Aktualisiert 26.06.2019 08:41

«Switzerländers»«Ich war die gute Seele vom Bahnhof Immensee»

Dank Hanny Inderbitzin (62) war der Bahnhof Immensee einige Jahre die wohl heimeligste Station der Schweiz.

von
Noah Zygmont / Julia Panknin

Das ist Hannys «Switzerländers»-Beitrag – und wo ist deiner? (Video: Manuel Täuber / Tarek El Sayed)

«Ich bin das erste Mal wieder hier, seit wir 2014 ausgezogen sind», sagt Hanny Inderbitzin ein bisschen wehmütig, als wir uns am Bahnhof Immensee SZ treffen. Zwölf Jahre lang war das kleine rosa Häuschen direkt am Gleis 1 ihr Zuhause und sieben davon auch ihr Arbeitsort. Es sei «ihr ganz persönliches, kleines Stück Schweiz» gewesen, weshalb sie es uns heute zeigen wolle.

«Unser Umfeld dachte, wir seien bekloppt, als wir hier einzogen», sagt die gebürtige Österreicherin, die seit 45 Jahren in der Schweiz lebt. Durch eine Aneinanderreihung von Zufällen und einer Portion Glück erfuhr die Familie Inderbitzin von der bald leerstehenden Wohnung am Bahnhof Immensee. Hanny und ihr Mann ergriffen die Chance. Fünf Jahr später wurde der Schalter am Bahnhof geschlossen, weshalb die Schalterhalle leer stand. Diese Gelegenheit wollte die heute 62-Jährige nutzen, um sich endlich ihren Traum zu erfüllen: ein eigenes, kleines Blumen-, Geschenke- und Dekorationslädeli.

Switzerländers - Videoaufruf

Switzerländers - Videoaufruf
(Video: M. Täuber / T. El Sayed)

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Schon vorher war sie im Freundes- und Familienkreis für ihr Talent bekannt gewesen: Brauchte jemand ein besonderes Blumenarrangement oder eine schicke Tischdekoration für eine Hochzeit, einen Geburtstag oder eine Trauerfeier, dann rief man Hanny an. Mit viel Freude und Liebe zum Detail machte die damalige Hausfrau diese dann bereit. Dass sie ihr Hobby einmal zum Beruf machen würde und dass alles sogar in einer ehemaligen Schalterhalle eines Bahnhofs Wirklichkeit werden würde, hätte Hanny aber selbst nicht gedacht.

Direkt neben vier Gleisen, zehn Parkplätzen und oberhalb der rauschenden Hauptstrasse zu leben, tönt irgendwie auch nicht nach einem Traum. «Die Geräuschkulisse war anfangs schon etwas anstrengend», meint Hanny. «Ich hatte mich aber schon nach wenigen Monaten an den Lärm gewöhnt, und die einzigartige Aussicht auf den Zugersee hat das für mich wieder ausgeglichen.»

«Es kam oft vor, dass mir jemand aus einem Zug zuwinkte»

Sie habe es sich ausserdem richtig schön gemacht: Statt nur den ehemaligen Schalterraum in einen Laden umzubauen, habe sie versucht, der ganzen Umgebung etwas Heimeliges zu geben. Deshalb habe sie ringsherum Blumen gepflanzt und eine Parkbank zum Verweilen hingestellt. Dass an diesem Bahnhof etwas anders war als an anderen, fiel offenbar auch einigen der vorbeifahrenden Zugpassagieren auf: «Es kam oft vor, dass mir jemand aus einem Zug zuwinkte und mir so ein Lächeln ins Gesicht zauberte», schwelgt Hanny in Erinnerungen.

Besonders wertvoll sei für sie der Kontakt zu ihren Kunden gewesen: «Wenn immer möglich lud ich sie auf einen Kaffee ein, um ein wenig zu plaudern. Es waren auch Wildfremde darunter, die unterschiedlicher kaum sein konnten.» Irgendwann seien die Menschen auch einfach mit ihren Sorgen vorbeigekommen und mit viel Liebe im Herzen wieder gegangen. «Ich war sozusagen die gute Seele vom Bahnhof Immensee.»

«Den Laden aufzugeben, war nicht unsere Entscheidung.»

Ein paarmal habe sie auch brenzlige Situationen miterlebt. So sei sie mehrmals zur Hilfe geeilt, als sich offensichtlich jemand das Leben habe nehmen wollen: «In solchen Momenten hatte ich den Röhrenblick und wusste ganz genau, was ich tun musste.» Auch dafür, dass der Bahnhof nicht zum Treff von Drogensüchtigen wurde, habe sie zu sorgen versucht: «Deshalb nannten mich einige im Dorf auch den ‹Bahnhofsdrachen›», sagt Hanny herzlich lachend.

Dann stellen wir die Frage, die schon lange im Raum steht: Wieso habt ihr das Lädeli am Bahnhof aufgegeben, Hanny? Sie blickt zu Boden. Leise sagt sie: «Das war nicht unsere Entscheidung.» Dann holt sie Luft und fängt an, ausführlich und von Emotionen geschüttelt zu erzählen, was passierte. Von der überraschenden Kündigung mit der einfachen Begründung, «die Vertragsdauer lässt die Kündigung zu» und von ihrem nur teils erfolgreichen Versuch, dagegen anzukämpfen.

«Wir fahren mit unserem Camper nach Norwegen»

Eigentlich habe sie mit dem damaligen Verantwortlichen eine mündliche Abmachung gehabt, dass sie mindestens zehn Jahre bleiben könnten. Nur unter diesen Voraussetzungen habe sie damals entschieden, ihre Pensionskasse in den Um- und Aufbau des Lädelis zu stecken, erklärt sie. «Mein ganzes Geld steckte da drin, ich wollte wenigstens einen Teil zurück.» Nach zwei anstrengenden Jahren habe sie den Streit aber sattgehabt und versucht, in die Zukunft zu blicken.

Nur ein kleines Stück die Strasse hoch habe sie ihr Lädeli wiedereröffnet. Doch die Wunden blieben, und so richtig dasselbe wurde es eben nie. Dieses Jahr hat sie dann beschlossen, ihre Selbstständigkeit aufzugeben und sich zur Ruhe zu setzen. Mithilfe eines Totalausverkaufs möchte sie ihr Geschäft BluGeDe auflösen, vorher brauche sie allerdings noch ein wenig Erholung: «Jetzt machen mein Mann und ich Ferien. Wir fahren mit unserem Camper nach Norwegen, davon träumen wir schon sehr lange. Endlich geht es los», strahlt Hanny. Wenn sie zurück seien, gehe die Auflösung ihres Traumlädelis dann in die Endphase.

Als Hanny Inderbitzin von «Switzerländers» hörte, überlegte sie nicht lange. Sie wollte ihre Sicht auf ihr Land unbedingt einbringen. Jetzt hast du «ihre Schweiz» kennen gelernt – und wie sieht deine aus? Teile dein Video auf switzerlanders.20min.ch mit uns!

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