Streit um Besuchsregelung - «Ich weiss nicht mal, wie meine Tochter (1) aussieht»
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Streit um Besuchsregelung«Ich weiss nicht mal, wie meine Tochter (1) aussieht»

Obwohl er ein regelmässiges Besuchsrecht hat, hat D.S. seine Tochter im letzten Jahr nur drei Stunden gesehen. Konflikte zwischen Eltern sind laut der Kesb während Corona schlimmer geworden.

von
Noah Knüsel
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D.S. hat ein schwieriges Jahr hinter sich, wie er sagt. «Seit Juni 2020 habe ich meine mittlerweile einjährige Tochter nur drei Stunden gesehen», so S.

D.S. hat ein schwieriges Jahr hinter sich, wie er sagt. «Seit Juni 2020 habe ich meine mittlerweile einjährige Tochter nur drei Stunden gesehen», so S.

20min/Noah Knüsel
«Ich stehe konstant unter Stress und fühle mich hilflos», so S.

«Ich stehe konstant unter Stress und fühle mich hilflos», so S.

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Beim letzten Treffen hätten sie stundenlang durchgespielt. Danach habe sich die Mutter aber geweigert, die Tochter weiterhin zu den Besuchsterminen zu bringen.

Beim letzten Treffen hätten sie stundenlang durchgespielt. Danach habe sich die Mutter aber geweigert, die Tochter weiterhin zu den Besuchsterminen zu bringen.

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Darum gehts

  • Ein rechtskräftiges Urteil gesteht D.S. aus Winterthur ein regelmässiges Besuchsrecht für seine kleine Tochter zu.

  • Trotzdem hat er sie im letzten Jahr nur drei Stunden gesehen, wie er sagt.

  • Solche Fälle sind laut Kesb wegen der Pandemie komplizierter geworden.

  • «Urteile wie dieses sind extrem schwierig durchzusetzen», sagt eine Rechtsprofessorin.

D.S. aus Winterthur ist frustriert: «Seit über einem Jahr habe ich meine mittlerweile 18-monatige Tochter nur drei Stunden gesehen», sagt er. Und das, obwohl ihm eigentlich viel mehr Besuchszeit zustehe.

Das entsprechende Gerichtsurteil vom Oktober 2020 liegt 20 Minuten vor. Darin wird festgehalten, dass die Eltern das gemeinsame Sorgerecht für die Tochter hätten. Und dass S. «berechtigt und verpflichtet» sei, seine Tochter pro Monat zwei Mal während drei Stunden zu besuchen.

«Fühle mich hilflos»

Es sei ein schwieriges Jahr gewesen, sagt S. Im Juni 2020 hätten er und seine Ehefrau sich getrennt. Nach dem Urteil im Eheschutzverfahren (siehe Box) vom Oktober sei im Dezember eine Kesb-Beiständin eingesetzt worden: «Meine Tochter habe ich Ende Januar zum ersten Mal kurz wieder gesehen», so S. Ein erster begleiteter Besuchstermin von drei Stunden sei dann im Februar angesetzt worden. Entsprechende Mails und Dokumente liegen 20 Minuten vor.

«Wir haben drei Stunden lang durchgehend gespielt», so S. Ihm sei der Besuch sehr positiv in Erinnerung geblieben. Danach habe sich die Mutter aber geweigert, die Tochter weiterhin zu den Besuchsterminen zu bringen. Die ganze Situation habe ihn psychisch so belastet, dass er Ende Februar zusammengebrochen sei. S. sagt, er habe zwei Monate lang stationär behandelt werden müssen.

«Ich stehe konstant unter Stress und fühle mich hilflos», so S. Langsam wisse er nicht mehr, wie es weitergehen soll: «Ich weiss im Moment nicht mal, wie meine Tochter aussieht.»

Was ist ein Eheschutzverfahren?

Trennt sich ein Ehepaar mit minderjährigen Kindern, wird oft ein Eheschutzverfahren eingeleitet. Dabei sollen sich die Eltern unter anderem über die Zahlung von Unterhalt und Besuchszeiten einigen. Hält sich ein Ehepartner nicht an die Abmachung, kann sie dann juristisch vollstreckt werden. Oft dient ein Eheschutzverfahren als Vorbereitung für eine Scheidung.

