Lovely me: «Ich war schon mit 14 Jahren heroinsüchtig»
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Lovely me«Ich war schon mit 14 Jahren heroinsüchtig»

Silvia (37) hat mit zwölf angefangen zu rauchen und zu trinken, die harten Drogen folgten schnell. Über zehn Jahre hat es gedauert, bis sie ihr Leben wieder in den Griff bekommen hat.

von
Deborah Gonzalez
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Silvia (37) ist Yogalehrerin. Doch ihr Leben hatte sie nicht immer so im Griff …

Silvia (37) ist Yogalehrerin. Doch ihr Leben hatte sie nicht immer so im Griff …

Privat
Mit 14 Jahren wurde sie zum Punk und war bereits seit über einem Jahr heroinsüchtig.

Mit 14 Jahren wurde sie zum Punk und war bereits seit über einem Jahr heroinsüchtig.

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Ihre Drogensucht trieb sie in die Prostitution. «Ich musste mindestens 200 Franken pro Tag verdienen, um mir meine Sucht leisten zu können», erzählt die Walliserin.

Ihre Drogensucht trieb sie in die Prostitution. «Ich musste mindestens 200 Franken pro Tag verdienen, um mir meine Sucht leisten zu können», erzählt die Walliserin.

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Darum gehts

  • Mit 13 Jahren wurde Silvia alkoholsüchtig, mit 14 heroinsüchtig und im Alter von 15 Jahren war sie gefangen in der Prostitution.

  • Immer wieder versuchte sie vom Leben in der Abhängigkeit wegzukommen: Vier Jahre war sie clean – dann der Rückfall.

  • Über zehn Jahre war sie süchtig, bis sie von den Drogen wegkam.

  • Heute ist Silvia Yogalehrerin und will anderen ein Vorbild sein.

«Ich war ein glückliches Kind. Erst als ich zwölf Jahre alt war, hat sich alles verändert. Ich kann gar nicht sagen, woran es lag. Plötzlich war mir alles zu viel, ich wollte aus dem System ausbrechen. Ich rasierte meine Haare ab und suchte mir neue Freunde. Mit 13 fing ich mit dem Rauchen und Trinken an. Danach ging alles sehr schnell. Es dauerte nicht lange, bis ich kiffte und Ecstasy probierte. Diese Welt zog mich magisch an.

Als die Drogen und der Alkohol nicht mehr reichten, versuchte ich es mit Heroin. Die Droge fühlte sich an wie eine Explosion, ich kann das gar nicht beschreiben. Ich wollte dieses Gefühl immer und immer wieder spüren. Keine acht Stunden nach der letzten Einnahme hatte ich schon Entzugserscheinungen, und da wusste ich: Ich bin süchtig. Mit nur 14 Jahren.

«Meine Eltern sind aus allen Wolken gefallen»

Auf einmal war ich in einem Teufelskreis gefangen: Ich brauchte jeden Tag um die 200 Franken, um meine Sucht stillen zu können. Zunächst klaute ich, um an Geld zu kommen, irgendwann landete ich dann auf dem Strich – es war keine wirkliche Entscheidung, sondern schlicht, weil ich keine andere Möglichkeit hatte.

Dass ich heroinsüchtig war, haben meine Eltern herausgefunden, weil mich die Polizei damit erwischte. Mit 15 Jahren musste ich deshalb mehrere Tage in Untersuchungshaft und vor den Jugendrichter. Meine Eltern sind aus allen Wolken gefallen. Trotzdem standen sie immer hinter mir und waren für mich da. Ich verdanke ihnen mein Leben – das weiss ich heute.

«Ich bin fast daran gestorben und habe trotzdem weitergemacht»

Mit 16 musste ich in Therapie. Vier lange Jahre lebte ich in einer Klinik und war clean. Bis ich wieder rauskam. Ich wusste, dass ich rückfällig werden würde. Ich war noch nicht ganz unten angekommen und auch noch nicht richtig auf die Fresse gefallen. Meine Sucht wurde immer schlimmer. Ich bin fast daran gestorben und habe trotzdem immer weitergemacht.

In dieser langen Zeit ekelte ich mich vor mir selbst, zerbrach innerlich und verlor jegliche Gefühle. Ich war eine leere, emotionslose Hülle – anders hätte ich das Ganze aber auch nicht überlebt. Dann, von einem Tag auf den anderen, im Alter von 25 Jahren, änderte sich alles: Es hat mich wie eine Welle getroffen, auf einmal ging nichts mehr. Ich hatte keine Kraft mehr. Ich wusste: Ich muss sofort aufhören oder ich sterbe.

«Ich habe mich geschämt»

Es ging zwar aufwärts, die schwerste Aufgabe stand mir aber noch bevor: In all den Jahren hatte ich meine Identität verloren. Ich war jahrelang nur «die Süchtige» und auf einmal war ich nichts mehr. Ich fühlte mich anderen gegenüber minderwertig und schämte mich für meine Tattoos und Piercings – und für mich.

