13.01.2017 16:39

Nacktes Gesicht

Ich war eine Woche lang ungeschminkt

Ohne Farbe im Gesicht fühle ich mich nackt und unsicher. Um mich meinen Dämonen zu stellen, lege ich eine Make-up freie Woche ein und lasse Foundation und Mascara links liegen.

von
Allegra Wolff

Make-up ist für mich nicht nur irgendwelches Zeug, das ich mir morgens im Halbschlaf ins Gesicht klatsche – es ist teils Kriegsbemalung und teils Schutzschild, eine Trennwand zur Aussenwelt sozusagen. Komplett «nackt» im Gesicht sehe ich nämlich aus wie ein pubertierendes Kellerkind, das ausschliesslich billige Ramennudeln in sich reinstopft. Das bedeutet nicht, dass ich mich au naturel hässlich finde, nur bin ich ungeschminkt eben nicht so selbstbewusst. Und das stört mich. Deswegen werde ich eine Woche lang meinen heissgeliebten Eyeliner keines Blickes würdigen und auch Pinsel, Lippenstift und Puder links liegen lassen, um meine innere Alicia Keys zu channeln.

Die Woche beginnt super: Gleich am ersten Tag meines Experiments straft mich mein wütender Uterus mit einer Blutlache in meiner Unterhose – Periodenpickel sind sowas von vorprogrammiert. Die Umstellung hat aber auch ihre guten Seiten: Als absoluter Morgenmuffel freue ich mich über die zusätzliche halbe Stunde, die ich nun länger unter der Decke verbringen kann. Als ich dann aus der Tür husche und zur Arbeit gehe, fühle ich mich trotzdem irgendwie «unfertig» und wie eine ausgewaschene Version von mir.

Periodenpickel und peinliche Dates

Die Reaktionen meiner Arbeitskollegen überraschen mich dann doch etwas: «Hab ich mir irgendwie schlimmer vorgestellt», ist der allgemeine Tenor. Vor dem Klospiegel dann der Schreckmoment: Er ist da – der erste fiese rote Periodenpickel strahlt mir von meinem Kinn entgegen. Er ist gross. Gross genug, um ihm einen Namen zu geben. Nichts, wirklich gar nichts wünsche ich mir gerade so herbei, wie Concealer. Geht aber nicht. Also verstecke ich mich für den Rest des Tages hinter meinem dicken Schal und schaue allen nur so ein bisschen in die Augen, weil ich mich für meinen Kevin schäme.

Eine weitere tolle Entdeckung, die ich während der Woche mache: Ich kann mir im Gesicht rumreiben und sehe danach nicht aus wie ein trauriger Pandabär. Vielleicht ist diese ganze kein-Make-up-Sache doch nicht so schlimm. Denke ich – bis mein Crush nach einem Date fragt. Morgen. Oh boy. Ich sage zu und hasse mich dafür.

«Du siehst irgendwie krank aus»

Das Bier ist gross, mein Mut ist klein. Deswegen beschliesse ich, mir den fehlenden Mut einfach anzutrinken bevor mich besagter Crush sieht. Nach dem zweiten geexten Bier auf nüchternen Magen merke ich, dass die Aktion eher so semi-durchdacht war. Nach einer Weile werde ich gefragt: «Geht's dir gut? Du siehst irgendwie krank aus». Ich stelle mich darauf ein, alleine nach Hause zu gehen.

Die Tage ziehen sich wie altes Kaugummi. In meinem Kopf rattert der Countdown. Am letzten ungeschminkten Abend merke ich, dass ich trotz meiner anfänglichen Bedenken froh bin, diesen Selbsttest auf mich genommen zu haben: Meine Haut konnte mal länger als ein Wochenende durchatmen, ich fühle mich dank des zusätzlichen Schlafs ausgeruhter und bin generell entspannter, mich meiner Umwelt so zu präsentieren, wie ich nun mal aussehe. Ich weiss also: Ungeschminkt zu sein ist okay für mich, aber ich fühle mich dabei nicht wie ich selbst. Oberflächlich bin ich deshalb trotzdem nicht – und freue mich als ich am nächsten Morgen zu meiner gewohnten Routine zurückkehren kann.

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