Melanie (19): «Ich war bis zu 12 Stunden am Handy»
Aktualisiert

Melanie (19)«Ich war bis zu 12 Stunden am Handy»

Mittels einer App bemerkte Melanie* (19) ihr Suchtverhalten. Nun will sie Psychologin werden und Betroffenen helfen.

von
Remo Schraner

Dass ich handysüchtig bin, bemerkte ich erst vor einem Jahr. Im Studium sprachen wir gerade über den Umgang mit Handy und Internet. Also installierte ich einen Tracker, der mir zeigte, wie lange ich täglich am Handy bin: Knapp neun Stunden war ich mit meinem Smartphone beschäftigt. An den Wochenenden waren es bis zu zwölf Stunden. Wenn ich mich zurückerinnere, begann die Sucht wohl schon viel früher.

Memes halfen, wieder lachen zu können

Bereits mit 15 spielte ich alle möglichen Facebook-Spiele wie «Farmville» oder «Pet Society». Später begann ich, regelmässig die neuesten Bilder auf Instagram zu checken, um so auf dem Laufenden zu bleiben. Zudem halfen mir die Memes, ab und zu lachen zu können. Sonst chattete ich stundenlang auf Whatsapp und schrieb am Handy Fanfictions für verschiedenste Animes. Auch das Puzzlespiel «Candy Crush» war bei mir hoch im Kurs. Auf Youtube schaute ich Gaming-Videos, Dokumentationen und via Snapchat hielt ich mit meinen neu gefunden Online-Freunden Kontakt. Die fanden es natürlich cool, dass ich immer erreichbar war. Im echten Leben zog ich mich immer mehr zurück und hatte eigentlich keine Freunde mehr.

«Online war ich eine bessere Version von mir»

Online war es mir möglich, eine bessere Version von mir zu leben: Ich war selbstbewusst und beliebt. Das war wunderschön. Da ich ebenfalls unter Bulimie und Magersucht litt, tauschte ich mich auf Foren mit anderen Betroffenen aus. Zudem hatte ich auf meinem Handy Apps, die für mich meine Kalorien zählten. Meine Eltern waren nicht streng und liessen mich machen. Ausser, wenn sie mit mir redeten und ich, anstatt zuzuhören, am Handy war. Dann nahmen sie es mir weg. Aber ich konnte es schnell wieder zurückergattern. Ich wünschte, meine Eltern wären strenger gewesen.

Klinik und Freunde

Als zu meiner Essstörung auch Suizidgedanken und Depressionen dazu kamen, entschied ich mich in diesem Jahr für einen Klinikaufenthalt. Dort wurde dann auch meine Social-Media-Sucht thematisiert. In den fünf Wochen intensiver Therapie kam ich kaum noch dazu, mein Handy zu benutzen. Es gab keine Handyregeln. Trotzdem war ich nur noch drei Stunden pro Tag im Internet. Denn ich hatte einfach keine Zeit mehr dafür. Die Zeit in der Klinik half mir, mich auf das Positive in meinem Leben zu konzentrieren. So wurde mir bewusst, wie gut es meine Freunde aus der realen Welt mit mir meinen. Sie nehmen mich mit nach draussen und mein Freund unterstützt mich auf dem Weg zur Besserung. Ich glaube, sie wissen gar nicht, wie sehr sie mein Leben verändert haben. Ich bin ihnen unendlich dankbar!

Schlaf dank Hörbücher

Inzwischen habe ich eine eigene Wohnung und führe mein Studium fort. Ich will Psychologin werden. So kann ich später Leuten helfen, denen es ähnlich ergeht wie mir damals. Ich bin zwar noch immer süchtig nach den Social-Media-Apps, aber es wird besser. Pro Tag bin ich nur noch zwischen fünf und acht Stunden am Handy. Denn anstatt die ganze Nacht auf Instagram zu verbringen, höre ich nun vor dem Einschlafen Hörbücher.

*Name geändert

Serie: Handysucht

Teil 1: Maurice (24) zockte, bis er auf der Strasse landete

Teil 2: Melanie (19) war bis zu 12 Stunden am Handy

Teil 3: Facharzt Jochen Mutschler über die Handysucht

Handysucht in der Schweiz

Wer täglich mehrere Stunden mit dem Handy verbringt, ist nicht zwingend süchtig. Werden jedoch die Schulnoten schlechter, kann das ein Indiz dafür sein. Konkrete Zahlen zur Handysucht gibt es noch nicht, da die Forschung dazu noch in den Kinderschuhen steckt. Experten vermuten jedoch, dass 17 Prozent der Jugendlichen in der Schweiz an einer Handysucht leiden.

Suizidgedanken? Hier finden Sie Hilfe

Beratung:

Dargebotene Hand, Tel. 143, (143.ch)

Angebot der Pro Juventute: Tel. 147, (147.ch)

Kirchen (Seelsorge.net)

Anlaufstellen für Suizid-Betroffene:

Nebelmeer – Perspektiven nach dem Suizid eines Elternteils (Nebelmeer.net);

Refugium – Geführte Selbsthilfegruppen für Hinterbliebene nach Suizid (Verein-refugium.ch);

Verein Regenbogen Schweiz (Verein-regenbogen.ch).

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