat nach dem Tod einer Person die Aufnahme eines öffentlichen Inventars verlangt werden. Wird eine Erbschaft nicht angenommen, geht das Erbe an die nächsten gesetzlichen Erben. Diese haben daraufhin ebenfalls drei Monate Zeit, um das Erbe auszuschlagen. Will keine erbberechtigte Person den Nachlass annehmen, wird das Geld der verstorbenen Person vom Konkursamt liquidiert. Das vorhandene Vermögen wird zur Deckung der Schulden verwendet. Bleibt ein Überschuss, so geht dieser an die Erbberechtigten.

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