Emotionales Verfahren

Anwalt Simon Kümin hat S. im Eheschutzverfahren vertreten: «Es wurde sehr emotional geführt», sagt er. «Die Situation war höchst angespannt – auch die Polizei war involviert.» Beide Elternteile hätten sich gegenseitig viel vorgeworfen, so der Anwalt: «Das machte es auch extrem schwierig für die beiden, miteinander zu kommunizieren.»

Für S. sei die im Urteil festgehaltene Lösung in diesem Moment akzeptabel gewesen, so Kümin: «Die Idee war, dass der Kontakt zwischen Vater und Tochter mit der Zeit immer weiter intensiviert wird.» Dass das nicht funktioniert habe, sei für S. sicher sehr frustrierend, sagt der Anwalt.

Die Ex-Partnerin von S. und deren Anwältin reagierten nicht auf wiederholte Anfragen von 20 Minuten.

Familienrechts-Expertin Annina Berchtold.

Familienrechts-Expertin Annina Berchtold.

Bratschi Rechtsanwälte

Expertin: «Regelmässiger Kontakt zwischen Eltern und Kindern ist elementar»

Für das Festlegen der Besuchsregelung bei kleinen Kindern spielten viele Faktoren eine Rolle, so Familienrechts-Anwältin Annina Berchtold. Grundsätzlich sei in diesem Alter die Konstanz sehr wichtig. Der regelmässige Kontakt mit beiden Elternteilen sei zudem elementar, damit das Kind eine Bindung aufbauen könne: «Gerade Kleinkinder vergessen schnell und nehmen ihre Eltern schon nach relativ kurzer Zeit nicht mehr als solche wahr.» Wird die Besuchsregelung nicht eingehalten, gibt es laut Berchtold mehrere Möglichkeiten: «Es ist möglich, dass der fehlbare Elternteil zur Einhaltung des Besuchsrechts angewiesen wird und im Falle des Nichteinhaltens dieser Weisung mit einer Busse bestraft werden kann.» Das allein garantiere aber nicht, dass die Besuchsregelung dann auch tatsächlich umgesetzt werde, so die Anwältin. «Weiter kann eine Beistandsperson eingesetzt werden und versuchen, zwischen den Eltern zu vermitteln oder bei der Umsetzung des Besuchsrechts zu unterstützen.» Schliesslich gebe es noch die Möglichkeit das Kind mit der Polizei zum anderen Elternteil zu bringen, sagt Berchtold: «Das macht man in der Praxis aber praktisch nie, weil das für das Kind sehr traumatisierend wirken kann.»

Kesb hat mehr Arbeit

Streitigkeiten zwischen Eltern hätten sich während der Pandemie tendenziell zugespitzt, so Karin Fischer, Präsidentin der Kesb Winterthur-Andelfingen: «Covid hat unsere Arbeit erschwert.» Es sei schwieriger gewesen, den Zugang zu betroffenen Familien zu finden, sagt sie. Zudem wurden 2020 mehr Kesb-Beistände eingesetzt. Ob das direkt mit der Pandemie zusammenhänge, sei zwar schwer zu sagen, so Fischer: «Wenn sich dieser Trend fortsetzt, braucht es aber mehr Ressourcen bei den Beistandspersonen.»

«Generell leiden Kinder oft besonders stark unter dem Streit ihrer Eltern», sagt die Kesb-Präsidentin weiter. Immer wieder erlebe man, dass Eltern bei den gegenseitigen Anschuldigungen keine Grenzen kennen würden: «Die eigenen Anteile am Konflikt werden ausgeblendet und die Gegenpartei als alleinige Verursacher der Probleme dargestellt.»

«Keine Hoffnung mehr»

S. sagt, mittlerweile liege sein Fall wieder bei der Kesb, die ihn neu aufrolle. Sein Vertrauen in die Behörden sei aber erschüttert: «Ich habe so viel verpasst.» Mittlerweile könne seine Tochter wohl laufen, vielleicht sogar schon sprechen. Er wolle, dass sie ihn als ihren Vater kenne: «Aber ich habe keine Hoffnung mehr, meine Tochter aufwachsen zu sehen.»

Hast du Probleme mit deinen Eltern oder Kindern?

Hier findest du Hilfe:

Pro Juventute, Beratung für Kinder und Jugendliche, Tel. 147

Elternberatung, Tel. 058 261 61 61

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