Von diesen dunklen Gedanken bin ich dank dem Yoga weggekommen. Dadurch lernte ich eine ganz neue Denkweise. Heute kann ich mich so akzeptieren, wie ich bin. Diese Geschichte ist Teil meines Lebens und macht mich aus. Ich will ein Beispiel sein für andere. Meine Vergangenheit zeigt: Das Leben kann schmerzhaft sein, aber es geht immer weiter – man darf nur nicht den Glauben verlieren.»

«60 Prozent der Heroinsüchtigen haben mindestens eine psychische Störung »

Expertenmeinung

Ingo Butzke, Chefarzt Klinik für Psychose und Abhängigkeit.

Ingo Butzke, Chefarzt Klinik für Psychose und Abhängigkeit.

Klinik Psychiatriezentrum Münsingen

Herr Butzke, was ist aus den Menschen aus der damaligen Drogenszene geworden?

Damals war die Drogenproblematik im offenen Raum sehr präsent. Viele von den damaligen Süchtigen haben Hepatitis C und HIV bekommen. Gebessert hat sich die Situation erst dank dem «Vier Säulen Modell»: Prävention, Therapie, Repression und Schadensminderung. Dadurch wurde es möglich, die Patienten wirkungsvoll zu therapieren und weitere Krankheiten zu vermeiden. Trotzdem sind viele an Überdosis oder Krankheiten gestorben. Mit den Jahren ist die Todesrate signifikativ gesunken.

Haben sie Zahlen zu der damaligen Heroin-Situation? Wie sieht es heute aus?

In den Hochjahren, also den 90ern, sind hierzulande pro Jahr ungefähr 400 Menschen an Heroin gestorben. 2021 waren es insgesamt 150. Aktuell gibt es 25’000 Abhängige in der Schweiz, mit sinkender Tendenz. Männer sind hier doppelt so häufig betroffen wie Frauen.

Was macht der frühe Heroinkonsum mit einem Kind und mit dem*r späteren Erwachsenen?

Das Gehirn ist in den Kinderjahren besonders sensibel, weil es noch nicht ausgereift ist. Man kann sagen, dass das Gehirn mit jedem Schuss leidet und in der Konsequenz über die Jahre hinweg schrumpft. Die Langzeitfolgen sind bei Abschluss der körperlichen Reife immer gleich – egal in welchem Alter man anfängt.

Wie sehen diese Folgen aus?

Hier spielen viele verschiedene Faktoren eine Rolle. Es kommt darauf an, ob man saubere Spritzen benutzt, genauso auch auf die Qualität des Heroins und ob es verunreinigt ist. Ausserdem macht es einen Unterschied, ob man Heroin raucht oder spritzt. Weitere Einflussfaktoren sind die eingenommene Dosis und die Dauer des Konsums. Die Folgen können neben Hepatitis C und HIV unter anderem sein: Gelenkbeschwerden, chronische Lungenerkrankung, Magengeschwüre, Diabetes. Die Sexualhormone werden unterdrückt, sprich Frauen kriegen keine Periode mehr und Männer haben weniger Libido und eine schlechtere Erektionen. Je nachdem kann sich die Lebenszeit enorm verkürzen. 

Welche Begleiterscheinungen können hier auftreten?

Hier sprechen wir vom Verlust von Partnern und Freunden durch den Drogenkonsum, dem geistigen Abbau sowie von der absinkenden Lebensqualität. Einige Heroinsüchtige rutschten in die Beschaffungskriminalität ab. 60 Prozent haben mindestens eine psychische Störung wie schwere Depressionen und Angststörungen. 30 Prozent leiden an einer posttraumatischen Belastungsstörung.

Entsprichst du nicht den klassischen Schönheitsidealen, hast du viele Tattoos oder Body-Modifications? Hast du eine Krankheit, mit der du zu leben gelernt hast, oder hattest du einen Unfall, und seither ist alles anders, aber nicht unbedingt schlechter? Dann erzähle uns davon im Formular!

Für unser Format «Lovely Me» suchen wir Männer und Frauen, die nicht den klassischen Idealen unserer Zeit entsprechen und sich trotzdem – oder gerade deswegen – wohlfühlen. Zeig dich, lasse uns an deinen Erfahrungen mit Selbstliebe und Body-Positivity teilhaben: 

Hast du oder hat jemand, den du kennst, Probleme mit Alkohol?

Hier findest du Hilfe:

Sucht Schweiz, Tel. 0800 104 104

Blaues Kreuz Schweiz, Beratungsstellen

Safezone.ch, anonyme Onlineberatung bei Suchtfragen

Feel-ok, Informationen für Jugendliche

My Drink Control, Selbsttest

Hast du oder hat jemand, den du kennst, ein Problem mit illegalen Drogen?

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Sucht Schweiz, Tel. 0800 104 104

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Infodrog, Information und Substanzwarnungen

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