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Minsk-Schweizerin vor Gericht«Ich war mir sicher, dass ich sterben würde»

Am Donnerstag hat der Prozess gegen die in Minsk verhaftete Schweizerin Natalie Hersche begonnen. Vor Gericht berichtet sie von Todesangst während ihrer Verhaftung. Die Staatsanwaltschaft fordert eine mehrjährige Haftstrafe für die Demonstrantin.

von
Joel Probst
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Der Gerichtsprozess gegen die im September an einem Frauenrechtsmarsch in Minsk verhaftete Schweizerin hat begonnen.

Der Gerichtsprozess gegen die im September an einem Frauenrechtsmarsch in Minsk verhaftete Schweizerin hat begonnen.

Menschenrechtsorganisation Viasna
Die weissrussische Staatsanwaltschaft fordert zweieinhalb Jahre Haft für die 51- jährige Natalie Hersche.

Die weissrussische Staatsanwaltschaft fordert zweieinhalb Jahre Haft für die 51- jährige Natalie Hersche.

zvg
Der schweizerisch-weissrussische Doppelbürgerin (im Bild mit ihrem Partner) wird vorgeworfen, sie habe einem 22-jährigen Bereitschaftspolizisten die Sturmhaube zerrissen und ihn im Gesicht gekratzt, als dieser sie verhaften wollte.

Der schweizerisch-weissrussische Doppelbürgerin (im Bild mit ihrem Partner) wird vorgeworfen, sie habe einem 22-jährigen Bereitschaftspolizisten die Sturmhaube zerrissen und ihn im Gesicht gekratzt, als dieser sie verhaften wollte.

zvg

Darum gehts

  • Natalie Hersche wurde im September in Minsk an einer Demonstration verhaftet.

  • Jetzt steht die Schweizerin in Weissrussland vor Gericht.

  • Sie berichtet von Todesangst, als sie während des Protests von Polizisten in einen Lastwagen verfrachtet worden sei.

  • Die Staatsanwaltschaft fordert mehrere Jahre Gefängnis für die Demonstrantin, weil sie Widerstand geleistet habe.

Heute entscheidet sich das Schicksal von Natalie Hersche: Entweder kommt die schweizerisch-weissrussische Doppelbürgerin nach über zwei Monaten Gefangenschaft frei. Oder aber sie bleibt womöglich für Jahre in einem weissrussischen Gefängnis hinter Gittern.

Die 51-Jährige St. Gallerin wurde am 19. September während eines Protestmarschs für Frauenrechte in der weissrussischen Hauptstadt Minsk verhaftet. Die Justizbehörden werfen Hersche vor, sie habe Widerstand gegen die Polizei geleistet.

Schweizerin soll Polizisten gekratzt haben

Am 3. Dezember begann in Minsk der Prozess gegen Hersche, heute wird das Urteil erwartet. Die weissrussische Menschenrechtsorganisation Viasna beobachtete die Gerichtsverhandlungen und verfasste einen Bericht, aus dem erstmals hervorgeht, was der Schweizerin genau vorgeworfen wird.

Die 51-Jährige soll laut der Staatsanwaltschaft bei den Protesten einem 22-jährigen Bereitschaftspolizisten die Sturmhaube zerrissen und ihn im Gesicht gekratzt haben, als dieser sie verhaften wollte. Vor Gericht forderte der Polizist von Hersche gemäss dem Bericht eine Entschädigung von knapp 350 Franken für «immaterielle Schäden».

Von Konvoi in Gerichtsaal gebracht

Die Schweizerin wurde von einem ganzen Konvoi in den Gerichtssaal gebracht. Dort musste sie während der Verhandlung in einem grauen Gitter auf einer Holzbank Platz nehmen.

Am Frauenmarsch hätten Männer in olivgrünen Uniformen plötzlich und ohne sich auszuweisen, damit begonnen, sie und andere Frauen in Lastwagen zu verladen, sagt Hersche vor dem Richter aus. «Ich war mir sicher, dass ich auf dem Weg zu meinem Tod war.» Deshalb habe sie versucht zu fliehen.

Staatsanwalt fordert 2½ Jahre Gefängnis

Während Hersches Anwältin einen Freispruch fordert, besteht die weissrussische Staatsanwaltschaft darauf, dass Hersche dem Polizisten körperliche Schmerzen und seelisches Leid zugefügt habe und dafür bestraft werden müsse. Gemäss dem Bericht fordert der Staatsanwalt dafür eine Freiheitsstrafe von zwei Jahren und sechs Monaten in einem weissrussischen Gefängnis.

Lars Bünger, Präsident der Schweizer Menschenrechtsorganisation Libereco, die denn Fall eng verfolgt und mit einer Petition die Freilassung von Hersche fordert, ist trotz allem optimistisch: «Wir hoffen sehr, dass Natalie heute freigelassen wird.» Dass bereits jetzt ein Prozess gegen sie stattfinde, sei ein positives Zeichen. «Denn viele andere inhaftierte Demonstranten warten monatelang auf ein Gerichtsverfahren.»

In einem Telefonat mit dem weissrussischen Aussenminister forderte auch Bundesrat Ignazio Cassis vor rund einem Monat die Freilassung der Schweizerin. Der Botschafter für Weissrussland, Claude Altermatt, beobachtet zudem den Prozess in Minsk als Vertreter der Schweiz.

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30 Kommentare
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Delta63

07.12.2020, 10:54

Wie das auch immer herauskommen wird, als Doppelbürgerin war ihr sicher klar, auf was sie sich einlässt. Ich hoffe, sie muss für die der Schweiz entstehenden Kosten auch einstehen.

Kein Mitleid

07.12.2020, 10:53

Die Dame ist ja gebürtige Weissrussin. Sie sollte doch wissen, wie es da abläuft und hat sich selbst in diese Situation gebracht. Natürlich ist es mutig sowas zu tun, das bezweifelt auch keiner, aber wenn man doch genau weiss, was passiert, soll man im Nachhinein nicht heulen. Auch wenn es Unrecht ist.

Ok

07.12.2020, 10:51

Richtig so, als Schweizerin im Ausland demonstrieren?!?!