IS-Twitterer: «Ich war wie besessen vom Islamischen Staat»
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IS-Twitterer«Ich war wie besessen vom Islamischen Staat»

Ein junger Finne twittert für die Terrormiliz Islamischer Staat. Dann steigt er aus – und erzählt von seiner Zeit in der IS-Propaganda-Maschine.

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cfr
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Mit dem Bild eines anonymen IS-Kämpfers twitterte Abdullah für die Terrormiliz.

Mit dem Bild eines anonymen IS-Kämpfers twitterte Abdullah für die Terrormiliz.

Er sei ein «Diplomat für den IS», sagte er und postete brutale Fotos und Videos, Auszüge von religiösen Texten, Neuigkeiten vom Schlachtfeld sowie brutale, hassdurchzogene Propaganda für die Terrormiliz. Mittlerweile hat er die Seiten gewechselt.

Er sei ein «Diplomat für den IS», sagte er und postete brutale Fotos und Videos, Auszüge von religiösen Texten, Neuigkeiten vom Schlachtfeld sowie brutale, hassdurchzogene Propaganda für die Terrormiliz. Mittlerweile hat er die Seiten gewechselt.

Der Twitter-Account Mujaahid4Life hat zeitweise fast 11'000 Follower – es ist der am zweitmeisten gefolgte englischsprachige IS-Twitter-Account. Dahinter steckt ein junger Finne, Abdullah. Im November 2012 konvertiert der damals 17-Jährige zum Islam – ohne je im Nahen Osten gewesen zu sein. Die Zeremonie führt der aus einer Atheisten-Familie stammende Junge in seinem Zimmer durch. «Er hatte keine Freunde und kein Sozialleben», sagt seine Mutter der amerikanischen Online-Zeitung Newsweek. «Ich hatte Angst um ihn.»

Auf Twitter erhält Abdullah Anerkennung. Er fängt an, Propaganda für die al-Nusra-Front, einen Ableger der al-Qaida, zu verbreiten. Dann wechselt er zur Terrorgruppe Islamischer Staat (IS). Von Finnland aus tweetet er, was das Zeug hält: Schreckliche Fotos und Videos, Auszüge von religiösen Texten, Neuigkeiten vom Schlachtfeld, hassdurchzogene Botschaften der Terrormiliz. Er sei ein «Diplomat für den IS», sagte er letztes Jahr gegenüber der amerikanischen Online-Zeitung Newsweek.

«Du fühlst dich als Teil eines Ganzen»

Im Frühjahr 2013 beschliesst Abdullah, dass seine Arbeit im Netz nicht ausreicht. Er will nach Syrien reisen. Doch dazu kommt es nicht: Der finnische Geheimdienst klopft an seine Tür und hält ihn auf. Der junge Finne bleibt zuhause und verbreitet weiter IS-Propaganda übers Internet – denn auch das hat seinen Reiz: «Du fühlst dich als Teil eines Ganzen», so Abdullah. Und strafbar mache er sich damit in Finnland nicht, sagt Charlie Winter von der Quilliam Foundation, «solange er nicht aktiv Mitglieder rekrutiert».

Im Oktober 2014 passiert etwas, das alles verändert. Der IS exekutiert die britische Geisel Alan Henning, und stellt ein Video davon ins Netz. Abdullah sucht eine Erklärung für die Tat im Islam, findet aber keine. Auch seine Online-Community lässt ihn ihm Stich. Abdullah ist desillusioniert. Zusätzlich geht Twitter Ende Jahr massiv gegen Accounts von IS-Anhängern vor. Auch Abdullahs Account wird geschlossen. Der Jugendliche ist mittlerweile so skeptisch, dass er sich die Mühe spart, einen neuen Account zu erstellen. Er kehrt den radikalen Auslegungen des Islam den Rücken und schwört dem IS ab.

«99 Prozent der Radikalisierung passiert online»

Schuld für seine schnelle Radikalisierung 2012 gibt Abdullah dem Internet: «99 Prozent der Rekrutierung passiert heutzutage online.» Einmal in der IS-Mentalität gefangen, ist es schwer, einen Ausweg zu finden: «Als ich in der IS-Seifenblase war, waren meine Gedanken sehr emotional gesteuert», sagt er jetzt. «Ich war wie besessen.»

Mittlerweile will Abdullah andere junge Menschen von der Radikalisierung abhalten – dazu greift er ebenfalls zu Twitter. «Junge Muslime sollen zu den Ursprüngen des Islam zurückkommen und aus der Seifenblase heraustreten. Wir sollten uns daran halten, was die Religion uns vorgibt, nicht an die Interpretationen von irgendwelchen Menschen.»

Sein Richtungswechsel ist nicht immer leicht für den jungen Mann: «Zuerst habe ich andere als Ungläubige bezeichnet. Jetzt werde ich als solcher beschimpft. Das ist nicht immer einfach», seufzt er. «Es ist ziemlich ironisch.»

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